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Sennheiser HD 800 : Der Meister zeigt sich im Detail

  • -Aktualisiert am

Sennheiser HD 800: eine akustische Qualität, die jeder Tonkonserve unerhörte Details entlockt Bild: Hersteller

Nach dem mythischen, stimmgewaltigen König der Musen Orpheus nannte sich der letzte große Sennheiser-Wurf. Dieses Prestige-Objekt kann man nicht mehr aus erster Hand kaufen, und so wurde es Zeit für einen würdigen Nachfolger.

          Wenn ein ausgewiesener Spezialist wie Sennheiser einen neuen Spitzen-Kopfhörer ankündigt, lohnt es sich, genau hinzuhören. Denn was der norddeutsche Hersteller als solches auslobt, ist nach aller Erfahrung mehr als nur eine Großserienvariante mit etwas mehr Lametta. Kenner der Szene erinnern sich noch an das Stichwort Orpheus. Nach dem mythischen, stimmgewaltigen König der Musen nannte sich der letzte große Sennheiser-Wurf, ein exquisites Hörgerät mit hauchdünner, elektrostatisch angetriebener Folienmembran und einem speziellen, chromglänzenden Röhren-Vorverstärker. Dieses Prestige-Objekt kann man nicht mehr aus erster Hand kaufen, und so wurde es Zeit für einen Nachfolger.

          Er trägt den schlichteren Namen HD 800, und weniger spektakulär ist auch seine Technik: Diesmal hat sich Sennheiser wieder auf das Prinzip des elektrodynamischen Membranantriebs besonnen. Hier besteht der Schallmotor also aus einer mit der Membran verbundenen Schwingspule, die zwischen zwei ringförmige Magnetelemente eintaucht. Vom Tonsignal-Strom durchflossen, bewegt sie sich im Magnetfeld und versetzt so auch die Membran in Schwingungen.

          Um die nötigen Lautstärken zu erzielen, bedarf es einer großen Membranfläche

          Bewährten Konventionen folgt der Hörer auch mit seiner offenen Bauweise, die Sennheiser schon anno 1968 erfunden und patentiert hat: Sie befreit die Hörkapseln von deutlich hörbaren Resonanzen, die auf demselben Effekt beruhen wie das allseits bekannte Rauschen einer Muschel, die man sich ans Ohr hält. Sennheiser-Entwickler Axel Grell ließ sich allerdings einige Besonderheiten einfallen, um den widerstreitenden Anforderungen an ein solches Konstrukt gerecht zu werden.

          Um Verzerrungen möglichst gering zu halten, ist es sinnvoll, mit möglichst maßvollen Membranauslenkungen auszukommen. Das bedeutet aber: Um die nötigen Lautstärken zu erzielen, bedarf es dann einer großen Membranfläche. Sie wiederum birgt das Risiko von Partialschwingungen, die sich nun ihrerseits als Verzerrungen dem Klanggeschehen beimischen. Grell entwarf folglich eine nach außen gewölbte, ringförmige und damit außergewöhnlich formstabile Membran, die eine geschlossene Wellenfront erzeugt, will sagen: Der schwingende Ring wirkt, als würde die gesamte von ihm umschlossene Fläche als Membran agieren.

          Ein mehr als stolzer Kaufpreis

          Neben der großflächigen Schallanregung setzt der HD 800 noch auf einen weiteren Kunstgriff: Die Membranen sitzen relativ weit vom Ohr entfernt; der akustische Einfluss des Außenohrs leistet also einen größeren Beitrag zum wahrgenommenen Klang als bei den meisten anderen Hörern. Zudem installierte Grell die Schallerzeuger so, dass sie das Ohr leicht angewinkelt, also etwas schräg von vorn befeuern. Beide Faktoren sollen den Effekt der „Im-Kopf-Lokalisation“, also den bei Kopfhörern üblichen Eindruck, das Klanggeschehen spiele sich im Kopf ab, ein Stück weit ausbremsen und so zu einer natürlichen Raumperspektive beitragen.

          Die anspruchvolle Konstruktion allein würde den stolzen Kaufpreis des HD 800 von fast 1000 Euro kaum rechtfertigen. Die großbürgerliche Umsetzung des Konzepts allerdings erweckt schon beim Auspacken Verständnis für den Kostenfaktor: Der Hörer wird in einer satingefütterten Ruhebox geliefert, der ein höchst anspruchsvoll verarbeitetes Gerät entsteigt. Der fein gravierte Firmenschriftzug auf dem Edelstahlbügel, das textilummantelte Tonkabel, die professionellen Kabel-Anstecksysteme an den Hörkapseln, der haptisch eindrucksvolle Klinkenstecker, die leicht aufliegenden großen Hörpolster - all dies sind nur Details, aber sie fügen sich zu einem respektablen Ganzen.

          Es geht dann eben doch noch deutlich besser

          Wir haben den HD 800 mit etlichen anderen Hörern verglichen - besonders intensiv mit dem K701 von AKG. Das Top-Modell der Wiener spielt zwar mit seinem Kaufpreis von etwa 250 Euro in einer ganz anderen materiellen Klasse, aber der Quercheck ist nicht abwegig: Als enorm klangfarbentreuer, basskräftiger und impulsfester, musikalischer und angenehmer Hausgenosse dient dieser Hörer uns seit einigen Jahren nicht nur zu Genuss-, sondern gern auch zu Referenzzwecken.

          Aber es geht dann eben doch noch deutlich besser: Ähnlich gewissenhaft in der Nachbildung natürlicher Klangfarben, ähnlich druckvoll in den Tiefen, spielt der Sennheiser noch wesentlich klarer auf: Bässe kommen luftiger, exakter, leichter, Höhen schweben feiner, angerissene Stahlsaiten schwingen scheinbar schneller ein. Das gesamte Klangbild wirkt präziser, genauer definiert, detaillierter durchgezeichnet, aber dadurch keineswegs strenger oder kühler, sondern eher frei und souverän. Ob es nennenswerte Spielräume für noch bessere Konstrukte gibt, müssen wir der Spekulation überlassen, aber eines ist sicher: Wer den HD 800 anschafft, wird sich mit der Bewegung auf seinem Konto schnell versöhnen, vermutlich schon am ersten Abend genussvollen Lauschens.

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