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Tattoo und Systemrelevanz : Wie man die Menschheit vom überflüssigen Ornament befreit

  • -Aktualisiert am

Die Schönheit mancher Tätowierungen war Adolf Loos nicht bewusst. Bild: Reuters

Alles, was für die Funktion einer Sache belanglos ist, stirbt ab: Wer den Baumeister und Architekturtheoretiker Adolf Loos liest, versteht die angebliche Systemrelevanz von Kunst besser.

          4 Min.

          Als man im Dezember den 250. Geburtstag Beethovens feierte, blieb ein weiteres Jubiläum weitgehend unbemerkt: das von Adolf Loos, der am 10. Dezember 1870 geboren wurde. Vielleicht wäre es, nachdem seine pädophilen Übergriffe nachgewiesen wurden, ja auch besser, ihn einfach zu vergessen. Wer mit seiner Person auch sein Werk totschweigt, verzichtet allerdings darauf, etwas daraus zu lernen. Neuerdings haben sich aber gerade aus der Kenntnis der unappetitlichen Obsessionen von Loos interessante Einsichten ergeben. In seinem architektonischen Werk bemerkte man plötzlich, wie das Innere, das einem raffinierten Voyeurismus Vorschub leistet, hinter einer hermetischen und intransparenten Fassade verborgen wird. Auch seine Schriften können immer noch zu neuen Überlegungen führen, selbst sein berühmtester Aufsatz, dessen Titel – „Ornament und Verbrechen“ – sogar viele von denen kennen, die ihn nicht gelesen haben.

          Der Text geht auf einen Vortrag zurück, den Loos im November 1909 in Berlin gehalten hat. Diesen hat er später, schriftlich ausgearbeitet und mit Lichtbildern illustriert, noch einmal in Wien und mehreren anderen Städten zum Besten gegeben, unter anderem in Prag, wo er sogar von Kafka gehört wurde. Seine zentrale Botschaft besteht darin, dass „die Menschheit vom überflüssigen Ornament befreit“ werden muss. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man, wie Loos später zugibt, noch nicht einmal besondere Anstrengungen unternehmen, denn die fortschreitende Modernisierung der Welt läuft ohnehin darauf hinaus, die Funktionalität aller Dinge in größtmöglicher Klarheit zur Geltung zu bringen. Pferdekutschen wurden mit Schnitzereien und Bemalungen verziert, Fahrräder und Lokomotiven nicht. Alles, was für die Funktion einer Sache belanglos ist, stirbt ab. Deshalb verschwindet das Ornament ganz von allein, und „da, wo es einmal zeitnotwendig verschwunden ist, kann man es“, wie Loos behauptet, „nicht wieder anbringen. So wie der Mensch niemals zur Tätowierung des Gesichtes zurückkehren wird.“

          Latente Verbrecher oder degenerierte Aristokraten

          Tätowierungen faszinierten Loos besonders, und ihnen widmete er auch seine bekanntesten Sätze: „Der papua tätowiert seine haut, sein boot, seine ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. Er ist kein verbrecher. Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. Es gibt gefängnisse, in denen achtzig prozent der häftlinge tätowierungen aufweisen. Die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. Wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.“

          Bei solchen bizarren Behauptungen übersieht man leicht deren Prämissen. Offenkundig scheint, dass Loos Tätowierungen als ornamentale Verzierungen des menschlichen Körpers betrachtet, die ansonsten keine Funktion haben. Menschen sind nun aber keine Gebrauchsgegenstände, und ihre Funktion ist, anders als die einer Schreibtischlampe, nicht instrumentell zu bestimmen. Wenn man überhaupt von der Funktion eines Menschen sprechen will, dann wäre das bestenfalls eine soziale Funktion wie die einer Mutter oder eines Vaters. Dass sich Loos hierüber keine weiteren Gedanken gemacht hat, ist bezeichnend. Hätte er es getan, hätte er gewiss erkannt, dass sich auch die Bedeutung von Tätowierungen nur aus ihren sozialen Funktionen erklärt.

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