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Andreas Sennheiser im Gespräch : „Lautsprecher sind zehnmal so teuer wie Kopfhörer“

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Andreas Sennheiser beschenkt sich selbst zum Siebzigsten Jubiläum mit dem (abermals) teuersten Kopfhörer der Welt: Name noch unbekannt, inoffiziell der Nachfolger des legendären Orpheus Bild: Dettweiler

Es ist relativ leicht, einen recht guten Kopfhörer zu bauen, sagt Co-Chef Andreas Sennheiser im Interview. Die schwierige Aufgabe sei es aber, exzellente zu bauen - und den besten und teuersten der Welt.

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          Das deutsche Familienunternehmen Sennheiser feiert in diesem Jahr sein siebzigstes Jubiläum. Die beiden Brüder Andreas und Daniel haben die Geschäftsführung von ihrem Vater Jörg übernommen, der wiederum damals von seinem Vater, dem Gründer Fritz Sennheiser, die Leitung übernommen hat. Sennheiser ist für seine Mikrofone und Kopfhörer bekannt. Im Interview spricht Co-Chef Andreas Sennheiser über die Kunst, exzellente Kopfhörer zu bauen, perfektes Material, das es noch nicht gibt und den Genuss, mit dem teuersten Kopfhörer der Welt zu Hause Musik hören zu dürfen.

          Herr Sennheiser, nennen Sie uns drei Meilensteine ihrer siebzigjährigen Unternehmensgeschichte.

          Erstens die Erfindung des drahtlosen Mikrofons im Jahr 1957. Zweitens die Erfindung des HiFi-Kopfhörers 1968 mit dem HD 414. Das war der Ur-Ur-Großvater von allen Kopfhörern, die heute existieren. Und drittens der elektrostatische Kopfhörer Orpheus im Jahr 1991, der nach wie vor als der beste gilt. Bis heute hat es keiner geschafft, uns dort vom Thron zu stoßen.

          Warum tragen immer mehr Menschen Kopfhörer?

          Eine massive Antriebskraft sind die vielen mobilen Geräte, deren Anzahl seit dem ersten iPhone im Jahr 2007 stetig steigt. Auf der anderen Seite haben viele Menschen das Bedürfnis, ungestört zu sein. Und das geht sehr gut, indem man mit dem Kopfhörer Musik hört.

          Sind Lautsprecher die bessere Wahl für die Musik zu Hause?

          Das kommt auf die Hörsituation an. Was nur ein Lautsprecher leisten kann, ist der bekannte „Tritt in den Magen“, also die körperliche Wahrnehmung der Schallwellen. Doch wenn man eine exzellente Qualität zu einem vertretbaren Preis haben will, ist der Kopfhörer erste Wahl. Für ein Paar Lautsprecher muss man ungefähr Faktor 10 ausgeben, um eine vergleichbare Qualität zu haben.

          Andreas Sennheiser führt zusammen mit seinem Bruder Daniel das Familienunternehmen

          Aber ein In-Ear-Kopfhörer wie der IE800 für 700 Euro?

          Stellen Sie sich vor, sie können einen Konzertsaal im Portemonnaie verstauen. Wenn man ihn mit der entsprechenden Quelle hört, versteht man das auch.

          Dennoch ist es schwieriger, jemand von einem teuren Kopfhörer zu überzeugen.

          Das ist wie mit einer Flasche Wein. Wenn man jemand klar machen will, wie ein Wein für 150 Euro schmeckt, kann man den Geschmack nicht einfach beschreiben, sondern muss demjenigen ein Glas hinstellen und ihn probieren lassen. Die meisten kommen dann auf den Geschmack.

          Genügt ein teurer Kopfhörer?

          Ein Kopfhörerverstärker ist auf jeden Fall empfehlenswert. Da kann man im A-B-Vergleich den Unterschied deutlich hören. Genauso wichtig ist die Quelle. Wenn ich ein schlecht codiertes MP3 benutze, bringt auch ein Kopfhörerverstärker wenig. Man muss deshalb auf die ganze Kette achten: Kopfhörer, Verstärker und am besten hochauflösendes Quellmaterial. Unterwegs reduziert sich die Kette, weil man aufgrund der Hörsituation bereits Abstriche macht.

          Sennheiser feiert 70. Jubiläum. Wie viel ist Erfahrung wert?

          Es ist relativ leicht, einen recht guten Kopfhörer zu bauen. Die physikalischen Grundlagen kennt man seit langer Zeit. Doch es ist unendlich schwierig, einen exzellenten Kopfhörer zu bauen. Wir haben deshalb Leute, die seit 30 Jahren an Kopfhörern mit unterschiedlichen Prinzipien forschen und die Feinheiten herausholen können. Wenn etwa der Hochtonbereich hoch auflöst, aber nicht spitz sein soll, und das in einen Frequenzgang umgesetzt werden muss, dann spielt die Erfahrung eine Rolle.

          Wie ist das Verhältnis von Intuition und Wissenschaft?

          Die wissenschaftliche Fundierung ist notwendig. Aber um die letzten zehn Prozent herauszuholen, spielt Intuition eine Rolle. Natürlich gehen wir sehr wissenschaftlich heran und simulieren auch viel. Dadurch kann man den Entwicklungsprozess beschleunigen. Doch der letzte Schritt ist Fingerspitzengefühl.

          Wie wichtig ist Material für die Konzeption eines Kopfhörers?

          Unsere Wunschmaterialien sind physisch noch nicht verfügbar. Das muss man ganz klar sagen. Da wünschen wir weiterhin permanente Weiterentwicklung. Bei der Grundlagenforschung hängen wir selbst mit drin. Was wir von unseren Lieferanten kriegen, ist immer das technisch Mögliche.

          Welches technische Verfahren bevorzugen Sie bei Sennheiser?

          Wir experimentieren bei Sennheiser in der Forschung mit allen drei Verfahren. Elektrostaten sind ungeeignet, wenn man unterwegs Musik hören will. Deswegen setzen wir bei den mobilen Kopfhörern das elektrodynamische Verfahren ein. Wenn es um den absoluten High-End-Bereich geht, ist unsere Wahl klar der elektrostatische Kopfhörer. Es gibt Hörpräferenzen, die sich damit besser bedienen lassen als mit elektrodynamischen. Deswegen haben wir uns 1991 beim Orpheus (teuerster Kopfhörer der Welt) auch für dieses Verfahren entschieden. Aber wir experimentieren auch mit Magnetostaten.

          Wie hören Sie zu Hause Musik?

          Ich höre privat tatsächlich noch sehr gerne mit dem Orpheus. Ich konnte noch einen von den 300 Exemplaren ergattern.

          Der Nachfolger des Orpheus

          Vor wenigen Wochen hat Sennheiser in London mit viel Getöse den Nachfolger des Orpheus vorgestellt, der aber nicht so genannt werden soll. Sennheiser spricht von „Meilenstein“, tut recht geheimnisvoll und veröffentlicht häppchenweise Details auf einer speziell dafür eingerichteten Webseite. Zu sehen und zu erfahren war in London nun Folgendes: Das Gehäuse des Verstärkers besteht aus Carraramarmor. Es hält dadurch Erschütterungen stand, die das Wirken der acht Röhren stören könnten. Die Membran ist 2,4 Mikrometer dünn und mit Platin bedampft. Der Frequenzbereich reicht von 8 Hertz bis 100 Kilohertz. Das ist im Vergleich zu anderen Kopfhörern sehr breit. Beeindruckend ist die Handhabung: Durch Drücken des Lautstärkereglers fährt dieser ebenso wie drei weitere Bedienknöpfe aus dem Marmor heraus. Ebenso erheben sich wie von Geisterhand die acht Röhren aus dem Gehäuse, der Deckel fährt sanft nach oben und gibt den Kopfhörer frei. Marmor, Sesam, öffne dich, Röhrentechnik und eine platinbedampfte Membran: der Orpheus II, wie man ihn nennen könnte, wird sicherlich seinen vermeintlichen Vorgänger in Preishöhe und Klangerlebnis überholen.

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