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EM 2016 : Videoauge, sei wachsam

Dreißigfacher Zoom und Nachtsicht

Keinen permanenten Rundumblick, aber ein Verfolgen von Objekten auch über große Distanzen ermöglicht die hängende Kamera mit bauchiger Form, sie übermittelt gezielt Szenen in voller Auflösung. Je nach Modell können mit bis zu dreißigfachem Zoom Aufnahmen in mehr als 300 Meter Entfernung noch in HD-Qualität gemacht werden. Das und mehr ermöglichen Fernsehkameras zwar auch, die sind aber viel größer und kosten rund das Hundertfache. Wenn vom Kunden gewünscht, können bestimmte Bildausschnitte ausgeblendet werden. Ausgestattet mit einem Infrarotlicht gelingen bei Dunkelheit Aufnahmen bis in 150 Meter Entfernung, allerdings nur in Grautönen. Farbe ermöglicht eine Produktserie namens Starlight, selbst bei kritischen Lichtverhältnissen bis hinunter zu 0,052 Lux sollen Farbbilder in hoher Auflösung möglich sein. Das entspricht laut Bernd Konopka, dem Produktmanager für Videosysteme von Bosch, der Helligkeit einer Vollmondnacht.

Kameras in herkömmlichem Design (Boxkameras) sind heute zwar auch klein, sie fallen dem Beobachter aber etwas leichter auf. Im Gegensatz zu den Ufo-artigen Domes ist es mit solchen Anlagen möglich, die Objektive nach individuellen Anforderungen zu wählen. Das kann, je nach gewünschter Ausstattung - etwa einem Spezialobjektiv -, eine relativ teure Lösung sein. Sonst liegen die Kosten dieser Geräte mit den Domes ungefähr gleichauf: rund 400 bis 1500 Euro für fest installierte und bis zu 3000 Euro für schwenkbare Ausführungen.

Die Überwachungskamera denkt mit

Kern der modernen Überwachungskamera ist die schon erwähnte integrierte intelligente Videoanalyse. Hierin sei Bosch einer der Marktführer, sagt Konopka. Die automatische Analyse löst selbständig Alarm aus, sie erledigt dazu bis zu acht von 16 hinterlegten Aufgaben gleichzeitig, auch in Verknüpfung miteinander. Zum Beispiel das Erkennen der Form eines Objekts, der Farbe und der Bewegungsrichtung. So können etwa einzelne Personen, die sich entgegen des Hauptstroms bewegen, herausgefiltert werden, das System verfolgt sie dann automatisch. Auch ist es möglich, einzelne Menschen nachträglich Gruppen zuzuordnen, mit denen sie zuvor in Kontakt waren. Oder Typen mit bestimmten Eigenschaften herauszufiltern und dann ähnliche zu suchen. Die intelligente Videoanalyse erkennt außerdem, ob in einer Szene Objekte hinzugefügt oder entfernt wurden. Verdächtig abgestellte Koffer ohne Besitzer sind dann Anlass zu Alarm.

Die Kunst sei es weniger, einen Alarm zu generieren, erklärt Konopka. Schwieriger sei es, Fehlalarm zu vermeiden. Und die Entwicklung geht weiter: Noch ist das System nicht in der Lage, eine Person zu identifizieren, die ein Messer oder eine Pistole in der Hand hält - und dabei einen Attentäter von einem Polizisten zu unterscheiden.

Da die Daten in Abhängigkeit von der Rechtslage im Land des Kunden in der Regel mehrere Tage lang gespeichert werden, können auch rückblickend sicherheitsrelevante Vorgänge analysiert werden. Einen zeitlich und räumlich flexiblen Zugang zu Live-Bildern und Videoaufnahmen in HD-Qualität ermöglicht eine App oder eine spezielle Kundensoftware. Dabei wird die Bitrate immer der jeweils verfügbaren Bandbreite angepasst; das Standbild in HD erscheint auf dem Monitor, sobald die Videosequenz wegen eines aktuellen Vorfalls gestoppt worden ist.

Das System hat seine Grenzen

So klein die Kameras inzwischen auch sind: An Stellen, die zugänglich sind, müssen sie vor Zerstörung geschützt werden. Sie haben deshalb ein besonders robustes Gehäuse. Sollte es dennoch einem Randalierer gelingen, eine Kamera außer Betrieb zu setzen, übernehmen nach Möglichkeit andere die Funktion. Schlimmstenfalls weiß das Kontrollzentrum wenigstens anhand der fehlenden Rückmeldung, wenn sie ihre Arbeit eingestellt hat.

Dass man manchmal erst hinterher schlauer ist, zeigen jüngste Vorkommnisse: Im Halbfinale des französischen Fußballpokals zwischen den Mannschaften von Paris und Lille kam es zum Tumult, 20 000 Menschen sind auf den Platz gestürmt. Die hat das Sicherheitssystem aus naheliegenden Gründen nicht alle erfassen können. Aber die ersten Randalierer wurden über die Videos identifiziert und kurz darauf festgenommen.

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