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Internet im Fernsehen : Einheitstechnik für Web-TV

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HbbTV als Prototyp: Der Standard taugt auch für die illustrierte Programmvorschau Bild: Hersteller

Mit Web-TV kann man das Fernsehen mit dem Internet so verheiraten, dass ein Tastendruck auf der Fernbedienung genügt, um vom „Tatort“ auf Youtube umzuschalten. Ein neuer Standard ist in Sicht. Eine Sammlung etablierter Verfahren.

          Sie heißen Net TV, Yahoo Widgets, VieraCast, Applicast oder Aquos Net, und sie wollen alle nur das Eine: das klassische Fernsehen dergestalt mit dem Internet verheiraten, dass fortan ein Tastendruck auf der Fernbedienung genügt, um vom „Tatort“ auf das Daumenkino Youtube umzuschalten. Die Idee, das Web auf den Fernsehbildschirm im Wohnzimmer zu bringen, ist ja eigentlich ein alter Hut: Schon vor 13 Jahren schraubte Loewe als einer der ersten Hersteller einen kompletten PC in den Guckkasten - mit allen Nachteilen dieser Brachial-Lösung: Der Apparat musste erst einmal nach alter Väter Sitte booten, sodann via Modem eine Wählverbindung ins Netz aufbauen, und schließlich brauchte der Betrachter noch ein Opernglas, damit er all die filigranen Details handelsüblicher Websites erkennen konnte. Folglich blieb der Erfolg solcher Konstrukte überschaubar.

          Der jetzige Anlauf in Richtung Medienfusion steht unter günstigeren Zeichen: Digitale Fernseher bieten so viel Rechenleistung, dass sie das bisschen Internet-darstellung mit Hardware-Bordmitteln erledigen; allenfalls bei Flash-Animationen müssen sie heute noch passen. Flinke Breitbandzugänge haben die langsamen Wählverbindungen längst abgeschafft, und Inhalteanbieter mit Wohnzimmer-Ambitionen haben gelernt, dass sie ihre Seiten speziell für die Darstellung auf dem Fernsehschirm gestalten müssen, also möglichst einfach und mit plakativem Schrifttum. Folglich haben alle großen Hersteller, ob sie nun Philips, Panasonic, Samsung, Sharp oder Sony heißen, Fernseher auf den Markt gebracht, die das Internet als zusätzliche Programmquelle anzapfen. Sie alle arbeiten jedoch mit unterschiedlicher Technik, keine ist mit der anderen kompatibel. Deshalb sind auch die jeweils erreichbaren Internetdienste lauter Insellösungen, die sich auf bilaterale Verabredungen zwischen Geräteherstellern und Inhalteanbietern stützen. Anders ausgedrückt: Internetunternehmen, die ihre Websites auf allen gängigen Fernsehern sichtbar machen möchten, müssen ihr Material heute noch für fünf verschiedene Systeme aufbereiten. Man hat ja sonst nichts zu tun.

          Die technische Kleinstaaterei stellt das Internetprinzip des Ubiquitären natürlich geradezu auf den Kopf. Deshalb hat sich eine Initiative für einen offenen Standard formiert, der den proprietären Flickenteppich ablösen soll. Konkret: Das Münchener Institut für Rundfunktechnik (IRT), große europäische Senderfamilien, Software-Häuser und der Satellitenbetreiber Astra haben Spezifikationen namens „Hybrid Broadcast Broadband TV“ (HbbTV) verabschiedet und der europäischen Normen-Organisation Etsi zur Standardisierung eingereicht. Der Charme der HbbTV-Vorschläge: Ihre Spezifikationen stützen sich auf schon vorhandene und etablierte Techniken. Im Zentrum der HbbTV-Lösungen etwa steht ein Browser nach dem Standard CE-HTML, eine Software also, die sich von PC-Browsern lediglich durch graphische Vereinfachungen nach den Anforderungen eines Wohnzimmer-Bildschirms unterscheidet. Das System Net TV von Philips arbeitet schon mit einem solchen Browser, der so ganz nebenbei den Vorteil hat, nicht nur speziell aufbereitete Inhalte, sondern auch beliebige andere Websites auf den Bildschirm holen zu können.

          Gemeint ist die inhaltliche Verzahnung von Fernseh- und Webangeboten

          Ein weiteres Element der HbbTV-Spezifikationen dient der sogenannten Referenzierung. Gemeint ist die inhaltliche Verzahnung von Fernseh- und Webangeboten: Ein paar Zusatz-Bits im TV-Signal zeigen dem Empfangsgerät an, dass im Internet ergänzende Informationen zur Sendung verfügbar sind. Dann genügt der Druck auf die rote Taste der Fernbedienung, um die entsprechende Website auf den Bildschirm zu holen. Die technische Umsetzung greift ebenfalls Bewährtes auf: Sie ist längst Teil der DVB-Normen für digitales Fernsehen.

          Fernsehgeräte, die sich auf die CE-Variante der Internetsprache HTML verstehen, haben auch ein perfektes Rüstzeug zur Anzeige anspruchsvoll gestalteter programmbegleitender Informationen, man könnte auch sagen, für den Videotext des High-Definition-Zeitalters. Ob Hintergrundinformationen zur laufenden Sendung oder Programmführer in schönem Layout - auf HTML-Basis lässt sich all dies sehr einfach umsetzen. Zur Navigation, so wollen es die HbbTV-Vordenker, sollen wie gewohnt die farbigen Tasten der Fernbedienung dienen.

          Außer den großen Herstellern von Fernsehgeräten beschäftigen sich auch schon die Konfektionäre von Settop-Boxen mit dem Thema; Humax liefert in diesen Tagen ein erstes HbbTV-taugliches Empfangsgerät namens iCord HD+ an den Handel. Ob sich HbbTV wirklich auf breiter Front durchsetzen wird, steht vorerst noch in den Sternen; vernünftig wäre es schon.

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