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BMW Mini : Eine schrecklich schicke Familie

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Heute will Mini alle nur denkbaren Ansprüche bedienen. Vom kleinen Roadster bis zum schweren Countryman ist die Marke unter dem Dach von BMW frei aufgestellt Bild: Hersteller

Aus dem Mini-Einzelkämpfer ist ein Maxi-Team mit 50 Mitgliedern geworden. Aber wie weit die Idee vom Lifestyle trägt, weiß niemand.

          Das Schicksal des Austin Mini ließ uns nicht gleichgültig. Das Ende des englischen Kobolds im Oktober 2000 traf alle Anhänger des starken Zwerges ins Herz. Als BMW dann vor elf Jahren den ersten Mini der neuen Generation initiierte, hatten Freunde dicke Tränen des Glücks in den Augen. Sie waren ergriffen von der Möglichkeit, wieder ein Auto zu fahren, das eigentlich ein Go-Cart ist und mit dem man um Papas Limousine flotte Kreise fahren konnte. Sie holten sich den Mini One, zahlten mehr als für jeden anderen Kleinwagen, lebten zunächst mit schlampiger Verarbeitung, billigen Materialien und störrischen Motoren und waren dennoch glücklich.

          Und die Mini-Manager erhörten vor dem Hintergrund der kapitalkräftigen BMW-Mutter alsbald ihr Flehen nach weiteren, schärferen Varianten. Diese führten bessere Qualität und ruhigere und stärkere Motoren heran, ohne den puristischen Charakter des nicht mehr ganz so kleinen Kleinwagens zu verwässern. Daran hat sich bis heute nichts geändert, und mit immer neuen Ableitungen sorgte die wiedergeborene Marke für das Erhalten des Feuers: Sechs eigenständige Modelle, jedes unter dem Mini-Label und gekleidet im genial adaptierten, über ein Jahrzehnt alten Mini-Design, schüren die Gier nach der teuren Zwerg-Ikone.

          Der Mini Clubman ist der durchtrainierte Kombiathlet in einer Fahrzeugfamilie, die allmählich unüberschaubar wird Bilderstrecke

          Dieses "Must-have-Gefühl" gab es schon vor 30 Jahren. Mit einem fetzigen Cooper gegen die bestehende Autohierarchie anzufahren war damals wunderbar. Nur hätte man sich noch mehr Leistung gewünscht und ein stärkeres Getriebe und bessere Bremsen und eine zuverlässigere Elektrik und noch viel mehr. Aber damals hatten die britischen Mini-Macher weder das Geld noch das ingeniöse Potential, um weitere attraktive Versionen zu realisieren. Über die damaligen Kombi- und verknorzten Stufenheckversionen hat sich das Dunkel der Historie gelegt.

          Wer heute die Mini-Website aufsucht, der wird mit einer treffenden Botschaft konfrontiert: "Eine beeindruckende Kollektion" werde geboten, so lobt sich der Hersteller und bietet eine Vielfalt unter der stringenten Modelleinheit, die eine Grundlage des Erfolgs geworden ist. Jede dieser rund 50 Varianten ist verschieden, und doch sind sie in ihrem Charakter gleich: puristisches Fahren, knackiger Frontantrieb mit der Handlichkeit eines Halmasteins und der noch immer weitgehenden Abwesenheit von Federung in Verbindung mit jugendlich-forschen Details, die ins Skurrile wandern und die niemand in einem wirklich erwachsenen Auto akzeptieren würde. Zum Beispiel das Leben mit einem Tacho, der trotz seines Paellapfannendurchmessers nur mies abzulesen ist, oder mit einer Serie von Kippschaltern, die man nicht mal als Zitate akzeptieren möchte. Oder mit einer manuellen Sitzverstellung, für die man Chirurgenhände benötigte. Oder mit einer Preispolitik, die den vermeintlich günstigen Einstiegspreis des Mini One (15 550 Euro) als Ergebnis britischen Humors ausweist. Dafür gibt es dürftige 55 kW (75 PS), und schon der Blick auf mehr Muskeln offenbart beim One mit 72 kW (98 PS) in Verbindung mit kleineren Extras (Klimaanlage, Sportsitze) einen Tarif deutlich jenseits von 19 000 Euro. Aber da geht es eigentlich erst richtig los: In das Mini Cabrio mit vier vom Sturm umtosten Sitzen steigt man bei knapp 21 000 Euro ein, der dreitürige Clubman (Werbespruch: "The other Mini") fordert vergleichsweise bescheidene 18 600 Euro, und für den klobigen Countryman ("Getaway") legt man mindestens 20 200 Euro hin. Die Uridee vom maximalen Raum auf minimaler Verkehrsfläche kann man im Mini Coupé (ab 21 200 Euro) und im ("Sonnenjäger") Cooper Roadster (ab 22 600 Euro) rasch vergessen. Sie offerieren lediglich zwei Sitzplätze, dafür bieten sie auf einem hässlichen Stummelheck einen albernen Spoiler, der sich bei höherem Tempo von alleine erhebt. Eine Sonderstellung nehmen die Versionen Cooper Works ("Der Ungezähmte") ein, die mit 155 kW (211 PS) eine besonders scharfe Klinge führen.

          Aber mit diesen Versionen scheint es noch nicht genug. Wie man hört, wird nachgedacht über einen Countryman, der, statt hoch zu bauen, eher flacher stapelt, und über eine Lieferwagenvariante. Das Projekt "Downing Street" (denkbar neben dem Editionsmodell "Baker Street") als staatstragende Nobellimousine im Mini-Format hat man wohl doch nicht verfolgt.

          Wie schon bei BMW kauft man mit dem Mini mehr als nur ein Auto. Man erwirbt eine Eintrittskarte. Ein Ticket für die Begegnung mit wuscheligen Weibspersonen und unrasierten Jungmännern, die allesamt permanent große Sonnenbrillen tragen, eine unerklärliche Fröhlichkeit verströmen sowie Gummistiefel und Gürtelschnallen verkaufen wollen. Hier wird der Kunde mit unerwarteter Vertraulichkeit geduzt. Dagegen siezt man jene Interessenten, die bei den "Minimalism"-Versionen nach den ultimativen Helden des Niedrigverbrauches suchen. Immerhin wird man im Mini One D (wie Diesel) mit 3,8 Liter Normverbrauch dankbar fündig.

          Bei fortdauerndem (und durchaus wahrscheinlichem) Verkaufserfolg wird die Mini-Welt noch einigermaßen in Ordnung bleiben. Allerdings ist fraglich, ob die vielen neuen Versionen auf Dauer den exklusiv-alternativen Auftritt nicht doch verwässern. Und die Suche nach einem Nachfolger (der One entstand vor 2000) wird eine gefährliche Gratwanderung. Man wird wohl kaum den einstigen, meist morschen Metro als Vorbild nehmen können.

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