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Zukunft auf dem Land : Selbst ist das Dorf

Jenseits des Trachtenvereins: In manchen Dörfern hat schon ein neuer Fitnesskurs die Stimmung verbessert. Bild: imageBROKER / vario images

Über die Städte wissen wir alles. Doch wie steht es mit dem Land? Wie sieht die Zukunft zwischen Kuhglocken-Romantik und Schrumpfung aus? Besser als gedacht.

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          Wenn Nathalie Franzen Biogemüse einkaufen will, fährt sie aus dem Dorf, in dem sie wohnt, ins 30 Kilometer entfernte Mainz. Auf dem Wochenmarkt am Dom findet sie alles, was das Herz einer Liebhaberin regionaler Produkte höher schlagen lässt: Biofleisch aus Rheinhessen, rotwangige Äpfel aus der Südpfalz und natürlich Riesling aus dem Rheingau. Sie fährt eine halbe Stunde und sucht fast ebenso lange einen Parkplatz, obwohl sie einige der Produzenten direkt vor der Haustür hat. Doch beim Biobauern in ihrem Dorf bekommt sie nur einmal in der Woche frisches Gemüse. Auf Vorbestellung. Per Fax.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das idealisierte Land finden wir mittlerweile in der Stadt. Dort gibt es Bauernmärkte und Urban Gardening. Die Parks werden wieder als Naherholungsgebiete genutzt“, sagt Humangeograph Marc Redepenning von der Universität Bamberg. Die Städter holen sich den ländlichen Raum in Metropolen - oder zumindest das, was sie sich darunter vorstellen. Eigentlich nur konsequent: Denn während immer mehr Deutsche in Städten leben, geben dieselben Menschen in Befragungen vermehrt „das Land“ als bevorzugten Wohnort an. Doch was ist „das Land“, von dem die Menschen träumen, aus dem sie aber fortziehen?

          Die Städte wurden in den vergangenen Jahrzehnten analysiert, vermessen und vermarktet, vom Land haben die meisten nur ein vages Bild, das irgendwo zwischen Romantisierung und Trostlosigkeit changiert. Und diese Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit wird in Zukunft noch weiter auseinanderklaffen. „Wir sehen eine zweigeteilte Entwicklung“, sagt Stephan Petermann, der für AMO, den Forschungszweig des niederländischen Architekturbüros OMA von Rem Ko0lhaas, die Zukunft des ländlichen Raumes erforscht.

          Einerseits werde das Land mit seiner ursprünglichen Natur vermehrt als Rückzugsort für gestresste Städter geschätzt. Auf der anderen Seite sehe man eine „Rationalisierung der Landschaft“. Das Bild gerader, von der industriellen Landwirtschaft gezogener Linien wird durch riesige Nutzgebäude komplettiert: Datenzentren von Apple und Google werden das Landbild seiner Ansicht nach ebenso prägen wie die Verteilzentren von Internetversendern wie Amazon. Romantisierung und Rationalisierung - das sind widerstrebende Ansprüche an dieselben Regionen. Ein Konflikt, für den Petermann auch keine Lösung kennt.

          Schlechte Lage durch gute Stimmung wettgemacht

          In Zahlen gefasst, zählen zum ländlichen Raum 98 Prozent der Erdoberfläche, auf der aber nur knapp die Hälfte der Menschheit wohnt. In Deutschland leben laut Bundesinstitut für Raumforschung auf dem Land 18 Prozent der Bevölkerung auf 60 Prozent der Fläche. Es werden immer weniger: Fast drei Viertel aller ländlichen Gemeinden haben zwischen 2006 und 2011 Einwohner verloren, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung herausgefunden.

          Nathalie Franzen weiß genau, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Sie ist von Beruf Dorfplanerin, versucht gemeinsam mit den Bewohnern Strategien für ländliche Gemeinden zu entwickeln, die aus dem Gleichgewicht geraten sind. Sie kennt sie alle: Die schmucken Fachwerkorte, die zwar hübsch anzuschauen sind, sich aber anfühlen wie Freilichtmuseen, weil die Bewohner nur am Wochenende dort sind. Die Schlafdörfer am Rand der Metropolen, deren einzige Lebensader die S-Bahn-Linie in die Großstadt ist. Aber auch Eifeldörfer, so zersiedelt und abgelegen, dass sie „Oh, mein Gottt denkt“, wenn sie das erste Mal dort vorbeikommt - die aber so voller Gemeinschaftsgeist und Bürgersinn stecken, dass sie schlechte Lage und Schönheitsmängel im Wettbewerb um Zuzügler durch gute Stimmung wettmachen.

          Ab 45 Minuten Pendelzeit wird es kritisch

          Franzen glaubt nicht an das Klischee der sterbenden deutschen Dörfer, in denen Wildschweine durch Vorgärten streifen und Brombeerhecken über Jägerzäune wuchern werden, nachdem der letzte Bewohner gerstorben ist und von der Kreisverwaltung die Straßenbeleuchtung abgestellt wurde. Sie glaubt aber auch nicht, dass jedes Dorf den demographischen Trend überlisten und auf Wachstum umschalten kann. Aber man könne die Schrumpfung aufhalten. „Ob man ein Dorf retten kann, hängt vor allem daran, ob seine Bewohner es wollen“, sagt sie.

          In Deutschland entscheidet zunächst einmal die Lage über die Zukunft. Befindet das Dorf sich in der Nähe einer prosperierenden Großstadt und hat am besten noch eigene Autobahnabfahrt und S-Bahn-Anschluss, muss es sich nach Ansicht von Geograph Redepenning keine Sorgen um seine Zukunft machen. Wegen steigender Immobilienpreise in den Städten wird der Radius dessen, was als „zentrumsnaher ländlicher Raum“ gilt, immer größer. Denn Familien, die im eigenen Haus wohnen möchten, müssen immer weiter herausziehen, um sich das leisten zu können.

          Anders sieht es hingegen mit Dörfern aus, die das Institut für Raumforschung zum „peripheren ländlichen Raum“ zählt. Ab 45 Minuten Pendelzeit zum Arbeitsplatz wird es kritisch. Das sind die Orte, in denen nach Ansicht von Dorfplanerin Franzen das Engagement der Bewohner die zentrale Rolle spielt. Bilden sie Fahrgemeinschaften zum Einkaufen in die nächste Kreisstadt, wenn die Busverbindung eingestellt wird?

          Es braucht Raumpioniere

          Gründen die Dorfbewohner Schulen und Kindergärten in freier Trägerschaft, wenn die Kommune diese Aufgabe nicht mehr erfüllt? Manchmal brauche es aber auch nur ganz kleine Impulse, damit die Stimmung wieder von hoffnungslos auf optimistisch dreht. „Oft reicht es, dass neben dem Männergesangsverein und dem Trachtenclub auch ein Fitnesskurs und Babymassage angeboten werden, damit die jüngere Dorfbevölkerung sich wieder wohl fühlt“, sagt Franzen.

          Doch damit Fahrgemeinschaften entstehen, der Dorfkern belebt oder auch nur ein Raum zum Hip-Hop tanzen gefunden wird, braucht es engagierte Dorfbewohner - Raumpioniere, wie der Architekt Philipp Oswalt sie in einem 2013 veröffentlichten Buch genannt hat. So einer ist Ulf Häbel aus Freienseen, einem 800-Einwohner-Dorf im Vogelsbergkreis.

          Als der pensionierte Pastor den Telefonhörer in seinem ausgebauten Bauernhof abnimmt, kommt er gerade „vom Bau mit den Somaliern“ wie er erzählt. „Der Bau“, das ist die alte Dorfschmiede, die auf Initiative von Häbel und anderen Dorfbewohnern zu einem Ort der Begegnung für alle Generationen des Dorfes werden soll: mit Tagespflege für die Alten, einem Dorfladen und einer Werkstatt, in der Handwerker im Ruhestand mit den Kindergartenkindern bauen, basteln und werken sollen. Die Somalier wiederum sind Asylsuchende aus dem nahen Flüchtlingsheim, die gemeinsam mit den Dorfbewohnern auf dem Bau anpacken. „Wir machen viel in Eigenleistung, und die Flüchtlinge helfen lieber mit, als dass sie herumsitzen“, sagt Häbel.

          Individualisierung auch im ländlichen Raum

          Der ehemalige Pfarrer ist Dorfbewohner aus Überzeugung: „Die Stadt bietet Komfort, das Dorf lebt von Beteiligung. Hier kann man sich noch selbst einbringen und seinen Lebensraum gestalten“, sagt er. Seine eigenen Biographie ist dafür ein Beweis. Als er vor 26 Jahren mit seinem fünf Kindern in den Ort zog, sank die Bevölkerung, die Schule hatte geschlossen. „Gerade die Schule ist ein wichtiges Rückgrat für den ländlichen Raum“, ist Häbel überzeugt. Also gründete er mit Gleichgesinnten selbst eine, mit der evangelischen Kirche als Träger. Ein Waldkindergarten kam hinzu. Nun die Dorfschmiede.

          Mittlerweile gibt es wieder Menschen, die bewusst nach Freienseen ziehen, weil sie Teil dieses engagierten Dorfes werden wollen. Die Schrumpfung wurde aufgehalten. „Die vom freiwilligen Engagement getragene Infrastrukturentwicklung ist ein Zuzugsmotiv“, steht in einer Langzeitstudie des Thünen-Instituts, die den Wandel der ländlichen Lebensverhältnisse seit 1952 in zehn westdeutschen und seit der Wiedervereinigung auch vier ostdeutschen Dörfern untersucht - unter anderem in Freienseen.

          Eine Allgemeingültigkeit will Heinrich Becker, Koordinator der Studie, aus dem Beispiel im Vogelbergkreis nicht ableiten: „Dorfbewohner sind nicht engagierter, nur weil sie auf dem Land leben.“ Die Individualisierung macht auch vor dem ländlichen Raum nicht halt. Stadt und Land - sind nicht nur Gegensatz, sondern in vielem ähnlicher, als man denkt.

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