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Interview : „Jedes Jahr geben bis zu 500 Händler auf“

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Bild: dpa

Trotz hoher Nachfrage bei flachen Fernsehern herrschen stürmische Zeiten in der Unterhaltungsbranche. Die kleinen Fachhändler sterben aus. Dagegen läßt sich aber etwas unternehmen - meint Rainer Hecker, Vorsitzender des Unterhaltungsverbandes GFU.

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          Die Nachfrage nach neuen Fernsehern mit flachem Bildschirm ist weiterhin ungebrochen. Dennoch herrschen in der Branche stürmische Zeiten. Der Preisverfall läßt die Margen der Hersteller zusammenschrumpfen, und die kleinen Fachhändler sterben langsam aus. Dagegen läßt sich aber etwas unternehmen - meint Rainer Hecker, Vorsitzender des deutschen Branchenverbandes Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU) und Vorstandsvorsitzender der Loewe AG.

          Herr Hecker, die klassische Unterhaltungselektronik glänzt mit guten Zahlen. Die sind aber vor allem getrieben vom Verkauf der Flachbild-Fernseher. Ist das eine Sonderkonjunktur?
          Ja, das ist eine Sonderkonjunktur. Die wird aber nicht drei bis fünf Monate, sondern drei bis fünf Jahre dauern. Bisher sind erst rund zehn Prozent des Fernsehbestandes in Europa auf flache Bildschirme umgestellt.

          Mit welchen Zuwächsen rechnen Sie in Zukunft?
          Beim Absatz von Fernsehern gehe ich davon aus, daß sich die Wachstumsraten etwas abschwächen. Das heißt, sie werden nicht mehr dreistellig sein, wie im ersten Halbjahr bei den LCD-Geräten. Es wird aber in den kommenden Jahren immer noch ein gutes zweistelliges Wachstum dieses Marktsegmentes geben. Das gilt auch für den Umsatz.

          Wird es denn nur noch flache Bildschirme geben?
          Die Zukunft des Fernsehers ist auf jeden Fall flach. In Europa wird es über kurz oder lang keinen großen Markt für Röhrengeräte mehr geben. In anderen Teilen der Welt wie China oder Südamerika sieht das aber anders aus.

          Rainer Hecker: „Ältere Geräte wandern ins Gästezimmer”

          Wie oft kaufen sich die Verbraucher denn einen neuen Fernseher?
          Bisher haben die Leute gewartet, bis der alte Fernseher kaputt war, bevor sie sich einen neuen gekauft haben. Das ändert sich jetzt langsam. Die älteren, noch funktionierenden Geräte wandern dann ins Gästezimmer oder in die Werkstatt. Hinzu kommt, daß man die flachen Fernseher an Orten im Haushalt aufstellen kann, wo man ein Röhrengerät nie untergekriegt hätte. Auch das führt zu einer Ausweitung des Marktes.

          Wie viele Fernseher hat der Deutsche?
          Die Zahl liegt im Durchschnitt bei 1,4 Geräten und damit im europäischen Vergleich relativ niedrig. In Großbritannien sind es 2,3 Fernseher je Haushalt.

          Hat die Fußball-Weltmeisterschaft die Hoffnungen der Branche erfüllt?
          Bei Loewe ist der Umsatz im ersten Halbjahr um 31 Prozent auf mehr als 170 Millionen Euro gestiegen. Ein Teil dieses Wachstums ist auf die WM zurückzuführen. Sie hat damit unsere hochgesteckten Ziele erfüllt.

          Trotz der schönen Verkaufs- und Umsatzzahlen liegen die Margen im Geschäft weiter sehr niedrig. Wer verdient denn Geld mit den Geräten?
          Die Durchschnittsmarge im Markt liegt derzeit im niedrigen einstelligen Bereich. Für Loewe heißt das rund drei Prozent. Unser Ziel ist es aber, wieder eine Marge vor Zinsen und Steuern von sechs bis acht Prozent zu erreichen. Viele Unternehmen haben aber keine auskömmlichen Margen.

          Woran liegt das?
          Wir sehen im Markt weiterhin einen enormen Preisverfall zwischen 20 und 40 Prozent im Jahr. Zusätzlich gibt es eine Polarisierung beim Käuferverhalten. Entweder die Leute entscheiden sich für sehr preiswerte, einfache Geräte, oder sie kaufen hochwertige und eher teure Fernseher. Das mittlere Segment des Marktes steht sehr unter Druck und mit ihm die Unternehmen, die sich darauf konzentriert haben.

          Was heißt das für die Strategie?
          Die Anbieter müssen sich entscheiden: Entweder sie sind Kostenführer und produzieren entsprechend hohe Stückzahlen, oder sie produzieren höherwertige Produkte mit besonderen Eigenschaften und hohem Komfort. Diesen Weg geht Loewe.

          Wie sieht es auf der Seite der Händler aus?
          Die Fachhändler der Branche leiden unter der Konkurrenz der Flächenmärkte auf der "grünen Wiese". Von den rund 8000 Fachhändlern in Deutschland geben jedes Jahr zwischen 300 und 500 auf. Das liegt teilweise aber an fehlenden Nachfolgeregelungen in Familienbetrieben. Es gibt aber durchaus Wege für den Fachhandel, sich dagegen zu wehren. Bei höherwertigen Fernsehern liegt die Händlermarge immerhin noch bei rund 30 Prozent - also weit höher als zum Beispiel im Geschäft mit Computern.

          Wie kann sich der Fachhandel gegen die Konkurrenz der "Großen" wehren?
          Die neuen, digitalen Produkte haben einen sehr viel höheren Beratungsbedarf. Da kann der Fachhändler helfen. Er muß aber auf die neue Technik besser vorbereitet sein, als dies teilweise der Fall ist.

          Ein großes Messethema ist das hochauflösende Fernsehen (HDTV). Welche Rolle spielt HDTV schon im Markt?
          Die meisten Fernseher sind inzwischen auf das hochauflösende Fernsehen vorbereitet, sind "HD-Ready". Wichtig ist jetzt, daß das Angebot an entsprechenden Sendungen ausgebaut wird. Da gibt es bisher noch nicht viel.

          Und welche Rolle spielen die neuen DVDs mit den Speichertechniken Blu-Ray oder HD-DVD?
          Diese Speichertechniken, die enorme Datenmengen auf eine Scheibe bringen, werden einen entscheidenden zusätzlichen Schub geben, wenn die Leute Filme in hochauflösender Qualität kaufen und abspielen können, wie sie heute die bisherigen DVDs kaufen.

          Ist die Konkurrenz der beiden Standards nicht eher hinderlich?
          Das ist richtig. Ohne Standardisierung wird weniger investiert. Die Leute fragen sich, für welches System - ob HD-DVD oder Blu-Ray - sie sich entscheiden sollen. Das führt zu Kaufzurückhaltung.

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