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Kopfhörermesse Can Jam : Gut zuhören!

V-Moda ist wohl das einzige Unternehmen, das sich auf Messen und in der Werbung mit hübschen Frauen umgibt und zugleich sehr ordentliche Kopfhörer baut Bild: Dettweiler

Auf der europäischen Kopfhörermesse Can Jam zeigten Außenseiter ihre Stärken. Marken aus Japan, Amerika und China sind den deutschen ebenbürtig. Und wer hat den besten Kopfhörer der Welt?

          Kurt Brinkhoff winkt ab. „Geh weg mit dem Ding!“, sagt er zu dem freundlichen Mann hinter dem Tisch, der ihm vor wenigen Minuten noch diesen mächtigen Kopfhörer mit Holzelementen zum Probehören in die Hand gegeben hat. Es ist eigentlich ein Kompliment: „Jetzt brauche ich keinen mehr zu hören!“ Dabei ist der Westfale zwei Stunden von Minden nach Essen gefahren, um sich auf der ersten europäischen Kopfhörermesse über 50 Marken anhören zu können. Am Stand von Audionext scheint schon Schluss zu sein, als er gefrustet den LCD3 von Audeze vom Kopf nimmt. Brinkhoff ist nicht der einzige, der fasziniert und zugleich resigniert ist. 2000 Euro kostet das Topmodell. Das amerikanische Unternehmen hat sich auf das magnetostatische Wandlerprinzip spezialisiert. Dabei wird eine extrem dünne Folie zwischen zwei großen, gegensätzlich gepolten Magneten aufgespannt. Durch diese fließt Strom, sie schwingt dann zwischen den Magneten hin und her und erzeugt die Schallwellen.

          Genau hinter dem Stand von Audionext hat Sieveking Sound ebenfalls Kopfhörer mit magnetostatischem Prinzip aufgebaut. HiFiMan HE-500 und HE-6 fallen aufgrund ihres schlichten Äußeren weniger auf. Auch im Preis halten sie sich etwas zurück: Rund 700 und 1200 Euro sind hier die Schmerzgrenzen. Wie alle Magnetostaten arbeiten die Kopfhörer des Unternehmens mit Sitz in China sehr schnell und exakt, was etwa im Tieftonbereich dazu führt, dass ein sehr trockener Bass erzeugt wird.

          Alex Rosson mit dem LCD3: Der Audeze-Chef war für die Can Jam aus Kalifornien nach Essen angereist Bilderstrecke

          Auf der Can Jam macht es enormen Spaß, von Tisch zu Tisch zu ziehen und sich in Ruhe neue Kopfhörer aufzusetzen. Dazu trägt die Atmosphäre des Ortes bei. Der Veranstalter hat sich für einen riesigen Raum im Sanaa-Gebäude auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein entschieden. Der ist enorm hell, hat mindestens zehn Meter hohe Wände aus Sichtbeton, und der Boden ist mit einem hellen Teppichboden ausgelegt. Durch die überschaubare Besucherzahl gibt es kein Gedränge zwischen den Ständen. Man kann stressfrei zwischen ihnen hin und her wechseln. Wer besonders schnell ist und den richtigen Zeitpunkt abpasst, kann Kopfhörer somit fast direkt vergleichen.

          Nicht weit entfernt von den Magnetostaten von Audeze und HiFiMan wollen die Artverwandten von Stax am Stand von Audiotrade zeigen, dass auch sie eine Folie blitzschnell schwingen lassen können. Elektrostatische Kopfhörer produziert das japanische Unternehmen seit Anfang der sechziger Jahre. Dieses Bauprinzip funktioniert ähnlich, verzichtet aber komplett auf Magneten. Damit hier die Folie in Schwingung kommt, wird an sie eine hohe Spannung von mehreren hundert Volt angelegt. An ihrer Seite sitzen zwei gegensätzlich gepolte Elektroden, deren Ladung von den Musiksignalen bestimmt wird. Die Folie wird also auf einer Seite angezogen und gleichzeitig auf der anderen abgestoßen.

          Während der Hörprobe des neuen Flaggschiffs der Stax-Modelle bleibt bei manchen der Mund staunend offen. Der SR-009 klingt ähnlich perfekt wie der LCD3 von Audeze. Es dürfte bei beiden daran liegen, dass die Schallwellen von einer sehr dünnen und leichten Folienmembran erzeugt werden. Den Bass in Peter Gabriels „Don’t give up“ haben wir schon auf einigen Top-Modellen gehört, aber in einer solch trockenen Zartheit wie beim SR-009 noch nie. Wenn man den Preis des neuen Stax-Modells nachfragt, bekommt man den Mund immer noch nicht zu. Der SR-009 kostet zirka 5000 Euro, dazu kommen nochmal zirka 3000 Euro für den Verstärker, der bei Elektrostaten notwendig ist.

          Orpheus zum Anhören

          Der Stax-Kopfhörer ist an diesem Tag preislich und klanglich noch nicht der Höhepunkt. Sennheiser hat nämlich für die Can Jam eine Legende mitgebracht: Orpheus. Diese Kombination aus Kopfhörer und Verstärker zieht auch auf der IFA oder High End immer wieder Neugierige an. Das Einmalige auf dieser Messe ist, dass man sich das geheimnisvolle Objekt in Ruhe anhören kann.

          Vor etwa zwanzig Jahren wollte Sennheiser das technisch Mögliche ausreizen und hatte ohne wirtschaftliche Zielvorgaben drauflos entwickelt. Das Ergebnis des Projektes war ein elektrostatischer Kopfhörer mit Röhrenverstärker. Es war der Legendenbildung sicherlich zuträglich, dass man die Stückzahl vor vorneherein auf wenige hundert Exemplare begrenzt hatte. Es gab allerdings eh nicht so viele Musikliebhaber, die mal ebenso 20.000 Mark ausgeben konnten. Paul McCartney war einer von ihnen und bestellte ein Exemplar.

          Chefentwickler Axel Grell kam erst zu Sennheiser, als das Projekt Orpheus nahezu abgeschlossen war. Aber er kann hier auf der Can Jam jedes Detail erklären und vor allen Dingen verständlich machen, warum das Produkt so teuer ist. Da wäre etwa die nur 1 Mikrometer dünne Membran, die mit Platin bedampft ist. Oder die filigranen Elektroden, die in ihrem elektrischen Feld die Membran hin- und herbewegen. Sie bestehen aus 0,5 Millimeter dickem Glas, auf das eine hauchdünne Goldschicht aufgetragen ist. Die Wandlertechnik des Orpheus ist so dünn gebaut, dass man durch die Muschel schauen kann, wenn man sie gegen das Licht hält. Überraschenderweise hat Sennheiser die Entwicklung des elektrostatischen Bauprinzips nach Erscheinen des Orpheus eingestellt und sich ganz auf die elektrodynamischen Kopfhörer konzentriert. Und das - wie auch auf der Can Jam zu hören war - mit Erfolg. Der mittlerweile nun vier Jahre alte Sennheiser HD 800 gilt in vielen Redaktionen und Foren nach wie vor als Referenz für offene, ohrumschließende Kopfhörer.

          Valentin Hogea gefällt eigentlich gar kein Kopfhörer auf dieser Messe. Der freundliche junge Mann aus Schweden ist allerdings nicht hierher gereist, um zu meckern und alles niederzumachen. Obwohl er hauptberuflich Arzt ist, kann er zu vielen Kopfhörern etwas Konstruktives sagen, weil er in seiner Freizeit für das Blog Headfonia.com schreibt. Kopfhörer sind seine Leidenschaft. Dennoch habe er alle seine bisherigen Modelle verkauft. Und die Produkte, die er um seinen Hals trägt und in der Hand hält? „Das sind modifizierte Kopfhörer“, erklärt er. Einer davon ist der HE-5 von HiFiMan aus dem Jahr 2007. Hogea hat ihn nicht selbst umgebaut, sondern bei „Luis“ gekauft. Stecker, Polster, Kabel sind neu, aber auch Bauteile im Inneren. Der Kopfhörer klingt nun so, wie es der schwedische Arzt hören will.

          Eigentlich dürften die Kenner auf der Can Jam nur ein Unternehmen vermissen. AKG lässt sich hier nicht blicken. Dabei haben die Österreicher einige beachtenswerte Modelle im Angebot. Und könnten sogar eine Legende zur Schau stellen. Vielleicht ist ja der K-1000 im nächsten Jahr dabei. Wir würden ihn uns auf jeden Fall gerne anhören.

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