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Neue Gitarren : Aus edlem Holz geschnitzt

Edles Finish: eine Lakewood M-52 Premium aus dem Programm des gleichnamigen Gießener Gitarrenbauers für 3470 Euro Bild: Hersteller

Billige Gitarren aus dem Großhandel? Das war gestern. Der Trend geht zu hochwertigen, einzigartigen Instrumenten aus teuren Materialien.

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          Wenn der Meister das noch erlebt hätte, er hätte sich diese neue Gitarre geschnappt, die kleine blaue Brille nach oben gerückt und sofort „Jealous Guy“ angestimmt. Und Yoko hätte weiter im Bett gesessen und zart geflüstert: „Peace, John, peace.“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Zu dumm nur, dass John Lennon schon lange tot ist. Auch die Gitarre liegt nicht in einem Bett im Hilton in Apollobuurt, sondern hängt ganz profan an einer Wand auf der Frankfurter Musikmesse. Das edle Stück ist eines von nur 75 Exemplaren weltweit, das der renommierte amerikanische Gitarrenbauer Martin zum 75. Geburtstag des viel zu früh verblichenen Lennon gebaut hat. Teures, wem Teures gebührt: Rücken und Seiten bestehen aus seltenem Madagaskar-Rosenholz, die Decke aus Fichtenholz der Adirondack-Berge im Nordosten des Bundesstaats New York, die Rückseite schmückt eine Intarsie in Form des „Peace“-Zeichens.

          Eine Martin „D-28 John Lennon 75th“ zum 75. Geburtstag des Meisters – stilecht mit „Peace“-Zeichen auf der Rückseite. Kostenpunkt: rund 9000 Euro.

          Eine Rarität, die bald schon ein Klassiker ist, wie sie bei Martin hoffen, auch wenn der Preis mit knapp 9000 Euro naturgemäß happig ist. Nur eine einzige der 75 Gitarren ist für den deutschen Markt bestimmt – wer sie am Ende erhalte, sei noch nicht klar, sagt Günther Lutz, der mit seinem Münchner Unternehmen AMI für den amerikanischen Gitarrenbauer Martin den Deutschland-Vertrieb erledigt. „Am Ende werden wir sie vielleicht verlosen müssen.“

          Die Lennon-Reminiszenz von Martin mag ein unerreichbares Liebhaberobjekt für Sammler sein, doch sie steht sinnbildlich für einen Trend in der Gitarrenbranche, der auf der diesjährigen Musikmesse trotz der Absage großer amerikanischer Marken gut zu beobachten war: Hochwertige, ausgefallene Instrumente aus edlen Materialien sind im Kommen. Sicher, ausgefallene Hölzer waren schon immer ein Steckenpferd von Gitarrenbauern, weil sie gut aussehen, vor allem aber, weil sie meist noch besser klingen. Trotzdem leisteten sich lange nur wohlhabende Feinschmecker solche Schmuckstücke; Berufsmusiker etwa oder reiche Sammler.

          Mittlerweile aber verlangen auch immer mehr Durchschnitts- und Hobbygitarristen nach handgefertigten, hochwertigen Instrumenten aus teuren Hölzern. Bestand die klassische deutsche Durchschnittsgitarre der Mittelschicht früher aus Fichtenholz, sind es heute immer häufiger edle Hölzer wie Cocobolo, Sitkafichte, Rio-Palisander oder karelische Maserbirke - oft zu deutlich vierstelligen Preisen. Getreu dem Motto: Wenn ich mir schon ein Instrument für meine Passion kaufe, dann ein richtiges.

          Limitiert: die Omvine-16 von Martin für knapp 13.000 Dollar

          Die Entwicklung, da waren sich die Gitarrenbauer auf der Messe einig, geht derzeit in zwei Richtungen: Auf der einen Seite gibt es im Billigsegment einen Trend zu immer günstigerer Massenware vor allem aus China, die über das Internet vertrieben und von Gelegenheitsspielern nachgefragt wird. Auf der anderen Seite wächst die Nachfrage nach hochpreisigen, exklusiven, individuell angefertigten Instrumenten, die ihren Besitzern gar nicht einzigartig genug sein können. „Vor ein paar Jahren haben wir von den teuren Modellen jenseits der 3000 Euro vielleicht ein bis zwei pro Jahr verkauft, heute sind es 70 bis 80“, sagt Lutz.

          Vor allem die Nachfrage nach edlen akustischen Gitarren sei noch nie größer als jetzt gewesen, wofür er nach dem Ende des E-Hypes in den Achtzigern und Neunzigern vor allem die ungebrochene Popularität der Unplugged-Bewegung verantwortlich macht. Gleichzeitig hat der Trend zur Individualisierung, der etwa im Automobilbau schon seit langem zu beobachten ist, auch im Gitarrenbau Einzug gehalten. Viele der renommierten Hersteller bieten mittlerweile die Möglichkeit an, sich die Traumgitarre per Online-Konfigurator im Internet selbst zusammenzubauen und dabei nicht nur edle Intarsien, sondern auch den eigenen Namen oder ein persönliches Symbol als Schmuckelement im Steg oder in der Gitarrendecke zu verwenden.

          „Geiz ist geil“ gilt auch bei Gitarren nicht mehr

          „Mittlerweile ist es im Gitarrenbau ein bisschen wie bei Handys: Die Gitarre muss auch einen Coolness-Faktor haben“, glaubt Markus Hoppe, Gesellschafter und Marketing-Chef der Gießener Gitarren-Manufaktur Lakewood. Auch er beobachtet seit längerem eine deutliche Zunahme des „Edel-Trends“ bei den Instrumenten. „Früher haben wir vielleicht fünf Prozent Kundenanfertigungen gemacht, heute sind es bis zu 30 Prozent“, sagt Hoppe. „Ich habe schon 14 Jahre alte Jugendliche erlebt, die jahrelang einen Ferienjob machen, um sich nach ein paar Jahren endlich eine richtig edle Gitarre aus teuren Hölzern zu kaufen. Das hat es früher so häufig nicht gegeben.“

          Im „Gitarren-Designer“ bei Lakewood können sich Enthusiasten ihre ganz persönliche Gitarre bauen lassen und dabei nicht nur jede erdenkliche Holzart, sondern unter anderem auch die Korpusform auswählen.

          Auch Lakewood reagiert seit längerem auf den Trend – etwa mit dem Modell M 52-C, einer Westerngitarre mit Boden und Zarge aus Myrte für knapp 4000 Euro. Oder einem Online-Konfigurator für größtmögliche Individualisierung. Wer will, kann für Boden und Zarge seiner Gitarre Macassar-Ebenholz für allein 1200 Euro verwenden oder das seltene Zirikote-Holz für 1000 Euro – weitere Besonderheiten nicht ausgeschlossen.

          „Die Kunden sind der Billigware überdrüssig„, glaubt auch Peter Jostock. Er ist Musikhändler aus dem rheinland-pfälzischen Trier und beobachtet seit einiger Zeit eine neue Rückkehr zu hochwertigen Instrumenten, die es vor ein paar Jahren noch nicht gegeben habe. Deshalb verkaufe er in seinem Laden mittlerweile ausschließlich hochwertige Instrumente. „Die billigen bestellen die Kunden sowieso über das Internet, dafür kommen die nicht ins Geschäft.„ Die Kunden, die doch kämen, seien dann aber bereit, für ein Instrument nicht nur 500, sondern 3000, 5000 oder manchmal auch 10.000 Euro hinzulegen – auch als Wertanlage in Zeiten immer geringerer Zinsen. „Viele wollen nicht mehr nur ein Instrument, sondern ein kleines Kunstwerk„, sagt Jostock. Er ist überzeugt: „,Geiz ist geil' gilt auch bei Gitarren nicht mehr.“

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