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Technik : Die Ratlosigkeit des Menschen im Dickicht des Digitalen

Nicht mehr der Konsument bestimmt, wie man mit Technik umgeht, sondern Marketingstrategen und Juristen. Das beste Beispiel ist die Unterhaltungsindustrie. Mit einer gewieften Doppelstrategie hat sie es in den vergangenen Jahren geschafft, den gewohnten und selbstverständlichen Umgang mit Musik und Film zu kriminalisieren und ihre Interessen auf breiter Front legislativ durchzusetzen. Musik-CDs für den Einsatz im Auto zu kopieren ist ebenso verboten wie das Brennen der Lieblingstitel zu einer „Best of“-Kompilation für die Freundin. Wer Musik und Film mit anderen teilt, muß mittlerweile in fast allen westlichen Staaten mit härteren Strafen rechnen als ein Gewaltverbrecher: Die Industrie und willfährige Komparsen in der Politik diktieren die Regeln des Umgangs mit Kulturgütern. Und auf der anderen Seite sind wichtige technische Neuerungen so kastriert, daß der Verbraucher der Zukunft auf liebgewonnene Konsumgewohnheiten verzichten muß. Hochauflösendes Fernsehen und Filme auf neuen Medien wie Blue-ray und HD-DVD sind vom ersten bis zum letzten Glied der Übertragungskette rigide geschützt. Und wenn man die flauen Aufnahmen der ersten erhältlichen Spielfilme sieht, erkennt man, daß der Fortschritt der Kopierschutz ist und bestenfalls an zweiter Stelle die Bildqualität. Philips hat unlängst ein Patent für einen „Advertisement Controller“ angemeldet, der jedwedes Überspringen von Werbung und selbst den Senderwechsel unterbinden will. Wenn das so weitergeht, ist demnächst selbst der Gang zum Kühlschrank oder zur Toilette während der Werbepause untersagt.

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel

Indes stoßen die Umtriebe der Industrie immer öfter an die Grenzen der listigen Vernunft der Verbraucher: Hochauflösende Musikformate wie die SACD (nicht kopierbar) sind ein Flop. Und die Geschichte der Mini Disc seit Anfang der 90er Jahre zeigt eindrucksvoll, wie der Markt auf Nebenwege ausweicht, wenn die Hauptstraße des Fortschritts nur mit rigoroser Gängelung befahrbar ist. Von Sony als Nachfolgerin der Kompaktkassette angekündigt, war und ist die Mini Disc dem MP3-Format in Sachen Klangqualität haushoch überlegen. Aber von Anfang an hat man die Käufer mit Kopierschutzkapriolen gequält. Nicht einmal die Mikrofonaufnahme des eigenen Gesangs ließ sich auf den PC überspielen, geschweige denn dort bearbeiten. So machte MP3 das Rennen, das nahezu „freie“ Musikformat ohne Einschränkungen. So gut wie die Mini Disc klingt MP3 bis heute nicht, aber den Kunden ist's egal. Ein ähnliches Schicksal könnte HDTV drohen, wenn seine Kopierschutz-Nachteile schwerer wiegen als der einzige Vorteil der höheren Auflösung. Noch schwieriger wird es für das Betriebssystem Windows Vista, das nur unerhebliche Vorzüge gegenüber XP bietet, aber ebenfalls mit Rechtemanagement und Co. ungewohnte Schikanen bringt. Warum also wechseln?

Alle diese Tendenzen zusammengenommen, schaufelt sich eine ganze Industrie ihr eigenes Grab. Die Freude an der Technik vor allem elektronischer und digitaler Provenienz schwindet. Der Kunde ist verunsichert. Die Kosten des Wechsels oder des Umstiegs auf neue Technik werden immer höher, und die Nachteile wiegen immer schwerer. Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Noch ist es nicht zu spät.

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