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Technik : Die Ratlosigkeit des Menschen im Dickicht des Digitalen

Fast jede Videoschnitt-Software für Amateurfilmer unter Windows bricht zusammen, wenn man einen längeren Film mit vielen Details auf DVD brennen will. Ein anderes Beispiel: Man starte Outlook mit dem Wunsch, eine bestimmte Rufnummer zu finden. Wir wählen die „Erweiterte Suche“, geben die Ortsvorwahl 069 ein und lassen in „Telefonnummernfeldern“ suchen. Das Ergebnis: Obwohl das Adreßbuch gut mit Frankfurter Kontakten bestückt ist, zeigt Outlook: „Es gibt keine Elemente, die in dieser Ansicht angezeigt werden.“ Und das passiert bei dem wohl wichtigsten Office-Programm, mit dem Millionen von Menschen Tag für Tag arbeiten. „Ergonomie bedeutet, alles mit geschlossenen Augen zu finden“, sagt Birgit Spanner-Ulmer, Professorin für Arbeitswissenschaft an der TU Chemnitz, die sich mit der Bedienung moderner Produkte beschäftigt. Bei vielen Dingen verzweifelt man trotz klarem Blick mit offenen Augen: Uns ist unlängst ein verstörter Mann bei der Autovermietung aufgefallen. Er wollte den eben geliehenen 7er-BMW zurückgeben und statt dessen ein anderes Fahrzeug. Nicht, daß ihm das Auto nicht gefallen hätte. Eine halbe Stunde lang sei er gen Stuttgart gefahren, und das Navigationssystem hätte ihn fortwährend zum Wenden und Abbiegen aufgefordert. Den elektronischen Kopiloten hätte er überhaupt nicht gebraucht. Aber Hamburg war als Ziel vom vorherigen Mieter eingetragen, und er fand nicht heraus, wie die Dame in der Mittelkonsole zum Schweigen zu bringen ist.

Es kommt aber noch schlimmer

An der eher teuren Hardware wird gespart, und was günstig elektronisch und per Software „machbar“ ist, wird zum Wettbewerbsvorteil hochgespielt. Warum soll ein portables Navigationssystem fürs Auto zusätzlich MP3-Lieder wiedergeben? Welchen Sinn hat es, daß der Apparat vor der Windschutzscheibe auch Fotos auf einem 7-Zentimeter-Display anzeigt? Geradezu abstrus: Moderne Kamerahandys haben alle möglichen Funktionen zur Bildbearbeitung eingebaut, die man besser, schneller und einfacher am Desktop-PC erledigen könnte. Aber bei Details, die Geld kosten und die in Sachen Bildqualität ganz zentral sind - das optische System oder der Autofokus -, hapert es.

Es kommt aber noch schlimmer, und das sind die Macken, welche die Hersteller ab Werk eingebaut haben, damit die Hard- oder Software unbeabsichtigt etwas Ungewünschtes tut oder etwas nicht kann, was selbstverständlich ist: daß Handys mit einem versehentlichen Tastendruck ohne Rückfrage und automatisch ihren Internet-Browser starten, um dem Netzbetreiber zusätzliche Einnahmen aus dem Datentransport zu bescheren; daß Mobiltelefone von Vodafone kastriert werden, damit sich beispielsweise Fotos nicht kostenlos via Bluetooth, sondern nur kostenpflichtig via Mobilfunk übertragen lassen; daß man ungewollt am PC auf Internetseiten umgeleitet wird, die man niemals anwählen würde, damit der Seitenbetreiber höhere Zugriffszahlen und damit mehr Werbeeinnahmen verzeichnet; daß gängige Standardsoftware fortwährend den eigenen PC ausspioniert und Daten aller Art „nach Hause“ zum Hersteller überträgt; daß man ein Navi-System nur im stehenden Fahrzeug programmieren darf, obwohl diese Aufgabe auch der Beifahrer während der Fahrt übernehmen könnte. Alles Beispiele für eine zunehmende Gängelung des Konsumenten, der nicht mehr Herr seiner Technik sein darf.

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