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Leica M Edition 60 : Die Zeitreise

  • -Aktualisiert am

Pünktlich zum Jubiläum und auf 600 Stück begrenzt: die neue Leica M Edition 60 Bild: Hersteller

Dieser Kamera Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist nicht ganz leicht. Die sündhaft teure Leica M Edition 60 versteht man am besten aus der Erfahrung heraus: wie Fotografieren einmal war – und wie es heute sein kann.

          5 Min.

          Noch vor zwanzig Jahren – 1994, als Apple zusammen mit Kodak die QuickTake 100 als erste Digitalkamera für die Allgemeinheit auf den Markt brachte – ging Fotografieren so: Man lud seine Kamera zunächst mit einem Film, meistens mit einem Kleinbildfilm, wie man ihn auch heute noch im Drogeriemarkt bekommt. Die elektronische Steuerung einer Kompaktkamera nach damaligem Stand der Technik erkannte das Muster auf der Filmpatrone und damit die Empfindlichkeit des Materials, um die Belichtung entsprechend zu steuern. Die Kamera hatte einen eingebauten Blitz, der mit einem Vorblitz rote Augen zu vermeiden half. Und sie hatte eine Datenrückwand, um auf Wunsch das Aufnahmedatum in das Foto einzubelichten. Ihr motorisch bewegtes Zoomobjektiv stellte sie selbsttätig mittels Autofokus scharf. Leuchtdioden am Sucherokular signalisierten, wenn alles in Ordnung war oder wenn etwas nicht passte. Und in einem LCD von Fingernagelgröße wurden die Bilder gezählt und knappe Statusmeldungen gegeben.

          Auf der zwanzig Jahre alten Kamera prangen ein roter Punkt und der Name Leica. Die analoge Rundum-sorglos-Kamera funktioniert heute wie am ersten Tag, sofern sie eine dicke Batterie des Typs CR123A spendiert bekommt. Die ganze Wahrheit steht in Versalien der Schriftgröße Fliegenschiss am Boden des Kunststoffgehäuses: „Manufactured in Japan for Leica Camera GmbH“. Selbstverständlich gab es zur Zeit dieser Leica Mini Zoom seit fast einem halben Jahrhundert Sofortbildkameras. Das änderte aber wenig daran, dass man beim analogen Fotografieren zunächst einmal nur „das Bild im Kasten“ hatte. Ob es eine gelungene Aufnahme war oder nicht, konnte man nicht sofort nach dem Auslösen kontrollieren, sondern erst, wenn der Film (oder auch der Probeschuss eines Sofortbilds) entwickelt war. Das Können von Fotografen bestand nicht zuletzt darin, durch Wissen, manuelles Geschick beim Bedienen der Kamera und viel Erfahrung schon vor dem Gang in die Dunkelkammer einigermaßen sicher sein zu können, dass die gemachten Aufnahmen dem entsprachen, was beabsichtigt war.

          Die Leica M Edition 60 hat kein Display

          Durch die Digitalfotografie hat sich das grundlegend geändert. Beim Workshop mit einem Könner von Porträtfotograf passiert fortwährend Folgendes: Er nimmt seine digitale Spiegelreflex ans Auge, löst aus, setzt die Kamera ab, wirft einen Kontrollblick aufs Display, ändert vielleicht eine Einstellung minimal, und dann wieder Kamera hochnehmen, auslösen und wieder absetzen und wieder kontrollieren. Mancher – und zwar Profi wie Laie – macht das eben nach jeder einzelnen Aufnahme. Die Meinungen darüber, was die Möglichkeit der sofortigen Prüfung des Aufnahmeergebnisses für Auswirkungen hat, sind geteilt. Natürlich ist es überaus praktisch, sogleich zu wissen, ob eine Aufnahme gelungen ist. Aber es gibt durchaus Stimmen, die behaupten, die frühere Ungewissheit habe erzieherisch gewirkt. Man habe sich beim Fotografieren damals mehr angestrengt, habe genauer gearbeitet und lieber nach noch einem Motiv mehr gesucht und, wenn möglich, eine Aufnahme mehr gemacht.

          Nun gibt es in diesem Herbst eine digitale Leica M, die ihrem Benutzer die Beschränkungen der analogen Zeiten aufnötigt. Und zwar ganz einfach: Die Leica M Edition 60 hat kein Display. Die fotografische Ausbeute lässt sich erst besichtigen, wenn die Bilder auf einer Speicherkarte voller Rohdaten im dng-Format im Rechner mit einer Software (sinnvollerweise von dng-Entwickler Adobe) entwickelt worden sind. Diese „digitalen Negative“ lassen sich dabei wie analoge Film-Negative in verschiedener Art zu Bildern ausarbeiten.

          Macht diese Kamera als Fotoapparat glücklich?

          Dass Leica mit der M Edition 60 an die Einführung der M3 im Jahre 1954 erinnert, dass diese Kamera aus Edelstahl auf 600 Exemplare für alle Leica-Sammler dieser Welt limitiert werden soll, dass sie mit einem Summilux 1:1,4/35mm ASPH und einem Protektor als Tragriemenhalter zusammen das Sümmchen von 15 000 Euro kostet und dass ihre Erscheinung von Audi designt wurde, all das soll hier nicht weiter beschäftigen. Zwei Wochen des intensiven Ausprobierens einer Leica M Edition 60 mit der (Vor-)Seriennummer 03/11 sollten einfach der Frage gelten: Macht diese Kamera als Fotoapparat glücklich? Viele der sechshundert Exemplare werden das gar nicht leisten müssen. Sie werden, als Wertanlage und Sammlerstück gehegt, ein eher langweiliges Leben fristen, aber den Stolz und vielleicht auch den Kontostand ihrer Besitzer mehren. Aber selbst wenn eine Kamera im Gegenwert eines Kleinwagens außerhalb des eigenen Finanzrahmens liegt, man möchte doch wissen: Wie fühlt es sich an, mit so etwas zu fotografieren?

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