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Reußenzehn Masterclass : Luft und Frische aus der Oberwelle

  • -Aktualisiert am

Glänzender Auftritt: Mit Strahlkraft musiziert der Masterclass von Reußenzehn. Bild: Hersteller

Die Frankfurter Manufaktur Reußenzehn setzt auf die Röhre – auch bei ihrem neuen Kopfhörer-Verstärker Masterclass. Ist das pure Nostalgie oder steckt mehr dahinter?

          Die HiFi-Zunft liebt die Nische. Ob Vinyl oder Elektronenröhre – die Technik aus Opas besten Zeiten hat immer noch ihren festen Platz. Steckt pure Dampfmaschinen-Nostalgie dahinter oder doch sehr viel mehr? Tüftler wie der Frankfurter Röhrenspezialist Thomas Reußenzehn sind immer gut für exemplarische Antworten, und weil seine Manufaktur gerade einen neuen Kopfhörer-Verstärker auf Kiel legt, haben wir die Gunst der Stunde für eine einschlägige akustische Selbsterfahrung genutzt.

          Der neue Reußenzehn heißt ganz unbescheiden Masterclass und soll zeigen, was die glimmende Röhre besser kann als der profane Transistor. Stopp: Reußenzehn würde diese Frage so gar nicht stellen, denn die Vorzüge der archaischen Technik zeigen sich nach seiner Überzeugung nur, wenn das Schaltungskonzept deren Potential voll ausschöpft. Dazu gehören: wenige aktive Elemente im Signalweg und damit wenige Phasendrehungen, am liebsten Single-ended Class-A-Betrieb, damit das verstärkende Bauteil die kompletten Schwingungszüge der musikalischen Wellen verarbeitet und Übernahme-Verzerrungen folglich wegfallen, Luftverdrahtung statt Leiterplatinen, und last, but not least, der Einsatz erstklassiger Ausgangsübertrager. Reußenzehn fertigt sie selber, und für sein Modell Masterclass setzt er sogar Schnittbandkerne ein, die für extrem geringe Streuverluste stehen.

          Die theoretischen Klangunterschiede zwischen Röhren- und Transistorverstärkern liegen vor allem im Klirrverhalten, also der Art, wie sie dem Musiksignal Oberwellen hinzufügen. Röhren produzieren überwiegend die zweite harmonische Oberwelle, also die Oktave über dem Signal. Diese Verzerrungsart empfindet das Gehör als wenig störend, unter Umständen sogar besonders angenehm. Transistoren dagegen neigen zur Ausbildung der dritten harmonischen Oberwelle, also der Quint über der Oktave, die wesentlich lästiger ist und in den Verstärkerschaltungen folglich durch Gegenkopplung unterdrückt werden muss. Dadurch aber kann der Klang an Lebendigkeit einbüßen.

          Ausgelagertes Netzteil soll Störungen vermeiden

          Ein paar Details zum Verstärker-Aufbau: Das Netzteil hat Reußenzehn ausgelagert, um Störungen vom Signalweg fernzuhalten. Musikalische Quellen können an symmetrischen XLR- oder an Cinch-Buchsen andocken. Als Kopfhörer-Anschlüsse stehen vierpolige XLR-Buchsen und ein Klinkenanschluss zur Wahl. Zwei Schalter können den Maximalpegel begrenzen und die Verstärkung an die Kopfhörer-Impedanz anpassen. Für die Lautstärke-Einstellung gibt es separate Drehknöpfe für jeden Kanal, flankiert von zwei „Voicing“-Reglern. Sie beeinflussen das Obertonspektrum, können also eine Extra-Dosis der zweiten Harmonischen ins Klanggeschehen mischen und damit für zusätzliche Frische sorgen.

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          Das mag Puristen die Nackenhaare aufrichten, doch die Sache ist reizvoll. Schon in der neutralen Stellung der „Voice“-Regler musiziert der kleine Reußenzehn mit einer ungemeinen Luftigkeit, die unseren mit Transistoren arbeitenden Vergleichsverstärker ziemlich alt aussehen ließ. Und er öffnet das Klanggeschehen fein gestaffelt sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. So viel Raumgefühl erlebt man mit einem Kopfhörer selten.

          Die „Voice“-Regler setzen bei Bedarf noch eins drauf: Die ersten beiden Alben der Gruppe Chicago zum Beispiel, die musikalische Größe mit muffigem Studio-Sound vereinen, leben plötzlich auf, die drei Blechbläser des Ensembles lassen ihre Instrumente strahlen, der viel zu kompakte Sound der Aufnahme wirkt nun auf einmal spritzig und dynamisch. Das alles bereitet viel Spaß und ist nach High-End-Maßstäben sogar erschwinglich: 1280 Euro kostet der Masterclass in der Chromversion. Die vergoldete Fassung bietet Reußenzehn für 1780 Euro an.

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