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Nach 3D-Kino kommt 4DX : Spaß bis auf die Haut

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Wenn King Kong durch den brackigen See stapft

Braucht man all dies? Wir sind der Frage im mutigen Selbstversuch einmal nachgegangen, anhand des jüngsten Kinochart-Stürmers „Kong: Skull Island“. Dass die Kritik diesem Streifen einen schwachen Plot und ein höchst problematisches Menschenbild nachsagt, ist vollkommen berechtigt. Dass viele Zuschauerkommentare gleichwohl die Action-Qualität preisen, wenn der zyklopische Primat mit computergenerierten, kongenialen Saurier-Monstern aus den Sümpfen eines entlegenen Eilands auf Leben und Tod kämpft, ist ebenso plausibel. Diese Seite des Films erfährt infernalische Unterstützung, wenn das 4DX-System sein Emotionalisierungs-Arsenal anwirft: Stapft King Kong durch den brackigen See, erzeugt er eine Bugwelle wie ein Container-Schiff, der Zugucker fängt sich eine Mini-Dusche ein und erfühlt gleichzeitig die basalen Erschütterungen, die der stampfende Schritt des Urviechs auslöst. Der Ruhepuls jedenfalls stellt sich frühestens wieder ein, wenn nach zwei Stunden der Abspann läuft.

Taugt aber die ganze Apparatur auch für Kino-Werke mit milderen Spannungsbögen? Theodore Kim, der für die Vermarktung des Systems verantwortlich ist, schließt das überhaupt nicht aus. „Für ,Fifty Shades of Grey‘ würde ich 4DX nicht gerade empfehlen“, scherzt er. „Aber es gibt viele ruhigere Sujets, in denen plötzliche Ereignisse die Spannung erhöhen. Hier kann 4DX die Handlung sinnvoll unterstützen. Wichtig ist, dass der Einsatz der Technik nicht zum Selbstzweck wird. Deshalb sind auch Techniker nicht die richtigen Effekt-Programmierer. Es sollten immer Leute aus den kreativen Metiers sein.“

Die digitalen 4DX-Zusatzinformationen zum Film stecken in separaten Dateien, die auf Steuerservern für die ganze Apparatur lagern. Sie werden mit dem Film synchronisiert. Das bedeutet auch: 4DX ist nicht nur an cineastische Neuproduktionen gebunden. Auch ältere Filme lassen sich um die Maschineneffekte bereichern. Beispiele gibt es schon: Das 007-Abenteuer „Octopussy“ gehört dazu. Was der 4DX-Spaß an der Kinokasse kostet, hängt vom Multiplex-Betreiber ab. In Paris etwa sind 6 Euro als Aufpreis zum normalen Ticket-Tarif fällig.

Wird das Publikum das Angebot goutieren? Kim ist davon überzeugt. Er sieht in der Entwicklung des Kinos ständigen Bedarf nach neuen Reizen, die über das hinausgehen, was das private Wohnzimmer zu bieten hat. Farbige Bewegtbilder, 3D-Ansichten, Surround-Sound und neuerdings 3D-Ton – mit all diesen Errungenschaften hatte das Kino stets die Nase vorn und konnte so dem tendenziellen Zuschauerschwund entgegenwirken.

In Korea, berichtet Kim, ist die Entwicklung noch viel weiter. Dort gibt es „Culture Plex“ genannte Komplexe mit bis zu einem Dutzend Stockwerken, in denen das Kino nur noch eine kleinere Teilmenge ist. Büchereien, Videotheken, Säle für Gamer, Kinderkinos, Restaurants, in denen die Speisekarte sich an Motiv-Vorgaben der momentanen Blockbuster orientiert, Foto-Automaten, in denen die Besucher ihre Kinokarten mit dem eigenen Konterfei verzieren können – all dies gehört dazu. Sogar Liegeplätze gibt es dort. Also müsste man eigentlich gar nicht mehr nach Hause. Bevor die Rundum-Bespaßung auch hierzulande ein Hit wird, dürfte noch viel Zeit verstreichen. 4DX aber könnte die Tür in diese Form des Lustgewinns einen Spalt weit öffnen.

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