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Wiener Kunst auf Onlyfans : „Mögen Sie es, Wien entblößt zu sehen?“

Koloman Mosers Bild „Liebespaar“ (um 1914), das im Leopold Museum Wien hängt und nun auch auf Onlyfans zu sehen ist. Bild: Wien/Thumberger Leopold Museum

Seit Jahren kämpfen Wiener Kunstmuseen damit, dass Aktbilder auf den sozialen Plattformen gelöscht werden. Nun zeigen sie die Gemälde der Nackten auf der Erotik-Plattform Onlyfans.

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          Eigentlich sind es Menschen, die sich auf der Plattform Onlyfans entkleiden. Nun hat sich dort auch eine Stadt angemeldet. „Mögen Sie es, Wien entblößt zu sehen?“, fragt der städtische Tourismusverband „Wien Tourismus“ und wirbt so dafür, die Stadt zu besuchen. Denn die Wiener Museen sind wieder geöffnet – und mit ihnen sind auch ihre beliebtesten Exponate zu sehen: Die Aktbilder seiner berühmtesten Künstler.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Nur ist das mit Aktbildern so eine Sache: Ihre Freizügigkeit ist nicht selten erotisch aufgeladen. Und auch, wenn es sich nicht um Pornographie handelt und es gleichwohl darauf ankommt, wie man das Dargestellte wahrnimmt, so wurden die Arbeiten oft von Social Media-Plattformen zensiert.

          Jedoch nicht nur in der Zeit, in der sie entstanden sind – man kenne das Problem auch aus jüngster Vergangenheit, sagt Isabella Rauter vom Wiener Tourismusverband. Die Wiener Museen hätten in den vergangenen Jahren wiederholt Probleme gehabt, mit Aktbildern der Wiener Moderne ihre Ausstellungen in den sozialen Medien zu bewerben: Im österreichischen Gedenkjahr 2018 habe die Stadt anhand von Plakaten auch international für ihre Kunstmuseen werben wollen. Doch Facebook löschte die Bilder. Im selben Jahr erregte der Fall der Venus von Willendorf viel Aufmerksamkeit: Das Foto der 25.000 Jahre alten Figur, der Stolz des Naturhistorischen Museums, wurde von Facebook als pornographisch eingestuft und entfernt. Ein Jahr später musste das Museum Albertina für eine Ausstellung über „Rubens bis Makart“ erst einen Instagram-Manager überzeugen, dass es sich um Kunst handle.

          Es hat sich wenig geändert

          Zwar gab es daraufhin rege Debatten um die Richtlinien und Kunstfreiheit. Seitdem habe sich aber, so Rauter, nicht viel geändert: Das Leopold Museum konnte etwa sein diesjähriges Jubiläum nicht mit dem Liebespaar von Koloman Moser anpreisen. Und das Tiktok-Profil des Albertina-Museums wurde gleich ganz blockiert: Im Werk des japanischen Fotografen Nobuyoshi Araki war eine nackte weibliche Brust zu sehen gewesen. Das Museum musste einen neuen Account anlegen und kuratieren.

          Eine ägyptische Phallus-Figurine aus dem Kunsthistorischen Museum Wien
          Eine ägyptische Phallus-Figurine aus dem Kunsthistorischen Museum Wien : Bild: Screenshot F.A.Z. Onlyfans/Viennatouristboard/Kunsthistorisches Museum Wien

          Um zeigen zu können, welche vermeintlich anzüglichen Exponate sie ausstellen, haben sich das Albertina und das Leopold Museum mit dem Kunsthistorischen und Naturhistorischen Museum in Wien zusammengetan und die gelöschten Kunstwerke zusammengestellt, die nun von der Tourismusagentur auf Onlyfans kuratiert werden. Für ein Abonnement bekommt man ein Museumsticket dazu – allerdings muss man, um sich bei Onlyfans anzumelden, volljährig sein.

          Verändert es nun etwas, so einen Account zu führen? „Auf Onlyfans kann man diese Aktbilder nun zumindest problemlos zeigen“, so Rauter. Die automatisierten Löschungen der anderen Plattformen, gegen die man so vorgehen will, seien zermürbend: „Grundsätzlich löscht ein Algorithmus die Bilder, wenn er zu viel Haut und damit vermeintlich erotische Inhalte erkennt. Dann muss erst das Gegenteil bewiesen werden. Man kann also reagieren – aber es ist schwierig und langwierig.“

          Die „Liegende Frau“ von Egon Schiele
          Die „Liegende Frau“ von Egon Schiele : Bild: Screenshot F.A.Z. Onlyfans/Viennatouristboard/Leopold Museum Wien

          Bei dem Profil gehe es aber auch weniger darum, einen Platz für „zensierte Werke“ finden. Die Zahl der Fans sei überschaubar. Man versuche vielmehr, der Kulturgeschichte der Stadt gerecht zu werden: „Viele Besucher kommen wegen der Musik, der Kunst, der Museen hierher. Wir sehen nicht ein, warum man die Aktbilder der Wiener Moderne und wichtige Skulpturen der Museen, nicht zeigen kann.“

          Der Onlyfans-Account soll zudem auch darauf aufmerksam machen, wie viel Macht die sozialen Medien über Kunst ausüben. „Man fragt sich, warum die Plattformen überhaupt das Recht haben, Kunst zu löschen“, so Isabella Rauter. Das gilt auch für Onlyfans selbst: Um Investoren für sich zu gewinnen, hatte die Plattform schließlich noch im August dieses Jahres angekündigt, selbst Explizites verbieten zu wollen. Schließlich hielt die Plattform dann aber doch an ihrem alten, sehr lukrativen Geschäftsmodell fest. Auch die Stadt Wien muss 20 Prozent ihrer Einnahmen abgeben. Ob die expliziten Bilder Egon Schieles aus dem Leopold Museum problematisch für die Plattform gewesen wären, lässt sich nur erahnen.

          In der Kollektion, die die Museen nun zur Verfügung gestellt hat, seien nun zumindest „Werke quer durch die Kunstgeschichte und durch die Museumslandschaft“ vertreten, so Rauter: Amedeo Modiglianis „Die junge Frau im Hemd“ aus dem Jahr 1918. Peter Paul Rubens’ Akt seiner Ehefrau Hélène Fourment von 1640, welches das Kunsthistorische Museum beigesteuert hat. Oder auch zeitgenössische Werke der österreichischen Künstlerin Valie Export, die sonst im Albertina zu sehen sind. Neben den bekannten weiblichen Akten, sind aber auch männliche Körper zu sehen. Das seien vor allem ältere Werke wie die ägyptische Figurine des knienden, nackten Mannes mit aufgerichtetem Phallus, oder ein Herkules aus der antiken Sammlung des Kunsthistorischen Museums.

          Werden die Nackten vorerst gar nicht mehr auf den anderen Plattformen gezeigt werden? „Die speziellen Bilder erstmal nicht, nein“, sagt Rauter. „Zwar konnten wir erkämpfen, dass die Venus und auch ein Akt von Modigliani bleiben dürfen, nachdem wir glaubhaft darlegen konnten, dass es sich um Kunst handelt. Aber das ist für jedes Bild doch recht aufwändig.“ Außerdem dürfe „Wien Tourismus“ nicht mehr auf ihre Website verweisen – da eine Verlinkung zu Onlyfans besteht.

          Der Onlyfans-Account soll nur noch diesen Monat aktiv betrieben werden. Die Bilder werde man als das dastehen lassen, was sie sind: Kunst auf einer pornographischen Plattform.

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