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Cinemizer : Nasenkino für den iPod

  • -Aktualisiert am

Teurer Unfug: Von Carl Zeiss haben die Tester mehr erwartet Bild: Sybille Wilhelm

Eine überzeugende Idee ist der Cinemizer, die Videobrille für den iPod. Aber Macken im Detail lassen am Hersteller Carl Zeiss zweifeln. Neben schlechtem Tragekomfort und lausigem Ton ist auch der Preis ein Zögern wert.

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          Das private Kino im Nasenfahrrad - die Idee ist so plausibel wie das persönliche Lauschen mit einem Kopfhörer: Statt im Flugzeug oder in der Bahn das winzige Anzeigefensterchen eines Multimedia-Players zu fixieren, um dort mühsam das Treiben von Hollywood-Akteuren in Ameisengröße zu verfolgen, lässt man den Blick in die imaginäre Weite schweifen und wähnt sich vor einer Leinwand - oder doch wenigstens vor einem virtuellen Großbildschirm. So ganz neu ist die Vorstellung von der Videobrille, die den Pupillen bunte Bilder aus kürzester Distanz und damit scheinbar in eindrucksvoller Größe zuspielt, durchaus nicht. Schon vor acht Jahren brachte Olympus ein Utensil namens Eye-Trek auf den Markt, das ebendiesen Gedanken verwirklichte.

          Jetzt greift Carl Zeiss die Idee wieder auf, diesmal unter dem Namen Cinemizer und unter etwas anderen Vorzeichen: Die Zeiss-Sehhilfe ist speziell auf videotaugliche iPod-Modelle als Bildquelle zugeschnitten. Drei Versionen dieser Taschenspieler-Familie, die iPods Nano, Classic und Touch, sowie das kongeniale iPhone können bewegte Bilder im Raster 640 × 480 Pixel speichern. Das entspricht der Auflösung des amerikanischen Analog-Fernsehens NTSC, steht also für eine etwas geringere Detailtreue als das hiesige PAL-Fernsehen. Die beiden winzigen LCD-Schirme in der Zeiss-Brille geben exakt dieses Raster wieder und versprechen somit eine durchaus beachtliche Feinzeichnung - nur eben nicht in Scheckkartengröße, sondern in Darstellungen, die zwei Meter vor der Nase zu schweben scheinen und ein virtuelles Diagonalmaß von mehr als einem Meter haben.

          „Scharf, schärfer, Cinemizer.“

          Die Brille bezieht das Programm über ein Kabel von einem kleinen Elektronikkästchen. Hier sitzt die Videoelektronik gemeinsam mit der Energiequelle, einem Akku, der über eine USB-Anschlussbuchse geladen wird. An der Elektronikschachtel dockt außerdem der iPod an. Passende, auswechselbare Halteschalen für jedes videotüchtige Modell gehören zum Lieferumfang, und eine mit dem Brillenkabel verbundene kleine Fernbedienung hilft, das Wunschprogramm auszuwählen und zu starten. Über eine spezielle vierpolige Klinkenbuchse können sich aber auch andere Videoquellen ins Spiel bringen, zum Beispiel ein DVD-Player oder eine Spielekonsole.

          Die Handhabung des pfiffig konzipierten Sichtgeräts wirft keinerlei Probleme auf, die Brille und ihr elektronischer Außenborder funktionieren auf Anhieb, ohne je einen Blick in die Bedienungsanleitung zu verlangen. Ein weiterer Pluspunkt: Der Akku hält über vier Stunden durch, für zwei Spielfilme reicht er also locker. Und falls dem iPod vorzeitig die Energiereserven schwinden, hilft der Brillenakku sogar noch mit seinen Stromvorräten aus. Aber hält die Kinobrille auch in anderer Hinsicht, was Zeiss ihr in seinen Werbesprüchen nachsagen lässt? Immerhin verheißt der Hersteller nichts weniger als „Kinoqualität“ für ein „unvergessliches Filmerlebnis“, in einer anderen Variante gequälter Reklamelyrik ausgedrückt: „Scharf, schärfer, Cinemizer.“

          Das ist schon deshalb unsinnig, weil Kinoqualität mehr als die dreißigfache Auflösung voraussetzen würde. Und von LCD-Displays in Fingernagelgröße unvergessliche Wunder zu versprechen ist schon ziemlich albern. Dennoch fanden wir die Bildqualität des Cinemizers durchaus ansprechend; die schiere Größe der Darstellung beeindruckt, und auch die Detailzeichnung ist akzeptabel. Die Motive leuchten hell, wenn auch nicht sehr kontrastreich; schwarze Bildpartien geraten, wie von allzu schlichten LCD-Fernsehern her bekannt, eher mittelgrau, mithin ziemlich kinountypisch.

          Spielfilmlängen werden zur Tortur

          Mit solchen Einschränkungen könnten wir immerhin leben, aber leider fanden wir auch noch andere Haare in der Suppe, die uns zu etlichen Verbesserungsvorschlägen inspirierten. Einer betrifft den Tragekomfort: Damit die beiden LCD-Bilder wirklich deckungsgleich zu einem einzigen Motiv verschmelzen und die mechanischen Elemente direkt über der Nase unsichtbar werden, muss die Brille möglichst dicht vor den Augen sitzen, was ihre justierbaren Bügel sicherstellen sollen. Angemessen festgezurrt, aber drücken diese Halterungen schon nach kurzem Tragen heftig hinter den Ohren, Spielfilmlängen werden zur Tortur. Etwas weicheres, weniger kantig geformtes Material würde Wunder wirken.

          Ein nicht minder bedeutender Kritikpunkt betrifft den Ton. Hierfür sind zwei Hörkapseln zuständig, die von starren Auslegern vor die Ohrmuscheln geschwenkt werden. Leider klingen die Stimmchen in den Kapseln ohnehin schon bassfrei und piepsig; die luftige Distanz zum Ohr lässt sie vollends fisteln. Höherwertige Tonerzeuger, die man nach dem In-ear-Prinzip in den Gehörgang steckt und damit auch gleich noch lästige Umgebungsgeräusche dämpft, könnten den Cinemizer entscheidend aufwerten, zumal er dann auch für Musik aus dem iPod-Archiv taugen würde. Und schließlich hat uns noch genervt, dass die Einfassungen der kleinen LCD-Bilderzeuger reflektieren. Das große virtuelle Bild umgibt sich folglich stets mit einem lästigen Heiligenschein aus Spiegelungen, was sich durch mattschwarze Oberflächen rund um die LCD-Schirmchen ganz einfach vermeiden ließe.

          Teuerer Unfug

          Vor all diesen Hintergründen hadern wir natürlich auch mit dem Preis: Immerhin verlangt der Händler 369 Euro; „iPod ist nicht im Lieferumfang enthalten“, ergänzt die Internet-Seite des Cinemizers, um falschen Hoffnungen vorzubeugen.

          Unser Tipp also an Carl Zeiss: Im Dienste eines guten Namens bitte nicht jeden gequirlten Unfug der Werbeagentur abnicken. Und dem Lieferanten in Singapur bitte schön eine Kopie dieses Beitrags hinter den Spiegel stecken.

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