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Nach 3D-Kino kommt 4DX : Spaß bis auf die Haut

  • -Aktualisiert am

So stellen sich die Erfinder von 4DX das Kino-Erlebnis vor, etwas koreanisch überzogen. Bild: Hersteller

3D war gestern. 4DX soll den Kinogänger jetzt noch tiefer ins Geschehen locken. Kernstück dieser Technik sind trickreiche Sitze.

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          Crash, boom, bang. Totalschaden im Sekundentakt, Feuer, Panik, blaue Bohnen. Auf der Leinwand tobt eine Verfolgungsjagd nach allen Regeln der Kunst zwischen den üblichen Fraktionen – die Guten auf der Flucht, die Bösen hinterher. Der Zuschauer mit seiner 3D-Brille auf der Nase erlebt alles hautnah mit, sogar im direkten Sinne des Wortes. Wenn die Maschine im Fluchtauto röhrt, rubbelt die Sitzfläche mit, jeder Gangwechsel lässt den Sessel kurz nach vorn kippen, um die Verzögerung durch den Lastwechsel zu simulieren, in scharfen Kurven schleudert der Sitz den Betrachter in die passende Richtung. Was zischt da am Ohr vorbei? Richtig, die Bösen ballern ja aus allen Rohren, und ein scharfer Luftzug am rechten Ohr signalisiert: knapp vorbei, nochmal Glück gehabt, aber der Puls steigt auf 180.

          Diese Art des Miterlebens ist eigentlich gar nicht so ganz neu: In der Welt der Videospiele tüfteln Ingenieure schon seit einer Weile an Utensilien, die den Spieler nicht nur visuell ins Geschehen einbeziehen. Das Unternehmen Philips etwa hatte vor ein paar Jahren eine Programmiersprache entwickelt, die Kommandos für eine passende Geräte-Peripherie transportiert. Mit ihr ließen sich Umgebungslicht, Windmaschinen und anderes Zubehör steuern, um den Spaß am Bildschirm noch etwas näher an die Realität zu rücken. Dafür gibt es sogar einen Fachterminus: Immersiv nennt sich eine Erlebnisqualität, die mit Hilfe von Technik möglichst alle Sinne einbezieht.

          Jetzt hält die Idee auch im Kino Einzug: 4DX heißt die Technik, die der koreanische Mischkonzern CJ in den Lichtspielhäusern der Welt installiert. In asiatischen Ländern hat sich das System fast schon zum Hype entwickelt, in Amerika hat es Fuß gefasst, in Europa ist das Angebot noch rar. Immerhin: In der vergangen Woche hat ein Kino-Multiplex in Paris die erste Installation in Frankreich in Betrieb genommen. Deutsche Kinos, das wünschen sich die Koreaner, sollen bald folgen.

          Der Geist sprüht, wo er will: Große Düsen am Bühnenrand blasen auf Kommando mit. Bilderstrecke
          Der Geist sprüht, wo er will: Große Düsen am Bühnenrand blasen auf Kommando mit. :

          Wie funktioniert das immersive Kino? Kernstück des Systems sind trickreiche Sitze. Eine Anordnung aus sechs hydraulischen Zylindern kann sie blitzartig in jede Richtung kippen. Hinzu kommen Vibratoren unter der Sitzfläche und in der Rückenlehne: Sie rumoren nach Motor-Art oder knuffen in Stößen, ganz nach den Action-Vorgaben auf der Leinwand. Steht ein Platzregen im Drehbuch, stößt eine Düse in der Lehne des Vordermanns einen Spritzer aus. Der Zuschauer erlebt das feuchte Element dann auch auf seiner Haut. Hält das Leinwand-Wetter einen Windstoß parat, faucht aus einer anderen Düse ein kräftiger Luftstrom – mitten in die Frisur des Betrachters.

          Diese Art des Windmachens funktioniert nicht nur individuell. Große Düsen am Bühnenrand blasen auf Kommando mit, entweder sanft und gleichmäßig oder in heftigen Böen. Auch andere Emissionen kommen aus Leinwandnähe: Dampf, Nebel, Qualm, was das Herz begehrt. Sogar Schneeflocken kann das System ins Kino rieseln lassen. Zieht ein Gewitter auf oder explodiert ein Sprengsatz, hilft ein elektronisches Blitzlicht in der Kinodecke mit, die Illusion zu perfektionieren. Wird es gruselig im Leinwandgeschehen, weil niederes Getier durchs Unterholz schleicht, mischt ein flexibles Stäbchen knapp oberhalb der Fußstützen mit: Es kitzelt den Zuschauer an den Knöcheln und erhöht somit das Schock-Potential. Und wenn es in der Filmhandlung duftet oder pestet, leistet das 4DX-System olfaktorische Unterstützung. Kleine Düsen am Sitz verteilen zu diesem Zweck in sparsamer Dosis möglichst drehbuchnahe Aromen. Passen schließlich große Seifenblasen zum Programm, lässt eine Bubble-Maschine sie durch den Kinosaal schweben.

          Wenn King Kong durch den brackigen See stapft

          Braucht man all dies? Wir sind der Frage im mutigen Selbstversuch einmal nachgegangen, anhand des jüngsten Kinochart-Stürmers „Kong: Skull Island“. Dass die Kritik diesem Streifen einen schwachen Plot und ein höchst problematisches Menschenbild nachsagt, ist vollkommen berechtigt. Dass viele Zuschauerkommentare gleichwohl die Action-Qualität preisen, wenn der zyklopische Primat mit computergenerierten, kongenialen Saurier-Monstern aus den Sümpfen eines entlegenen Eilands auf Leben und Tod kämpft, ist ebenso plausibel. Diese Seite des Films erfährt infernalische Unterstützung, wenn das 4DX-System sein Emotionalisierungs-Arsenal anwirft: Stapft King Kong durch den brackigen See, erzeugt er eine Bugwelle wie ein Container-Schiff, der Zugucker fängt sich eine Mini-Dusche ein und erfühlt gleichzeitig die basalen Erschütterungen, die der stampfende Schritt des Urviechs auslöst. Der Ruhepuls jedenfalls stellt sich frühestens wieder ein, wenn nach zwei Stunden der Abspann läuft.

          Taugt aber die ganze Apparatur auch für Kino-Werke mit milderen Spannungsbögen? Theodore Kim, der für die Vermarktung des Systems verantwortlich ist, schließt das überhaupt nicht aus. „Für ,Fifty Shades of Grey‘ würde ich 4DX nicht gerade empfehlen“, scherzt er. „Aber es gibt viele ruhigere Sujets, in denen plötzliche Ereignisse die Spannung erhöhen. Hier kann 4DX die Handlung sinnvoll unterstützen. Wichtig ist, dass der Einsatz der Technik nicht zum Selbstzweck wird. Deshalb sind auch Techniker nicht die richtigen Effekt-Programmierer. Es sollten immer Leute aus den kreativen Metiers sein.“

          Die digitalen 4DX-Zusatzinformationen zum Film stecken in separaten Dateien, die auf Steuerservern für die ganze Apparatur lagern. Sie werden mit dem Film synchronisiert. Das bedeutet auch: 4DX ist nicht nur an cineastische Neuproduktionen gebunden. Auch ältere Filme lassen sich um die Maschineneffekte bereichern. Beispiele gibt es schon: Das 007-Abenteuer „Octopussy“ gehört dazu. Was der 4DX-Spaß an der Kinokasse kostet, hängt vom Multiplex-Betreiber ab. In Paris etwa sind 6 Euro als Aufpreis zum normalen Ticket-Tarif fällig.

          Wird das Publikum das Angebot goutieren? Kim ist davon überzeugt. Er sieht in der Entwicklung des Kinos ständigen Bedarf nach neuen Reizen, die über das hinausgehen, was das private Wohnzimmer zu bieten hat. Farbige Bewegtbilder, 3D-Ansichten, Surround-Sound und neuerdings 3D-Ton – mit all diesen Errungenschaften hatte das Kino stets die Nase vorn und konnte so dem tendenziellen Zuschauerschwund entgegenwirken.

          In Korea, berichtet Kim, ist die Entwicklung noch viel weiter. Dort gibt es „Culture Plex“ genannte Komplexe mit bis zu einem Dutzend Stockwerken, in denen das Kino nur noch eine kleinere Teilmenge ist. Büchereien, Videotheken, Säle für Gamer, Kinderkinos, Restaurants, in denen die Speisekarte sich an Motiv-Vorgaben der momentanen Blockbuster orientiert, Foto-Automaten, in denen die Besucher ihre Kinokarten mit dem eigenen Konterfei verzieren können – all dies gehört dazu. Sogar Liegeplätze gibt es dort. Also müsste man eigentlich gar nicht mehr nach Hause. Bevor die Rundum-Bespaßung auch hierzulande ein Hit wird, dürfte noch viel Zeit verstreichen. 4DX aber könnte die Tür in diese Form des Lustgewinns einen Spalt weit öffnen.

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