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Apple gegen Google : Duell um die Vorherrschaft im Web

  • -Aktualisiert am

Es geht darum, wer den neuen Webstandard HTML5 diktiert Bild: Bernd Helfert

Apple und Google kämpfen um HTML5 mit allen Mitteln: Es geht darum, wer den neuen Webstandard diktiert. Erarbeitet und verabschiedet werden soll dieser Standard im World Wide Web Konsortium.

          Im Kampf um die Marktdominanz im mobilen Internet schenken sich Apple und Google nichts. Bisher wurde die Auseinandersetzung allerdings überwiegend in Stellvertreterkriegen ausgetragen. Da verklagt dann zum Beispiel Apple den Rivalen Samsung, der mobile Endgeräte mit Googles Betriebssystem Android auf den Markt bringt, wegen Patentverletzungen. Samsung meint, Apple habe seinerseits Patente der Südkoreaner aus dem Bereich des Funkstandards UMTS verletzt. Apple und Motorola, deren Mobilfunktochter Google gekauft hat, streiten sich um Patente aus der Mobilfunktechnik. Und der taiwanische Smartphonehersteller HTC, der ebenfalls Android-Geräte produziert, liefert sich mit Apple seit Monaten einen deftigen Schlagabtausch über Patente vor Gericht.

          Zu den Stellvertreterkriegen kommt nun eine direkte Auseinandersetzung hinzu. Es geht darum, wer den neuen Webstandard HTML5 diktiert. Erarbeitet und verabschiedet werden soll dieser Standard im World Wide Web Konsortium. Bisher wurde von allen Beteiligten immer größter Wert darauf gelegt, dass alle Seiten solch einem Standard zustimmen konnten. Das sorgte bisweilen für eher verwirrende Kompromisse und ließ mitunter die gewünschte klare Definition vermissen. So auch bei den Arbeiten am HTML5-Standard, der im vergangenen Herbst als Kompromisslösung gleich drei unterschiedliche Videoformate mit den entsprechenden Codecs für die Komprimierung der Videodaten und ihre Erstellung zuließ. Immerhin konnte man sich bei der Verwendung unterschiedlicher Formate auf eine einheitliche Einbettung und durchgängige Beschreibung der Standards einigen.

          Definition eines Multimediastandards für HTML5

          Das könnte jetzt anders werden. Es droht sogar die Situation, dass es von 2014 an zwei unterschiedliche und unverträgliche Standards für HTML5 gibt. Google hat nämlich seinen Angestellten Ian Hickson, der bisher eine Art Chefkoordinator für sämtliche HTML5-Entwürfe war, aus dem World Wide Web Konsortium abgezogen. Hickson und seine Arbeitsgruppe mit dem etwas sperrigen Namen „Web Hypertext Application Technology Working Group“, abgekürzt: „Whatwg“, sollen einen eigenen Standard entwickeln und als faktischen Industriestandard rasch durchsetzen.

          Entzündet hatte sich der Streit unter anderem an der Definition eines Multimediastandards für HTML5. Apple hatte sich vor vielen Monaten von dem bereits im HTML-Enwurf verankerten freien Standard für die Videokompression Ogg Theorea verabschiedet und statt dessen den in der Videokonferenztechnik seit 2005 etablierten H.264-Standard im World Wide Web Konsortium durchgesetzt. Apples Entscheidung überraschte die Multimediaexperten keineswegs. Denn der kalifornische Hersteller hatte den H.264-Codec im portablen Videobereich für iPhone und iPad bereits durchgesetzt. Das entsprechende Videoformat MP4 trat deshalb mit der Auslieferung der ersten iPads im Jahr 2010 einen regelrechten Siegeszug an.

          Google schoss schnell dagegen und erklärte den von On2 Technologies gekauften Videocodec VP8 und das dazu passende Videoformat WebM zum HTML-Standard. Im Frühjahr 2011 wollten Ian Hickson und seine Mitstreiter von der Whatwg-Arbeitsgruppe die anderen World-Wide-Web-Konsorten vor vollendete Tatsachen stellen und WebM als alleiniges Videoformat für HTML5 durchdrücken. Doch Apple verhinderte das mit der Unterstützung von Microsoft. Die Vermittlungsversuche von HTML-Erfinder Tim Berners-Lee dauerten ein gutes Jahr und sind mit dem Ausscheiden von Ian Hickson und dem damit verbundenen Auseinandergehen von World Wide Web Konsortium und Whatwg-Arbeitsgruppe gescheitert.

          Die Google-eigenen Browser und die hauseigene Video-Plattform Youtube sollen demnächst nur noch das WebM-Videoformat mit dem dahinterliegenden VP8-Codec unterstützen. Apple revanchierte sich rasch und erschwert mit der neuen iOS-Version 6 den Zugriff auf Youtube, die entsprechende App entfällt.

          Außerdem will Cupertino sein Videoformat und andere Standards für das mobile Internet jetzt rasch im W3C durchdrücken. Im Rekordtempo wurden nach dem Ausscheiden von Ian Hickson vier Co-Editoren für das HTML5-Team benannt. Ted O’Connor, der künftig maßgeblichen Einfluss auf die weitere Formulierung der HTML5-Standards haben dürfte, ist von Apple abgeordnet worden, Erika Doyle Navara und Travis Leithead kommen von Microsoft. Die unabhängige Beraterin Silvia Pfeiffer komplettiert das Team. Die Stelle des Chefeditors ist derzeit unbesetzt, W3C-Insider rechnen aber nicht mit einer zügigen Neubesetzung. Google hat sich nämlich mit einer anteiligen Finanzierungszusage für die Chefeditoren-Planstelle eine Art Vetorecht einräumen lassen.

          Selbst den Namen HTML5 möchte Google am liebsten aufgeben. Die Whatwg-Arbeitsgruppe spricht nur noch vom „living standard HTML“, der als Industriestandard eigentlich bereits auf dem Markt sei. Die Zukunftsaussichten von HTML5, das durch das World Wide Web Konsortium erarbeitet wird, werden dagegen sehr unterschiedlich bewertet. Für Apple ist die indirekte Einflussnahme von Google durch die Teilfinanzierung des Chefeditors natürlich ein Pfahl im Fleisch. Google dagegen hat sich einen erheblichen taktischen Vorteil gesichert. Die Whatwg-Arbeitsgruppe kann sehr schnell mit HTML-Spezifikationen an den Markt kommen und damit Google-Techniken durchsetzen, während die Android-Entwickler aus Mountain View gleichzeitig im World Wide Web Konsortium im Bremserhäuschen stehen.

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