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100 Jahre Autochromes : Die 140 Megapixel der Brüder Lumière

  • -Aktualisiert am

Die Vergangenheit war bunt: Autochrome aus Washington von 1908 Bild: Smithsonian Institution

Vor 100 Jahren patentierten die Brüder Lumière ihre „Autochromes“ genannten Farbdias. Sie machten das Farbbild schon vor dem ersten Weltkrieg populär und lieferten gar Ansatzpunkte für Konzepte des digitalen Bildes.

          5 Min.

          Der Eintritt war kostenlos, die Vorführung machte Geschichte: Am 17. Mai 1861 warf der schottische Physiker James Clerk Maxwell das erste lichtbeständige Farbfoto an die Wand der Royal Society in London. Sein Assistent Thomas Sutton - er erfand im gleichen Jahr die Spiegelreflexkamera - hatte dazu einen drapierten Streifen Schottenstoffes dreimal fotografiert. In Schwarzweiß, natürlich. Bei jeder dieser Aufnahmen plazierte er ein andersfarbiges Filter vor dem Kameraobjektiv; Rot, Grün und Blau. Umgekehrt projizierte er die entsprechenden Bilder mit dem Licht der ihnen zukommenden Farben passgenau an die Wand. Dort erschien das Farbbild.

          Dass sich aus den drei Grundfarben alle anderen mischen ließen, war Malern seit Jahrtausenden bekannt, wie es beispielsweise Aristoteles 350 v. Chr. in seiner „Meteorologica“ notiert, wobei er Purpur für Blau setzte. Der englische Arzt, Physiker und Ägyptologe Thomas Young nahm an, dass die menschliche Farbwahrnehmung ähnlich ökonomisch funktionierte. Die daher von ihm 1801 postulierten Netzhautpartikel wurden jedoch erst 150 Jahre später als Farbzapfen in Tierversuchen genauer untersucht. Maxwell entwickelte Youngs Überlegungen weiter, bis er in der Art der heutigen Beamer sein erstes Farbfoto zeigen konnte.

          Die Grundidee ist einfach

          Die Methode erinnert an die Frühzeit auch der digitalen Fotografie. Da der Lichtsensor farbblind ist wie damalige Fotoemulsionen, behalf man sich Anfang der 1990er für hochaufgelöste Aufnahmen ebenfalls mit drei farbgefilterten Aufnahmen. Beides gleich kompliziert, zeitraubend, kostenträchtig sowie geeignet nur für Stillleben. Drolligerweise folgte die Farbertüchtigung elektronischer Sensoren demselben Muster, wie ihn die Brüder Louis und Auguste Lumière für den chemischen Film wiesen. Sie hatten 1895 mit dem Cinématographe das wirtschaftlich durchsetzungsfähige System zur Aufnahme und Projektion von Kinofilmen erfunden. Ihr französisches Brevet (Patent) No 339.223 über „Autochromes“ genannte Farbdias wiederum datiert zwar vom 17. Dezember 1903, doch die zahllosen Schwierigkeiten einer industriellen Massenfertigung überwanden sie erst vor genau 100 Jahren, im Juni 1907. Von da an produzierten sie für begeisterte Profis wie Amateure in jahrelang steigenden Zahlen ihre Farbplatten, bis zu 6000 Stück täglich allein im Jahre 1913. Als 1932 flexibles Filmmaterial in Kleinbildpatronen die empfindlichen Glasdias verdrängte, hatten die Autochromisten mehr als eine Million Glasfotos geschossen.

          Autochromes sind zerbrechlich: Hier ist das Glas gebrochen
          Autochromes sind zerbrechlich: Hier ist das Glas gebrochen : Bild: Library of Congress

          Wie schon beim Kino, als dessen Geburtsstunde ihr im Juli 1895 gedrehter Streifen „Arbeiter verlassen die Lumière-Fabrik“ zählt, bauten die Lyoner auch in der Farbfotografie munter auf Weiterentwicklungen. Die Grundidee ist einfach. Das Licht fällt durch ein Raster aus den Farben Rot, Grün und Blau auf die lichtempfindliche Schicht. Ein roter Punkt etwa lässt rotes Licht durch und schwärzt die direkt darunter liegenden Bromsilberteilchen von jeweils nur 0,001 Millimeter Durchmesser. Diese werden in einer Umkehrentwicklung schließlich ausgewaschen, so dass sie im Durchlicht die Sicht auf diesen roten Punkt freigeben. Die anderen Farben entstehen in analoger Weise, und aus den Grundfarben setzt sich das gesamte Spektrum zusammen.

          Die lichtempfindliche Schicht bevorzugt Blau

          Autochromes sind Farbdias, sie lassen sich nur gegen das Licht betrachten und projizieren, aber immerhin drucken. Erfunden hatte dieses Dreifarbenraster als Basis des Lumière-Patentes der Amerikaner James McDonough schon 1892. Unter den rund 300 Wegen, die zur Nutzung seiner Idee für die Farbfotografie beschritten wurden, setzte sich das Autochrome-Verfahren durch. Auguste und Louis Lumière ließen sich über dessen entscheidende Details nur lückenhaft aus, was viele Zeitgenossen zu einer Art Industriespionage anregte. Alle heute verfügbaren Informationen zusammengenommen, entsteht folgendes Bild vom Produktionsprozess einer Autochrome-Platte.

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