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Elektronik-Luxus : Vernetztes Wohnen ohne Integrationsdebatte

  • -Aktualisiert am

Das Touch-Panel von Gira macht die Haussteuerung übersichtlich Bild: Hersteller

Heiko hat sein privates Domizil vom Keller bis zum Dach mit vernetzter Elektronik ausgerüstet. Alles, was digital tickt, hat einen Bildschirm oder Lautsprecher. Jalousien öffnen sich oder die Heizung fährt noch. Das iPad dient als opulente Fernbedienung.

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          Die Neundörfers im fränkischen Weilersbach haben manchmal mehr Besuch, als es einem geruhsamen Lebenswandel zuträglich wäre. Denn sie wohnen eigentlich in einer permanenten Ausstellung: Familienoberhaupt Heiko, Fachhändler für hochkarätige HiFi- und Videokomponenten, hat sein privates Domizil vom Keller bis zum Dach mit vernetzter Elektronik ausgerüstet. Und was er privat genießt, führt er an Ort und Stelle auch der Kundschaft vor.

          Das Thema ist nichts für Trockenkurse und graue Theorie: Man muss erleben, wie alles, was digital tickt, einen Bildschirm oder Lautsprecher hat, Jalousien öffnet oder die Heizung hochfährt, gemeinsam und reibungslos funktioniert wie die Rädchen in einem Schweizer Uhrwerk. Ebendies unterscheidet Neundörfers Hightech-Welt von so manchem anderen Smarthome-Projekt. Hier geht es weniger um das Spektakuläre oder gar Exotische, sondern eher um die Botschaft: Intelligentes Wohnen ist Luxus der machbaren und der genießbaren Art, auch für Leute ohne Technik-Führerschein und Ölmilliarden auf dem Konto.

          So überrascht der erste Eindruck des Hauses: Eine großzügige, moderne und wohnlich eingerichtete Immobilie ohne Kabelverhau und andere abschreckende Insignien angewandter Informatik. Gewiss: Hier signalisiert der eine oder andere Flachbildschirm erhöhte Medienaffinität, dort zeugen feine Lautsprecher der gestandenen Art von ausgeprägten HiFi-Ambitionen, aber das gibt es in anderen Medienhaushalten auch. Wo steckt sie denn überhaupt, die clevere Technik?

          Akustisch transparente Leinwand und Surroundsystem von B&W
          Akustisch transparente Leinwand und Surroundsystem von B&W : Bild: Hersteller

          „Ich komme nach Hause“

          Zum Beispiel im Flur, gleich rechts neben der Eingangstür: Hier ist ein 19 Zoll großer Bildschirm vom Gebäudetechnik-Spezialisten Gira in die Wand eingelassen - ein Sichtgerät mit Touchscreen-Sensorik, das, wenn es soll, den kompletten Elektronik-Park mit einer einzigen universellen Bedienoberfläche steuert. Wer mag, bündelt gleich ein halbes Dutzend Funktionen zu Szenarien, etwa: "Ich komme nach Hause." Einfach antippen, und schon schaltet sich im Eingangsbereich und in der Küche das Licht ein, das Radio wirft den Lieblingssender an, die Heizung legt ein paar Grad zu. Es gibt nichts, was diese Steuerzentrale nicht im Visier hätte: Sie überwacht die Gerätschaften in einzelnen Räumen, kümmert sich um Lüftung, Fenster und Türen, schaltet die Alarmanlage scharf, beobachtet das Wetter, gibt der Heizung detaillierte Arbeitspläne vor, lässt Jalousien automatisch auf- und abwärts schnurren, delegiert audiovisuelle Mediendateien an Bildschirme und Lautsprecher, überwacht Verbrauchsdaten von Wasser, Strom und Gas, zeigt als Live-Video an, wer draußen gerade klingelt oder was die Webcam im Garten so alles sieht.

          Eigentlich haben wir uns unpräzise ausgedrückt: Der Bildschirm ist natürlich nur die Sichtschnittstelle des eigentlichen Steuermanns, einer unscheinbaren Komponente namens Gira Homeserver, die im Keller Position bezieht und von dort aus alle Befehle verteilt. Das Besondere an dieser Lösung ist: Sie integriert zwei ganz verschiedene Netzwerke völlig nahtlos. Zum einen dient sie als Knoten des in der Gebäudetechnik etablierten Bussystems EIB/KNX, das mit niedrigen Datenraten und folglich auch mit einer einfachen Verkabelung aus verdrillten Adern auskommt, klassischen Telefonleitungen vergleichbar. Über EIB/KNX steuert das silberne Kästchen alles, was mit Licht und Haustechnik zu tun hat. Zum anderen ist der Homeserver in ein LAN-Netz eingebunden, das nach dem Internet-Protokoll (IP) arbeitet. Darüber lassen sich Audio- und Video-Datenströme im ganzen Haus verteilen und natürlich auch die vernetzten Computer ins Gesamtsystem einbinden.

          Gira bietet dazu Apps an

          Diese Architektur erlaubt es zudem, PC-Bildschirme, Notebooks, das iPhone oder den iPod als Steuergeräte zu nutzen: Gira bietet dazu Apps an, die exakt abbilden, was auch das große Touch-Panel neben der Eingangstür zeigt. Das kostspielige Panel wäre damit sogar komplett entbehrlich: Das iPad und seine Verwandten können seine Funktionen komplett übernehmen - als mobile, komfortable und vergleichsweise preisgünstige Fernbedienungen für das gesamte Raumschiff Haushalt.

          Zwei weitere Systeme haben im Gesamtkunstwerk Knotenfunktionen: Für alles, was mit bewegten und statischen Bildern zu tun hat, steht ein mit acht Terabyte Festplatten-Speicherkapazität ausgerüsteter Videoserver des deutschen Spezialisten Censys gerade. Der Apparat kann DVDs und Fotosammlungen in sein Archiv kopieren, über vier eingebaute Tuner ebenso viele Fernsehprogramme gleichzeitig einfangen, mitschneiden und alles, was da bunt ist, über das LAN-Netz an passende, in Bildschirmnähe aufgestellte Abspiel-Bausteine, Clients genannt, delegieren. Für den guten Ton im ganzen Haus sorgen die Komponenten von Sonos auf kongeniale Weise. Die Sonos-Steuerung ist direkt in die Gira-Nutzeroberfläche eingebunden; ähnlich kann die Haus-Steuerzentrale auch die Multiroom-Systeme von Revox und Loewe in ihre Steuergrafiken einbauen.

          Neundörfer kredenzt seiner Kundschaft und seiner Familie auf diese Weise ein opulentes Heimkino, eine audiovisuelle High-End-Anlage mit großer, diskret in der Decke versteckter Leinwand, eine Fernsehecke, die den Bildschirm automatisch aus einem EIB-gesteuerten Regal des österreichischen Anbieters Skloib herausfahren lässt, einen Spiegel-Bildschirm im Bad, und was das Multimedia-Herz sonst noch begehrt. Und wer angesichts solcher Pretiosen von Nachahmung träumt, ist bei Neundörfer gut aufgehoben. Denn hier stößt er gleich auf ein ganzes Experten-Netzwerk von der Innenarchitektin über den Programmierer bis hin zum Planer: Sie liefern alles nach Maß.

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