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Leica-Ausstellung : Vom Gipsmodell bis zur Kuba-Krise

  • -Aktualisiert am

Stilvoll präsentierte Militärtechnik: Mit diesen umgerüsteten Leicas fotografierten Piloten der U.S. Navy die Raketentransporter während der Kuba-Krise Bild: Pardey

Auf den Spuren der Geschichte - die Wechselausstellung bei Leica in Wetzlar überrascht mit Raritäten zur Geschichte der „M“-Serie. Nur einer unter vielen Meilensteinen.

          3 Min.

          Das neue, über 50 Millionen Euro teure Firmengebäude der Leica Camera AG über Wetzlar ist stilistisch und technisch modern gestaltet und steckt doch voller Geschichte. Damit entspricht es vorzüglich dem Charakter einer Marke, die auch bei ihren allerjüngsten Produkten von einem vor Jahrzehnten erworbenen Nimbus zehrt - mehr als von allem anderen. In dem großzügigen, öffentlich und kostenlos zugänglichen Teil des Erdgeschosses wird das besonders deutlich.

          Einige der Bilder, die in dem lichten Foyer hängen, mögen tatsächlich im 21. Jahrhundert entstanden sein. Und wenn man weitergeht, kann man hinter Glas in peinlich sauberen Räumen Mitarbeiter bei der laufenden Produktion beobachten. Aber davor steht in einer Flucht von imponierenden Vitrinen der hundert Jahre zurückreichende Leica-Stammbaum.

          Und im Foyer sind unter 36 Bildern aus hundert Jahren - 36, weil diese Zahl der Anzahl der 24×36mm-Negative auf einem üblichen Kleinbildfilm entspricht - die wahren Ikonen historische Aufnahmen. Nur ein Beispiel: das hinreißende Selfie von Ilse Bing aus dem Jahre 1931.

          Fotografie : Leica - ein Mythos lebt wieder auf

          An die Gegenwart heranreichende Geschichte markieren davor Vitrinen mit sogenannten Meilensteinen, einem bei der Leica AG gern und reichlich verwendeten Begriff. Bei den Exponaten muss man ganz genau die Legende studieren: Zum Beispiel war die Leicaflex SL keineswegs die erste Spiegelreflex mit TTL-Messung, denn Asahi Pentax war mit der Spotmatic vier Jahre eher auf dem Markt. Aber die Leicaflex zeigte im Sucher mit einem Ring, welchen Bildbereich sie anmaß. So steht es auch korrekt an der Vitrine, wenn man die Legende ganz liest und nicht nur die ersten paar Wörter.

          60 Jahre alt, aber bis heute gebaut

          Vor den elf Meilensteinen ist im Foyer ein Bereich für Wechselausstellungen mit sechs Vitrinen. Dort wird zurzeit und noch bis Januar 2015 sechzig Jahre zurückgeblickt: So lange reicht die Geschichte der M-Leica zurück, die offiziell 1954 mit ihrer Präsentation auf der Photokina in Köln begann und mit vielen Wandlungen, aber auch einem bis heute gebauten Bajonett bis zur digitalen Gegenwart reicht.

          Natürlich finden sich die Anfänge wie die folgenden sechzig Jahre gut dokumentiert in dem erwähnten und so gut wie vollständigen Leica-Stammbaum. Was also soll eine Wechselausstellung speziell zu diesem Jubiläum zeigen?

          Stilvoll präsentierte Militärtechnik: Mit diesen umgerüsteten Leicas fotografierten Piloten der U.S. Navy die Raketentransporter während der Kuba-Krise
          Stilvoll präsentierte Militärtechnik: Mit diesen umgerüsteten Leicas fotografierten Piloten der U.S. Navy die Raketentransporter während der Kuba-Krise : Bild: Pardey

          Das war die Frage, die sich Lars Netopil, vor 46 Jahren im Wetzlar benachbarten Burgsolms geboren, zu stellen hatte. Netopil ist seiner Ausbildung nach eigentlich Jurist, er hat eine Rechtsanwaltszulassung und nennt als sein Spezialgebiet das Arbeitsrecht. Für sein Leben aber viel bestimmender wurde, dass er sich mit vierzehn Jahren nach der Konfirmation, die ihm 3000 D-Mark in bar eingebracht hatte, eine Leica R4 leistete.

          Das war das damals aktuelle Spiegelreflex-Modell mit eigenem Bajonett und Objektiven, also keine der klassischen Messsucherkameras mit dem Buchstaben M aus dem Hause Leitz. Dessen Tage der offenen Tür, die Netopil mit elf, zwölf, dreizehn Jahren erlebt hatte, brachten ihn auf die Idee, sein gutes Bares für den Erwerb der damals noch vergleichsweise sehr teuren Kamera aufzuwenden.

          „Die auch dem Kenner ein Zungenschnalzen entlocken“

          Dann kamen Jahre, in denen er vor allem auf Reisen fotografierte und sich nach und nach so gut wie alle Bücher zum Themenkreis Leitz und Leica zulegte. Allmählich erwachte so der Sammler in ihm, dem der Händler auf dem Fuße folgte. Noch als Rechtsreferendar eröffnete Netopil in der pittoresken Wetzlarer Altstadt einen kleinen Laden für historische Leicas. Seit 2012 ist das Geschäft ein Leica-Store, mutmaßlich der kleinste der Welt, und man kann dort auch aktuelle Leica-Technik sehen und erwerben.

          Ausstellungskurator Lars Netopil greift zum Revolver in der Vitrine
          Ausstellungskurator Lars Netopil greift zum Revolver in der Vitrine : Bild: Pardey

          Die Geschäftsidee des Sammlers und Händlers Netopil, der inzwischen ein international agierender und angesehener Fachmann, Gutachter und Berater von Sammlern ist, war einfach: Er suchte systematisch nach alter Leitz-Technik in der Region, und wurde dabei vielfach bei Ex-Leitzianern fündig. Auf diese Idee war Netopil gekommen, als er eines Tages in Frankfurt ein Leica-Zubehörteil günstig angeboten sah und sofort wusste, wem er dies mit einem hübschen Gewinn werde verkaufen können.

          Der Händler Netopil hat für den Sammler Netopil aber auch Trost parat: „Wenn ich mir die ganz besonders teuren Sachen selbst nicht leisten kann, ist es doch schön, sie zu erwerben, um sie weiterzuveräußern.“ In der Jubiläumsausstellung hat Netopil nun Dinge zusammengetragen, „die auch dem Kenner ein Zungenschnalzen entlocken sollten“: vom ersten Gehäusemodell, dem noch die barocken Rähmchen der M3 um die Messsucherfenster fehlen, und dem Wechselrevolver für drei Objektive bis zu vergoldeten Präsenten und Militärkameras - rare Leicas eben.

          Vitrinen mit sogenannten Meilensteinen
          Vitrinen mit sogenannten Meilensteinen : Bild: Pardey

          Lektüre zur Ausstellung

          Zwei Bücher statt eines Katalogs: Prototyp Leica. Exponate aus dem Werksmuseum und andere wichtige Einzelstücke aus der Sammlung von Surat Osathanugrah. Von Lars Netopil. 488 Seiten mit 400 großformatigen farbigen Abbildungen, Fotos: Eddie Siu, Gestaltung: David Pitzer. 99 Euro. - Rare Leica. Aus einer europäischen Sammlung. Von Lars Netopil. 512 Seiten mit über 600 großformatigen farbigen Abbildungen, Fotos: Wolfgang Sauer, Gestaltung: David Pitzer. 129 Euro. Der Text beider in Leinen gebundenen und im Schuber gelieferten Bücher ist zweisprachig (deutsch/englisch), das Format ist 21 × 30 Zentimeter. Bezugsmöglichkeit: www.lars-netopil.com

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