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Wohnen in Friedrichshain : Leben in der Lücke

  • -Aktualisiert am

Alter Charme trifft frisches Geld: Viele Alteingesessene können sich das Wohnen im Kiez nicht mehr leisten. Bild: Jens Gyarmaty

In Friedrichshain blüht die Alternativkultur. Das zieht Touristen und Investoren an. Anwohner kämpfen dagegen nicht nur mit der Spraydose in der Hand.

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          Die neuen Nachbarn ziehen ein. Wollte man sie mit Brot und Salz begrüßen, müsste man gleich mehrere Bäckereien leer kaufen und sehr oft klingeln. Fast 150 Wohnungen sind gegenüber entstanden. Wie groß die Brache war, fällt erst in bebautem Zustand auf. Vom Sehen kennt man bald alle: Einer nach dem anderen stellt die Gartenmöbel auf die großen Balkone und probiert aus, ob es sich anfühlt wie im Exposé versprochen. Daneben kleine Kinder, die gerade erst laufen gelernt haben - offensichtlich haben sich viele mit dem Ultraschallbild in der Hand zum Kauf entschlossen. Man kann ihnen durch die großen Glasfronten beim Ankommen zuschauen und miterleben, wie sie Regale aufstellen, Kisten auspacken, die neue Designerlampe aufhängen. Die eine Wohnung schmückt ein XXL-Flatscreen, in der nächsten findet ein Schlagzeug seinen Platz, anderswo flattern tibetische Gebetsfahnen.

          In die Brachen kommt Leben. Nicht alle Alteingesessenen schätzen das. Und sei es nur wegen des Blickes, der jetzt nur noch bis zur Fassade gegenüber geht. Und weil es Berlin das Typische nimmt: die Lücken, die erst der Krieg und später die Zeit gerissen haben. Das brüchige Stadtbild. Die Graffiti an fensterlosen Wänden. Die Aufrufe zum gemeinschaftlichen Bepflanzen der Grundstücke, die vermeintlich niemandem gehörten, doch meist längst in der Hand eines Investors waren, der still wartete, bis die Preise eine gewisse Grenze überstiegen und sich die Sache lohnte. Letztes Jahr bewilligte man im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den Bau von 950 neuen Wohnungen. Für das laufende Jahr erwartet man sogar 2000. Immer mehr Menschen ziehen hierher. Der Zuwachs schwankt mit den fertiggestellten Bauprojekten, doch er ist immer vierstellig.

          Mehr Menschen, mehr Wohnungen

          „Jedes Viertel hat seine eigene Sprache, seine Identität im Kanon der Stadt“, sagt Nikolaus Ziegert. Spätestens nach einer Woche wisse jeder, welches für ihn das richtige sei. Der Immobilienmakler kam schon vor der Wende in die Stadt, beschäftigt inzwischen 120 Mitarbeiter. Über Friedrichshain sagt er, es sei gleich sehr international gewesen, sehr jung. „Man probte hier eine unterhaltsame Variante der Revolution.“ Selbstgeschneiderte Mode. Tage, die erst mittags beginnen. Große Ideen. Kleine Läden. „Internationale Investoren haben gelernt, dass sich das in Immobilienpreisen niederschlägt“, fügt Ziegert an. Rückblickend konstatiert er 100 Prozent Preissteigerung vor der Jahrtausendwende und noch einmal 100 Prozent hinterher. Nach einem sprunghaften Anstieg seit 2005 befinde man sich momentan in einer stabilen, kalkulierbaren Aufwärtsentwicklung. Quadratmeterpreise starten im Neubau häufig bei 3000 Euro. Für ein Penthouse mit Wasserblick auf der Halbinsel Stralau wurden aber auch schon 7500 Euro je Quadratmeter gezahlt.

          Die Simon-Dach-Straße ist eine Partymeile der Stadt.

          Gentrifrustration

          Rob Alef hat genau dort eine Maklerin sterben lassen. Der Berliner Krimiautor lebte ein paar Jahre im Südkiez von Friedrichshain und ging auf Stralau, wo die teuren Immobilien in die Höhe wachsen, oft laufen. Die Idee hatte er bei einem englischen Verkaufsgespräch, das er in einem Café in der Simon-Dach-Straße mit anhörte und in dem sein Wohnviertel aus internationaler Perspektive als Schnäppchen gepriesen wurde. Stadtveränderung, Verdrängung und Gentrifizierung wurden das beherrschende Thema im satirischen Roman „Immer schön gierig bleiben“.

          In letzter Zeit wird viel an Hauswände geschrieben: Capitalism Kills, Gentrifrustration - dazu Farbbeutel. Viele Bewohner des Viertels sind mit den steigenden Mieten nicht einverstanden. Sie verabscheuen den Lückenschluss, finden Glas und Stahl hässlich. Auch jene, die nicht mit der Spraydose losziehen, finden es affig, dass Gebäudekomplexe jetzt Ensembles, Gärten, Quintett oder Höfe heißen. Hinter den neuen Mauern wähnen sie den Luxus, der für sie unerreichbar bleibt. Jeder versucht, seinen alten Mietvertrag zu behalten, selbst wenn die Wohnung zu klein wurde. Denn umziehen heißt für die meisten, den Kiez zu verlassen, weil sie sich die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können.

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