https://www.faz.net/-gy9-t36x

Technik : Die Ratlosigkeit des Menschen im Dickicht des Digitalen

Ein ganzer Wirtschaftszweig schaufelt sich mit unausgereiften Produkten sein eigenes Grab. Geräte ohne Charakter und Charme in billigstem Kunststoff - aber mit mehr Funktionen und Schnickschnack. Moderne Technik wird zum Selbstzweck.

          8 Min.

          Technik ist überall. Sie bestimmt das Leben, sie bereichert es. Wir sind von der Technik des Alltags wie Handy, Fernsehgerät, Radio oder Auto schon lange abhängig. Nach einer Umfrage der London School of Economics behaupten mehr als 90 Prozent aller Handynutzer, daß sie ohne ihr Gerät den Alltag nicht mehr bewältigen könnten. Technik lassen wir uns einiges kosten. Der neue Flachbildschirm im Wohnzimmer, die Digitalkamera und der DVD-Recorder: das alles sind begehrte Konsumgüter. Technik dient der Entspannung und Unterhaltung, der Kommunikation, der Anregung und natürlich der Bildung. Technik ist aber auch Mobilität, eines der wichtigsten Güter westlicher Industriegesellschaften. Und die Technik beschleunigt sich, sie ist ein Kernpunkt des Fortschritts, der seit der Aufklärung untrennbar mit dem Gedanken der Moderne verbunden ist. Immerwährende Veränderung bestimmt unser Leben, und nichts ist älter als die Technik von gestern.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Das alles ist gut so und richtig. Aber es gibt Grenzen, die bald erreicht sind. Die Freude an der Technik ist zunehmend gedämpft. Verheißungen und Realität klaffen immer weiter auseinander. Beim Kauf eines neuen Computers stellen sich nagende Zweifel ein: Ob es das höhere Tempo und die bessere Ausstattung wirklich wert sind, zwei, drei Abende mit dem Gerät zu verbringen, bis alles so läuft wie bisher? Schneller ist er gewiß, aber wieviel Aufwand erfordert die Einrichtung? Was ist noch kompatibel, und läßt sich mit dem neuen PC auch die alte Telefonanlage in gewohnter Weise steuern? Gibt es die passenden Treiber? Ist es nicht klüger, das Alte und Bekannte weiterhin zu nutzen, statt sich auf neue Abenteuer einzulassen?

          Ähnliche Gedanken beim Wechsel zum hochauflösenden Fernsehen: Was muß alles modernisiert werden? Wie sieht es mit dem Brennen der Lieblingsserie auf DVD aus, funktioniert das schnelle Vorspulen bei Werbepausen mit dem Festplattenreceiver? Immer mehr Vorsicht ist angesagt. Kleine Köder wie das bessere Bild verbergen den dicken Angelhaken: Hat man einmal angebissen, hängt man fortan an der Leine der Unterhaltungselektronik-Mafia, die mit HDTV alle liebgewonnenen Gewohnheiten wie das Aufzeichnen, Schneiden und Bearbeiten von Videos unterbinden will.

          Am Anfang war „Geiz ist geil“

          Die Freude an der Technik schmilzt dahin. Langsam, aber stetig. Das betrifft vor allem alles Elektronische mit seinem besonders hohen Entwicklungstempo und die Welt des Digitalen, die auf den Reiz des unmittelbaren Erlebens und Nachvollziehens verzichtet. Am Anfang war „Geiz ist geil“ der Totengräber der Wertigkeit. Die Idee, daß man mit einem besonders günstigen Produkt ein „Schnäppchen“ macht, für einen kleinen Preis deutlich „mehr“ erhält, als das Produkt wert ist, ist im modernen Geschäftsleben absurd. Niemand hat etwas zu verschenken. Wenn der Dolby-Surround-Receiver mitsamt sieben Lautsprechern für weniger als 300 Euro im Regal steht, dann ist er eben nur 300 Euro wert. Die Marge des Händlers und Transportkosten aus China abgerechnet, erhält man ein 200-Euro-Produkt, und das klingt nicht nur nach 200 Euro, sondern ist hinsichtlich Entwicklungsaufwand, Herstellung, mechanischer Verarbeitung und klanglichen Eigenschaften eben kein Schnäppchen, sondern ein Billigprodukt mit begrenzter Haltbarkeit, ein wirtschaftlicher Totalschaden beim kleinsten Defekt, ein Ding ohne Service und Anspruch, Fast food für den Geiz-ist-geil-Gläubigen. Mechanische Wertigkeit gibt es hier nicht, die Haptik und der Genuß des In-die-Hand-Nehmens fehlen, auch die Freude am täglichen Umgang mit dem Gerät, wenn etwa ein solider Drehsteller satt einrastet und seinem Besitzer signalisiert, daß der teure Verstärker sein Geld wert war. Statt dessen sind wir umgeben von Geräten ohne Anmutung und Charme. Billigstes Plastik beim Handy oder Telefon, aber auch im neuen 25.000-Euro-Auto.

          Und dann die Inbetriebnahme. Spaß an der Technik braucht Erfolgserlebnisse. Einschalten, erkunden, Rückmeldungen erhalten, Aha-Erlebnisse genießen, sich dem Produkt spielerisch nähern, Neugier entwickeln, Resultate sehen oder hören und noch mehr wissen wollen. Die Realität ist aber immer öfter enttäuschend. Daß man schon den Ein- und Ausschalter nicht findet, ist eine Anekdote, aber manches Erlebnis ist wirklich bitter: Bisweilen sitzt man in dieser Redaktion wochenlang über Hard- und Software, die sich nicht installieren läßt, und wenn schon die Experten an die Grenzen ihrer Fähigkeiten geraten, fragt man sich, was der typische Konsument in solchen Fällen macht. Da ist etwa fast jede Handysoftware neuerdings so konstruiert, daß sie zunächst eine Zwangsregistrierung via SMS oder Mobilfunk vornimmt, die Daten der Sim-Karte und die Identifikationsnummer des Mobiltelefons an irgendeine Zentrale schickt, die Antwort abwartet und damit die Software so verschlüsselt, daß sie fest an Handy und Sim-Karte gebunden ist. Eine unsägliche Situation (vor allem, wenn man die Software verkaufen oder mit anderer Ausstattung weiternutzen möchte), die beim Scheitern der Aktion dafür sorgt, daß nichts läuft. Selbst hochkarätige und erstklassige Standardsoftware für den PC wie der Photoshop von Adobe macht ähnliche Sperenzchen. Kaum vorstellbar, welche Dramen sich abends oder am Wochenende bei einem Grafiker mit Eilauftrag abspielen, der mit der Zwangsregistrierung nicht zurechtkommt und sein wichtigstes Arbeitswerkzeug nicht starten kann.

          Ist diese Hürde überwunden, geht es gleich weiter: der Ärger über unausgereifte Produkte und die Tücken der Bedienung. Die Beispiele sind Legion. Da gibt es Hersteller von Grafikkarten, die in kürzester Zeit immer neue Hardware und stets neue Treiber auf den Markt bringen, auf daß die Spiele schneller laufen sollen. Melden die Testlabors der Fachzeitschriften Probleme und Inkompatibilitäten, ist gleich wieder der nächste Treiber zur Hand. Um das Produkt geht es den PR-Strategen dieser Unternehmen weniger: Die Verwirrstrategie für Journalisten und Konsumenten besteht darin, früh anzukündigen, den ersten Platz in der Benchmark-Liste zu sichern, und alles andere ist ziemlich egal. Fehler, Pannen und Probleme: Man kann hier nahezu den gesamten Bereich von PC-Hard- und Software durchbuchstabieren, aber auch die Welt der Unterhaltungselektronik, viele Produkte aus der Digitalfotografie und natürlich die Telekommunikation. Technisches aller Art kommt unausgereift auf den Markt, arbeitet nicht mit anderen Komponenten ordnungsgemäß zusammen, die Bedienung ist umständlich, wichtige Funktionen liegen nicht an zentraler Stelle, verschachtelte Menüs und immer mehr Details versperren den Blick aufs Ganze. Handbücher gibt es nicht mehr (bestenfalls elektronisch auf CD), Kundenbetreuung und Support fehlen oder sind horrend teuer.

          Fast jede Videoschnitt-Software für Amateurfilmer unter Windows bricht zusammen, wenn man einen längeren Film mit vielen Details auf DVD brennen will. Ein anderes Beispiel: Man starte Outlook mit dem Wunsch, eine bestimmte Rufnummer zu finden. Wir wählen die „Erweiterte Suche“, geben die Ortsvorwahl 069 ein und lassen in „Telefonnummernfeldern“ suchen. Das Ergebnis: Obwohl das Adreßbuch gut mit Frankfurter Kontakten bestückt ist, zeigt Outlook: „Es gibt keine Elemente, die in dieser Ansicht angezeigt werden.“ Und das passiert bei dem wohl wichtigsten Office-Programm, mit dem Millionen von Menschen Tag für Tag arbeiten. „Ergonomie bedeutet, alles mit geschlossenen Augen zu finden“, sagt Birgit Spanner-Ulmer, Professorin für Arbeitswissenschaft an der TU Chemnitz, die sich mit der Bedienung moderner Produkte beschäftigt. Bei vielen Dingen verzweifelt man trotz klarem Blick mit offenen Augen: Uns ist unlängst ein verstörter Mann bei der Autovermietung aufgefallen. Er wollte den eben geliehenen 7er-BMW zurückgeben und statt dessen ein anderes Fahrzeug. Nicht, daß ihm das Auto nicht gefallen hätte. Eine halbe Stunde lang sei er gen Stuttgart gefahren, und das Navigationssystem hätte ihn fortwährend zum Wenden und Abbiegen aufgefordert. Den elektronischen Kopiloten hätte er überhaupt nicht gebraucht. Aber Hamburg war als Ziel vom vorherigen Mieter eingetragen, und er fand nicht heraus, wie die Dame in der Mittelkonsole zum Schweigen zu bringen ist.

          Es kommt aber noch schlimmer

          An der eher teuren Hardware wird gespart, und was günstig elektronisch und per Software „machbar“ ist, wird zum Wettbewerbsvorteil hochgespielt. Warum soll ein portables Navigationssystem fürs Auto zusätzlich MP3-Lieder wiedergeben? Welchen Sinn hat es, daß der Apparat vor der Windschutzscheibe auch Fotos auf einem 7-Zentimeter-Display anzeigt? Geradezu abstrus: Moderne Kamerahandys haben alle möglichen Funktionen zur Bildbearbeitung eingebaut, die man besser, schneller und einfacher am Desktop-PC erledigen könnte. Aber bei Details, die Geld kosten und die in Sachen Bildqualität ganz zentral sind - das optische System oder der Autofokus -, hapert es.

          Es kommt aber noch schlimmer, und das sind die Macken, welche die Hersteller ab Werk eingebaut haben, damit die Hard- oder Software unbeabsichtigt etwas Ungewünschtes tut oder etwas nicht kann, was selbstverständlich ist: daß Handys mit einem versehentlichen Tastendruck ohne Rückfrage und automatisch ihren Internet-Browser starten, um dem Netzbetreiber zusätzliche Einnahmen aus dem Datentransport zu bescheren; daß Mobiltelefone von Vodafone kastriert werden, damit sich beispielsweise Fotos nicht kostenlos via Bluetooth, sondern nur kostenpflichtig via Mobilfunk übertragen lassen; daß man ungewollt am PC auf Internetseiten umgeleitet wird, die man niemals anwählen würde, damit der Seitenbetreiber höhere Zugriffszahlen und damit mehr Werbeeinnahmen verzeichnet; daß gängige Standardsoftware fortwährend den eigenen PC ausspioniert und Daten aller Art „nach Hause“ zum Hersteller überträgt; daß man ein Navi-System nur im stehenden Fahrzeug programmieren darf, obwohl diese Aufgabe auch der Beifahrer während der Fahrt übernehmen könnte. Alles Beispiele für eine zunehmende Gängelung des Konsumenten, der nicht mehr Herr seiner Technik sein darf.

          Nicht mehr der Konsument bestimmt, wie man mit Technik umgeht, sondern Marketingstrategen und Juristen. Das beste Beispiel ist die Unterhaltungsindustrie. Mit einer gewieften Doppelstrategie hat sie es in den vergangenen Jahren geschafft, den gewohnten und selbstverständlichen Umgang mit Musik und Film zu kriminalisieren und ihre Interessen auf breiter Front legislativ durchzusetzen. Musik-CDs für den Einsatz im Auto zu kopieren ist ebenso verboten wie das Brennen der Lieblingstitel zu einer „Best of“-Kompilation für die Freundin. Wer Musik und Film mit anderen teilt, muß mittlerweile in fast allen westlichen Staaten mit härteren Strafen rechnen als ein Gewaltverbrecher: Die Industrie und willfährige Komparsen in der Politik diktieren die Regeln des Umgangs mit Kulturgütern. Und auf der anderen Seite sind wichtige technische Neuerungen so kastriert, daß der Verbraucher der Zukunft auf liebgewonnene Konsumgewohnheiten verzichten muß. Hochauflösendes Fernsehen und Filme auf neuen Medien wie Blue-ray und HD-DVD sind vom ersten bis zum letzten Glied der Übertragungskette rigide geschützt. Und wenn man die flauen Aufnahmen der ersten erhältlichen Spielfilme sieht, erkennt man, daß der Fortschritt der Kopierschutz ist und bestenfalls an zweiter Stelle die Bildqualität. Philips hat unlängst ein Patent für einen „Advertisement Controller“ angemeldet, der jedwedes Überspringen von Werbung und selbst den Senderwechsel unterbinden will. Wenn das so weitergeht, ist demnächst selbst der Gang zum Kühlschrank oder zur Toilette während der Werbepause untersagt.

          Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel

          Indes stoßen die Umtriebe der Industrie immer öfter an die Grenzen der listigen Vernunft der Verbraucher: Hochauflösende Musikformate wie die SACD (nicht kopierbar) sind ein Flop. Und die Geschichte der Mini Disc seit Anfang der 90er Jahre zeigt eindrucksvoll, wie der Markt auf Nebenwege ausweicht, wenn die Hauptstraße des Fortschritts nur mit rigoroser Gängelung befahrbar ist. Von Sony als Nachfolgerin der Kompaktkassette angekündigt, war und ist die Mini Disc dem MP3-Format in Sachen Klangqualität haushoch überlegen. Aber von Anfang an hat man die Käufer mit Kopierschutzkapriolen gequält. Nicht einmal die Mikrofonaufnahme des eigenen Gesangs ließ sich auf den PC überspielen, geschweige denn dort bearbeiten. So machte MP3 das Rennen, das nahezu „freie“ Musikformat ohne Einschränkungen. So gut wie die Mini Disc klingt MP3 bis heute nicht, aber den Kunden ist's egal. Ein ähnliches Schicksal könnte HDTV drohen, wenn seine Kopierschutz-Nachteile schwerer wiegen als der einzige Vorteil der höheren Auflösung. Noch schwieriger wird es für das Betriebssystem Windows Vista, das nur unerhebliche Vorzüge gegenüber XP bietet, aber ebenfalls mit Rechtemanagement und Co. ungewohnte Schikanen bringt. Warum also wechseln?

          Alle diese Tendenzen zusammengenommen, schaufelt sich eine ganze Industrie ihr eigenes Grab. Die Freude an der Technik vor allem elektronischer und digitaler Provenienz schwindet. Der Kunde ist verunsichert. Die Kosten des Wechsels oder des Umstiegs auf neue Technik werden immer höher, und die Nachteile wiegen immer schwerer. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Noch ist es nicht zu spät.

          Weitere Themen

          Blitzer erkennt Handys am Steuer Video-Seite öffnen

          Sydney : Blitzer erkennt Handys am Steuer

          Wer in Australien am Steuer telefoniert, wird seit Sonntag geblitzt, denn Kameras erkennen Handys beim Fahrer. Damit soll die Zahl der Verkehrstoten über zwei Jahre um ein Drittel gesenkt werden.

          Topmeldungen

          Bau ohne Nutzen: Nach einem Brückenneubau auf unterschiedlichen Fahrbahnseiten verlegte Straßenbahngleise sind in der Innenstadt von Schwerin zu sehen.

          Rechnungshof-Bericht : So verschwenderisch ist der deutsche Staat

          Fehlendes Baumanagement, teure Apps, Zulagendschungel – an allen Ecken und Enden geht der Bund mit dem Geld der Steuerzahler sorglos um, schenkt man den Prüfern des Rechnungshofs Glauben.

          Menschenrechte in Xinjiang : Pekings alternative Fakten

          Mit einer internationalen Medienkampagne begegnet China der Kritik an der Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang. Die Veröffentlichungen im Westen haben im Machtapparat offensichtlich Unruhe ausgelöst.
          Hat nach dem Diesel-Urteil von Kassel was zu knabbern: Frankfurts Verkehrsdezernent Oesterling (links)

          Streit um Diesel-Fahrverbote : Letzte Mahnung für Frankfurt

          Im Streit um Diesel-Fahrverbote kann sich die Stadt Frankfurt bewähren. Angesichts des endlosen Wirrwarrs könnte man das Vertrauen in einen Staat verlieren, der erst gar nicht und dann sehr zäh auf den Dieselskandal reagierte.
          Wer sich Bildungsurlaub in den Kalender schreiben will, muss einiges beachten, bevor es losgehen kann.

          Die Karrierefrage : Lohnt sich Bildungsurlaub?

          Was haben Social-Media-Training und Klangmeditationen gemeinsam? Für beides gibt es eine ganze Woche frei. Bloß: die Regeln sind schwer zu durchschauen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.