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Tonformat Atmos : Dolby bringt den 3D-Sound ins Wohnzimmer

Das Paradebeispiel für den gelungenen Einsatz von Dolby Atmos: der siebenfache Oscar-Gewinner „Gravity“ von Alfonso Cuarón Bild: Warner Bros. Pictures

Darauf haben Cineasten gewartet. Dolby macht das Tonformat Atmos für das Heimkino tauglich. Damit erklingt der Filmsound auch im Wohnzimmer in 3D. Wir durften uns schon mal hinsetzen.

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          Es ist soweit, das Wohnzimmer kann umgebaut werden. Das Unternehmen Dolby hat vorherige Woche in London bekanntgegeben, dass sein Tonformat „Atmos“ nun auch im Heimkino eingesetzt werden kann. Die Anlage zu Hause lässt sich damit so aufrüsten, dass die Toneffekte nicht nur von vorne und hinten, links und rechts kommen, sondern auch von oben. Zudem wird der Klang genauer und dynamischer. Das dreidimensionale Klangerlebnis ist nun auch mit einer Surroundanlage möglich.

          Bisher konnten nur jene Cineasten den 3D-Sound hören, die ein speziell ausgestattetes Kino mit dem entsprechenden Film besuchten. Von Herbst an wird es von mehreren Herstellern AV-Verstärker und Lautsprecher geben, die das neue Tonformat wiedergeben können. Schon Anfang September können Messebesucher der IFA in Berlin Produkte von Yamaha, Onkyo und Denon begutachten. Erste Bluray-Discs mit Atmos-Tonformat sollen im September kommen.

          Im Unterschied zu gängigen Surroundanlagen kann auch die Decke mit Lautsprechern bestückt werden. Weil auch Dolby weiß, dass bei vielen Filmenthusiasten finanzielle, innenarchitektonische oder familiäre Gründe gegen solche Konstruktionen sprechen, gibt es eine Alternative: Standboxen, die die Decke als Bande benutzen. Entweder packt man auf seine bisherigen Lautsprecher eine Erweiterung oder man kauft sich neue, die diese Technik integriert haben. Teufel wird demnächst solche Modelle vorstellen.

          Ein 5.1.4-System mit Lautsprechern an der Decke

          Doch wie kann eine Membran, die Schallwellen nach oben abgibt, einen ähnlichen Effekt erzeugen wie ein Lautsprecher, der an die Decke montiert ist? Die Membran in den Aufsätzen sitzt leicht schief, so dass die Schallenwellen von den hinteren und vorderen Lautsprechern zunächst zur Decke strahlen und dann von dieser im passenden Winkel reflektiert werden. Da diese länger unterwegs sind als die Schallwellen der anderen Membranen, muss der AV-Receiver sie ein paar Millisekunden früher losschicken.

          Während der Vorführung in Dolbys simuliertem Londoner Wohnzimmer wurden Filmszenen in beiden Varianten gezeigt, also einmal mit Deckenstrahlern und einmal mit aufgesetzten Modulen. Der Unterschied war kaum wahrzunehmen. Wie stark die Atmos-Stimmung in der heimischen Umgebung aufkommt, hängt natürlich von der Qualität der Geräte, aber viel mehr noch von der Anzahl der Lautsprecher ab. Es gilt: Je mehr Lautsprecher, desto eindrucksvoller. Wer bereits eine 7.1-Surroundanlage besitzt und mit vier Deckenelementen nachrüstet, erreicht schon ein gehobenes Niveau. Sollten Geldbeutel und Wohnungspartner mitspielen, kann man auch eine 11.2.4-Anlage aufbauen. Das Ende der Phantasie setzt spätestens der AV-Receiver mit der begrenzten Anzahl seiner Lautsprecheranschlüsse.

          Ebenfalls 5.1.4: Nur sitzen hier die Lautsprecher, die für den Sound von oben zuständig sind, auf den Front- und Rearboxen

          Das Tonformat Atmos ist keine simple Fortführung des bisherigen Mehrkanal-Systems. Dolby hat eine Software entwickelt, die eine zweite Ebene hinzufügt. Die erste Ebene stellt weiterhin die Grundlage dar: Mehrere Tonspuren werden auf einzelne Kanäle verteilt. Doch der Mischer kann im Nachhinein dynamische Soundobjekte herausnehmen, deren Klang er unabhängig von der Kanal-Ebene bestimmen kann. Das sind meist Objekte im Film, die sich bewegen wie etwa Hubschrauber, Pfeile, Kugeln, Vögel oder Autos. Während die Kanalabmischung dafür sorgt, dass wir zum Beispiel die Filmmusik vorne links und rechts, den Dialog vorne in der Mitte und den Straßenlärm hinter uns hören, „fliegt“ das Audioobjekt unabhängig davon durch den Kinosaal oder das Wohnzimmer.

          Dies wird in der Phase der Postproduktion angelegt. Der Soundmischer zeichnet am Computer händisch den Weg durch den Kinosaal nach. Im virtuellen Raum lässt er also beispielsweise einen Vogel zwitschernd vorne links losfliegen, dann einen Kreis über die Köpfe der Zuschauer drehen, um ihn hinten rechts auf einem Zweig landen zu lassen. Die Software nimmt diese Daten und rechnet sie auf einzelne Lautsprecher um. Das können bis zu 64 Stück am Boden, an den Wänden und der Decke sein.

          Während der Filmvorführung passiert nun folgendes: Dolbys „digitaler Cinema-Prozessor“ signalisiert in Echtzeit einzelnen Boxen, wann sie das Gezwitscher des Vogels wiedergeben sollen. So wie der Vogel auf der Leinwand fliegt, tut er es klanglich auch im Zuschauerraum. Dies funktioniert in verschiedenen Räumen, weil der Prozessor immer die Anzahl und die Orte der Lautsprecher kennt und den Weg der Audioobjekte entsprechend umrechnet. Das gilt auch für das Wohnzimmer, wenn man den Verstärker entsprechend skaliert. Da man aber meist nicht mehr als sieben Lautsprecher, einen Subwoofer und vier Deckenelemente hat, musste sich Dolby für die AV-Receiver etwas einfallen lassen.

          Mit Hilfe des „Spatial Coding“ werden mehrere Audioobjekte, die sich ähnlich sind, zu einem zusammengefasst und nur auf einem Lautsprecher wiedergegeben. Hört man im Kino bei einer Schießerei jeden Schuss einzeln, sind es dann beispielsweise fünf Schüssen, die aus der Box hinten links zu hören sind. Der Flug eines Hubschraubers ist nicht mehr wie im Kino auf 18 Boxen verteilt, sondern im Wohnzimmer nur noch auf fünf. Der dreidimensionale Eindruck bleibt jedoch bestehen.

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