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Lautsprecher Beolab 90 : Der Traum vom Raum

  • -Aktualisiert am

Beolab 90 mit origineller Silhouette und präzisem Klang Bild: Hersteller

Zum 90. Geburtstag will sich Bang & Olufsen ein Denkmal setzen. Mit einem Lautsprecher, der all seine Artgenossen an die Wand spielt. Der Beolab 90 erzielt eine Raumdefinition, die einer Offenbarung gleichkommt.

          Am 17. November knallen im norddänischen Örtchen Struer die Champagnerkorken: Die feine Elektronik-Marke Bang & Olufsen wird 90 Jahre alt. Und pünktlich zum Geburtstag präsentieren die Nordlichter einen Lautsprecher, der den Horizont der HiFi-Technik dramatisch erweitern soll, mit beispiellosem Einsatz von Material und digitaler Rechenleistung. Damit schlägt das Beolab 90 genannte Modell auch ein neues Kapitel in der Firmenphilosophie auf: Die Design-Idee stand im Hause Bang & Olufsen bisher stets im Vordergrund; die Ingenieure leiteten daraus dann ein Konstrukt ab, das auch akustisch gefällt. Lautsprecher wie der Klassiker Beolab 18, dessen schlanke Gestalt an eine große Orgelpfeife gemahnt, stehen für diese Arbeitsweise.

          Diesmal ist es eher umgekehrt. Am Anfang stand eine technische Vision, die finale Gestalt entwickelte sich in der Auseinandersetzung zwischen Konstrukteuren und Designern. Als erster Lautsprecher der Welt sollte der Beolab 90 die volle Kontrolle über die komplizierten akustische Beziehungen zwischen Schallquelle und Hörraum übernehmen und damit möglichst genau an die Ohren bringen, was in der Tonkonserve steckt, ganz unabhängig von allen Dreingaben, die Reflexionen aus dem Hörraum üblicherweise hinzumixen.

          Kompensiert reflektierten Schall und bremst Resonanzen aus

          In Tonstudios nähert sich die Technik dieser Zielsetzung mit rabiaten Mitteln. Die Lautsprecher werden direkt auf die Ohren des Tonmeisters ausgerichtet, Absorber an den Wänden halten die Reflexionen gering. Das will im Wohnzimmer niemand nachmachen, also müssen intelligentere Mittel her. Der Beolab 90 kompensiert reflektierten Schall und bremst Resonanzen aus, indem er insgesamt 18 in alle Richtungen abstrahlende Membranen über zwei potente digitale Signalprozessoren in Phase und Amplitude ganz nach Bedarf steuert. So kann er auch die Richtcharakteristik des Gesamtlautsprechers genau definieren. Und nicht nur das: Er hält den Abstrahlwinkel über alle Frequenzen hinweg nahezu gleich. Kein konventioneller Lautsprecher schafft das. Weshalb das so wichtig ist? Von dieser Fähigkeit hängt maßgeblich ab, wie exakt ein Stereo-Lautsprecherpaar Instrumente und Stimmen im Raum abbilden und in der Tiefe staffeln kann.

          Das Abstrahlverhalten des Beolab 90 lässt sich ganz einfach über eine App steuern. Genießer bevorzugen den schmalen Abstrahlwinkel und lenken den Schall möglichst genau auf den Hörplatz. So erzielen sie die optimale räumliche Abbildung der Musik. Hören viele Gäste mit, empfiehlt sich ein breiterer Winkel als Kompromiss-Einstellung für alle Beteiligten; für eine Party kommt sogar ein omnidirektionales Abstrahlverhalten in Frage. Ein dekorativer Kranz aus Leuchtdioden an der Spitze des Lautsprechers zeigt die jeweilige Einstellung an. Speicherplätze in der App merken sich auf Wunsch alle eingestellten Parameter.

          Jeweils sieben Hoch- und Mitteltöner

          Zur digitalen Raffinesse passt die konstruktive Umsetzung. Die vier Tieftonchassis und die gesamte, auf 14 Platinen verteilte Elektronik stecken in einem einzigen, 65 Kilogramm schweren und geometrisch ungemein komplizierten Gehäuse aus Aluminiumguss. Darauf sitzt ein kleineres Gehäuse für die jeweils sieben Hoch- und Mitteltöner, die, ebenso wie die Bass-Chassis, allesamt vom bewährten dänischen Zulieferer Scanspeak stammen. Wie nun dieses ziemlich zyklopische Konstrukt so zu verkleiden sei, dass es elegant auftreten und dennoch akustisch ungehindert aufspielen könne, darüber haben die Designer sich über fast drei Jahre hinweg den Kopf zerbrochen. Heraus kam eine Lösung, die vor den großen Tieftonchassis und rund um die Mittel-Hochton-Etage spezielle, akustisch transparente Textilien wie Segel aufspannt, ohne dem Schall mechanische Stützen in den Weg zu stellen. Begrenzungen in Form von schmalen Aluminiumrahmen verleihen der Silhouette des Lautsprechers eine originelle Struktur. Bang & Olufsen fräst die Rahmen-Kränze aus jeweils einem schmalen Metallblock. Zwei im eigenen Hause entwickelte Roboter ziehen sie in die gewünschte Form, und zwei weitere Roboter teilen sich die Feinarbeit wie ein tanzendes Paar: Der eine hält den Kranz, der andere lässt die Polierscheibe rotieren.

          Hält das akustische Ergebnis, was die Akribie von Ingenieuren und Designern verspricht? Wir lauschten den Boliden, der die Musiksignale über Netzwerkanschlüsse oder über einen USB-Eingang entgegennimmt, noch vor dem Marktstart und waren hellauf begeistert. Das Konzept funktioniert nicht nur: Musik über diese Lautsprecher zu erleben, gleicht einer Entdeckungsreise. Über Hochtonauflösung oder Basspräzision könnten wir jetzt ellenlang schreiben - geschenkt, denn das sind für den Beolab 90 fast nur periphere Kompetenzen, die er zwar perfekt beherrscht, die aber nicht das eigentlich Spektakuläre dieses Lautsprechers ausmachen.

          Der Beolab 90 erzielt eine Raumdefinition, die einer Offenbarung gleichkommt. So präzise ausgerichtet, so auch in der Tiefe exakt positioniert haben wir Musik aus Tonkonserven noch nie gehört. Da fällt es fast schon leicht, von einem kollateralen Detail zu abstrahieren: Der neue Ausnahme-Lautsprecher kostet stolze 35.000 Euro je Stück. Potentiellen Investoren allerdings kann versichert werden: Wir haben schon deutlich teureren Lautsprechern gelauscht, die den Konzertsaal weit weniger exakt im Wohnraum nachzubilden vermochten. Und Kleinsparern verspricht der Hersteller, dass der Beolab 90 nur das Flaggschiff einer ganzen Flotte von Lautsprechern werden soll, die den Traum vom Raum auf grundsätzlich ähnliche Weise realisieren sollen, bloß mit etwas überschaubareren Mitteln.

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