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Palmer Drei : Ein Verstärker für jeden Ton

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Ein Kästchen für Klangträume: Gitarrenverstärker Palmer Drei Bild: Hersteller

Der Palmer Drei erfüllt Gitarristen-Träume und verspricht „Verzerrung in ihrer reinsten Form“. Das können wir nur bestätigen: Ein Dreifach-Eintaktverstärker für die ewig Suchenden.

          3 Min.

          Gitarristen leiden gewöhnlich alle unter der gleichen Krankheit: Sie sind auf der ewigen Suche nach dem einen, selig machenden Ton. So mancher Probekeller ambitionierter Hobbyrocker und -blueser dürfte somit ein Arsenal an mehr oder weniger großen Würfeln mit Aufschriften wie Marshall, Fender, Vox oder Mesa Boogie beherbergen. Steht ein Auftritt an, heißt es, sich trotz der Fülle an Modellen zu entscheiden, mit welchen Gitarren über welchen Verstärker der Abend bestritten werden soll. Meist läuft das auf eine Entweder-oder-Entscheidung hinaus. Abrufbare Sound-Presets, wie sie in Floorboards oder Modelling-Amps auf digitaler Basis angeboten werden, sind dem röhrenverliebten Sound-Puristen oftmals zuwider - sucht er doch den puren Ton.

          Das Geheimnis für das Klangbild eines Verstärkers liegt wesentlich in der Art der Röhren, die verwendet werden. Sind es EL 84, so klingt der Verstärker druckvoll und mittenbetont „britisch“, das heißt nach den alten Vorbildern Marshall und Vox. Werden 6V6-Röhren gewählt, so dienen die alten Fender-Verstärker mit ihrem klaren Klangbild und ihrem Höhenreichtum als Referenz. Andere Röhren wie die 6L6 haben von beidem etwas. Der deutsche Musikelektronik-Anbieter Palmer prescht hier mit einer innovativen Idee nach vorn. Er packt je eine Röhre der oben genannten Typen in einen Verstärker. Als Vorstufenröhren werden ECC83 und 12AX7A genannt.

          15 Watt respektable Röhren-Power

          Der Palmer Drei ist somit ein Dreifach-Eintaktverstärker. Die Single-ended-Röhrenschaltung bringt es mit sich, dass die Leistung einer Röhre bei nur rund fünf Watt liegt. Das ist nicht viel und liegt gewöhnlich im Bereich von Recording- und Übung-Amps für zu Hause. Aber reicht das auch für einen kleinen Auftritt in einem Club oder zumindest für Durchsetzungsfähigkeit im Proberaum? Der Clou des Palmer Drei liegt darin, dass die drei verschiedenen Röhrentypen stufenlos gemischt werden können. Macht man das, stehen somit schon 15 Watt respektable Röhren-Power zur Verfügung.

          Genug der Theorie, kommen wir zum Praxistest. Wer den kleinen Boliden aus der Transportverpackung holt, ahnt, dass hier Qualität auf ihn zukommt. Satte 15 Kilogramm bringt der Palmer Drei in seinem stabilen, schwarzen Metallgehäuse auf die Waage. Das Bedienfeld ist ebenso ungewöhnlich wie übersichtlich. Neben der Eingangsbuchse gibt es nur sechs Knöpfe - und die sind befreit von jeglichen Anglizismen und kommen deutsch beschriftet selbsterklärend daher. Unter dem Oberbegriff Sättigung befinden sich die Regler „Normal“ und „Höhen“. Unter „Endstufen“ stehen die Zuordnungen Eins (EL84), Zwei (6V6) und Drei (6L6). Dazwischen ist noch ein Regler „Klang“ positioniert. Die Rückseite ist ebenso aufgeräumt, neben dem Anschluss für die Stromversorgung erwecken nur die Lautsprecherausgänge für 4-, 8- und 16-Ohm-Boxen die Aufmerksamkeit. Für den Test haben wir eine geschlossene Box mit zwei Lautsprechern und 10 Inch Durchmesser gewählt. Nach Einschalten des Verstärkers haben wir die obligatorischen fünf Minuten gewartet, damit die Röhren auch schön auf Temperatur kommen. Als Test-Fuhrpark standen aus der Fraktion der Humbucker-Modelle (Tonabnehmer mit druckvollen Doppelspulen) eine Gibson Les Paul, eine Gibson Flying V und eine Gibson Explorer bereit. Die Fraktion jener Gitarren mit einspuligen Tonabnehmern (Single Coils) wartete in Form einer Fender Telecaster, einer Fender Stratocaster (beide Modelle aus dem Custom Shop) und einer Gibson Les Paul Studio mit Soap-Bar-Pickups auf den Einsatz. Für die erste Orientierung am unüblichen Bedienfeld hilft Palmer im vorbildlich gestalteten Handbuch dem Verbraucher mit der Abbildung der Reglerstellungen von fünf verschiedenen Klangmöglichkeiten, die als Blues, Hendrix, Clean, Full Distortion und Funk bezeichnet werden. Theoretisch ergeben sich bei unserem Set-up mit sechs Gitarren also 30 verschiedene Klangvariationen, die den Gitarristen an den Amp heranführen.

          Das Ergebnis ist ein brachiales Sound-Brett

          Um es gleich zu sagen: Der Klangmöglichkeiten mit dem Palmer Drei sind nicht 30, sondern unendlich viele. Jede Gitarre verlangt nach anderen Einstellungen. Palmer verspricht mit dem innovativen Drei „Verzerrung in ihrer reinsten Form“. Das können wir nur bestätigen. Mit purer Spielfreude testen wir die Gibson FlyingV mit aggressiven Alnico-Tonabnehmern mit den empfohlenen Einstellungen für den Full-Distortion-Bereich - also maximale Verzerrung. Hier werden alle drei Röhren voll zugemischt, ebenso die Regler Höhen und Klang, während der Normalschalter auf Null steht. Das Ergebnis ist ein brachiales Sound-Brett, das aber distinguiert die Nuancen der Gitarre und des Spielers transportiert. Am anderen Ende des Klangspektrums kommt die Telecaster mit den empfohlenen Parametern für Funk zum Einsatz. Das Ergebnis ist schlicht überwältigend. Perkussive Töne im Bassbereich, gepaart mit den hochtonreichen Zwei- und Drei-Ton-Akkorden des Funk, kommen in kristallklarer Lebendigkeit daher und erwecken die Sehnsucht nach der Motown-Plattensammlung im Regal.

          Der Palmer Drei erzeugt Suchtgefahr, denn er bietet dem ewig nach dem perfekten Ton suchenden Gitarristen das ultimative Spielzeug dafür. Verarbeitung und Klang sind exzellent, ob Blues, Funk oder Rock - der Palmer Drei bringt mit dem jeweils geeigneten Gitarrentyp authentische Klangbilder. Die so einfache wie bestechende Idee der stufenlosen Kombination dreier verschiedener Endstufenröhren mit wirkungsvollen und nuanciert arbeitenden Volumen- und Klangreglern gibt jedem Gitarristen die Chance, sich mit dem Instrument möglichst nah an seine ideale Klangvorstellung heranzuarbeiten. Die Lautstärke genügt für den Einsatz im Proberaum und bei kleinen Auftritten, vor allem, wenn alle drei Röhren beigemischt werden. Der Palmer Drei ist im qualifizierten Musik-Fachhandel erhältlich und kostet um 1100 Euro.

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