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Präsident der Krebsgesellschaft : Ungeimpfte verursachen Solidaritätsproblem

Keine Entwarnung: Pfleger und Pflegerinnen sowie eine Ärztin kümmern sich auf einer Intensivstation in Offenbach um einen Patienten. Bild: dpa

Der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft warnt vor der Verschiebung von Vorsorgen und Operationen. In einigen Kliniken gebe es bereits eine „stille Triage.“

          3 Min.

          Die Deutsche Krebsgesellschaft hat auf die hohe Belastung von Tumorpatienten in der Corona-Pandemie hingewiesen und alle Bürger dazu aufgefordert, sich möglichst bald gegen Covid-19 impfen zu lassen. Krebspatienten seien ebenso wie Dialysepatienten besonders infektionsanfällig, selbst wenn sie gegen das Virus geimpft seien, sagte der Präsident der Gesellschaft, Thomas Seufferlein, der F.A.Z. Ihre Immunabwehr sei herabgesetzt, und sie bauten trotz der Spritzen oft keine relevanten Antikörper auf. Der Medizinprofessor sprach sich für eine allgemeine Impfpflicht aus, da diese nicht nur die Geimpften schütze, sondern auch ihre Umgebung.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          In den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen belegten Covid-Patienten Plätze und nähmen Mitarbeiter in Anspruch, die anderen Erkrankten dann nicht zur Verfügung stünden. Viele dieser Corona-Patienten hätten sich bewusst gegen die Impfung entschieden. „Es ist ein Solidaritätsproblem, wenn ich andere Menschen anstecke oder sie dadurch in Gefahr bringe, dass ich das Gesundheitswesen massiv in Anspruch nehme, obwohl ich mich gegen die Krankheit schützen könnte“, so Seufferlein. Es sei ja nicht so, dass Corona-Leugner oder Impfgegner Hinweiskarten bei sich trügen, auf denen stehe: „Ich brauche keine Intensivstation. Corona gibt es nicht.“

          Risiken bei verzögerter Behandlung

          Im Moment sei die Versorgung in den Krankenhäusern allerdings nicht durch die hohe Belegung eingeschränkt, sondern durch fehlendes Personal. Der Grund dafür sei die Omikron-Variante, die dreimal ansteckender sei als Delta und fünfmal stärker als das ursprüngliche Wuhan-Virus. Die Infektiosität erreiche inzwischen fast die von Masern, sagte der Krebsverbandspräsident, der als ärztlicher Direktor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm arbeitet. In einzelnen Abteilungen seien 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter wegen Omikron in Isolation. „Einige Bereiche können wir gar nicht mehr adäquat betreiben.“

          Gleichwohl gestalte sich die Lage in den Kliniken entspannter als in früheren Coronawellen. „Es ist zum Glück ruhiger auf den Intensiv- und Normalstationen als vor Weihnachten. Wir können verschobene Krebseingriffe jetzt nachholen, das ist auch dringend nötig“, so der Tumorexperte. „Möglicherweise ist das aber nur die Ruhe vor dem Sturm.“ Normalität sei bisher nicht eingezogen, jedoch könne man mehr operieren als in den früheren Wellen, als nur die Hälfte der Eingriffe oder weniger stattgefunden hätten.

          Seufferlein wies auf die Risiken verzögerter Behandlungen hin, schließlich versprächen die Operationen Heilung oder Linderung potentiell lebensbedrohlicher Krankheiten. Wenn ein Eingriff um sechs Wochen oder mehr verschoben werde, „dann wird das sicher problematisch“. Die psychischen Belastungen seien ohnehin enorm. „Wenn man den Patienten sagt, ihr Termin ist erst in vier Wochen, sind sie natürlich furchtbar enttäuscht. Teilweise sind sie schon im OP und müssen wieder zurück. Das ist extrem frustrierend.“

          Zwar hat Seufferlein nie Beschimpfungen oder Aggressionen zwischen Krebs- und Corona-Patienten erlebt. De facto gehe es aber darum, wer die knappen Ressourcen erhalte. Das könne man als „stille Triage“ bezeichnen. „Das ist eine Situation, wenn unsere Patienten kein Bett bekommen und nicht operiert werden können“, sagt der Hochschullehrer: Personal werde aus den Operationssälen zur Coronaversorgung auf Intensivstationen verschoben, weshalb die Krebseingriffe dann ausfielen. „Das führt zu einer faktischen Triage. Die bedeutet nicht, dass es gar keine Therapie gibt, sie bedeutet aber eine verzögerte Therapie.“

          Er erinnerte daran, dass zudem viele Vorsorgen verschoben würden, weil sich die Personen aus Angst vor Ansteckung nicht zum Arzt trauten. Sie fühlten sich gesund und wollten den Praxisbesuch nachholen, sobald die Pandemie vorbei sei. Diese ziehe sich nun aber schon lange hin: „Wenn Sie eine Vorsorge um zwei Jahre aufschieben, kann das dramatische Auswirkungen haben, weil manche Tumorerkrankungen dann zu spät diagnostiziert werden.“ Ähnliche Verzögerungen und Absagen gebe es bei der Nachsorge, wodurch manche wiederaufflammende Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt werde. Umfragen hätten in diesem Feld „dramatische Einbrüche von 30 Prozent“ ergeben.

          Sorge vor einer Triage

          Auch die psycho-onkologische Betreuung sei in der Coronazeit stark zurückgegangen. Viele immunsupprimierte Patienten hätten kaum noch sozialen Umgang, was zu wachsender Vereinsamung führe. „Es gibt Krebspatienten, die seit mehr als einem Jahr ihre Kinder und Enkel nicht gesehen haben. Die feiern ihre Geburtstage allein, treffen niemanden zu Weihnachten oder zu anderen Festtagen, aus Furcht sich zu infizieren“, sagt Seufferlein.

          Wer als Gesunder über Einschränkungen im öffentlichen Leben oder über eine zeitweilige Quarantäne unzufrieden sei, sollte an diese vulnerablen Gruppen denken, mahnt der Spezialist: „Tumorpatienten leiden in vielerlei Hinsicht unter massiven Benachteiligungen, viel mehr als unsereins.“ Die Folgen all dieser Belastungen seien noch unklar. Wie sich die verschobenen Behandlungen, die verzögerten Vor- und Nachsorgen und der psychische Druck auswirkten, werde man erst in einigen Jahren sehen.

          In der Bundestagsdebatte zur Impfpflicht hatte schon der Arzt und SPD-Abgeordnete Christos Pantazis auf die angespannte Lage und die Behandlungspriorisierung in den Kliniken hingewiesen. „Die Sorge vor einer Triage ist insbesondere im operativen Bereich de facto bereits heute traurige Realität“, sagte er am Mittwochabend. „Dort wird der Mangel verwaltet. Es ist mittlerweile zu einer Bugwelle von Operationen gekommen, die von Tag zu Tag größer wird.“

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