https://www.faz.net/-hrx-89x77

Zukunft auf dem Land : Selbst ist das Dorf

In Deutschland entscheidet zunächst einmal die Lage über die Zukunft. Befindet das Dorf sich in der Nähe einer prosperierenden Großstadt und hat am besten noch eigene Autobahnabfahrt und S-Bahn-Anschluss, muss es sich nach Ansicht von Geograph Redepenning keine Sorgen um seine Zukunft machen. Wegen steigender Immobilienpreise in den Städten wird der Radius dessen, was als „zentrumsnaher ländlicher Raum“ gilt, immer größer. Denn Familien, die im eigenen Haus wohnen möchten, müssen immer weiter herausziehen, um sich das leisten zu können.

Anders sieht es hingegen mit Dörfern aus, die das Institut für Raumforschung zum „peripheren ländlichen Raum“ zählt. Ab 45 Minuten Pendelzeit zum Arbeitsplatz wird es kritisch. Das sind die Orte, in denen nach Ansicht von Dorfplanerin Franzen das Engagement der Bewohner die zentrale Rolle spielt. Bilden sie Fahrgemeinschaften zum Einkaufen in die nächste Kreisstadt, wenn die Busverbindung eingestellt wird?

Es braucht Raumpioniere

Gründen die Dorfbewohner Schulen und Kindergärten in freier Trägerschaft, wenn die Kommune diese Aufgabe nicht mehr erfüllt? Manchmal brauche es aber auch nur ganz kleine Impulse, damit die Stimmung wieder von hoffnungslos auf optimistisch dreht. „Oft reicht es, dass neben dem Männergesangsverein und dem Trachtenclub auch ein Fitnesskurs und Babymassage angeboten werden, damit die jüngere Dorfbevölkerung sich wieder wohl fühlt“, sagt Franzen.

Doch damit Fahrgemeinschaften entstehen, der Dorfkern belebt oder auch nur ein Raum zum Hip-Hop tanzen gefunden wird, braucht es engagierte Dorfbewohner - Raumpioniere, wie der Architekt Philipp Oswalt sie in einem 2013 veröffentlichten Buch genannt hat. So einer ist Ulf Häbel aus Freienseen, einem 800-Einwohner-Dorf im Vogelsbergkreis.

Als der pensionierte Pastor den Telefonhörer in seinem ausgebauten Bauernhof abnimmt, kommt er gerade „vom Bau mit den Somaliern“ wie er erzählt. „Der Bau“, das ist die alte Dorfschmiede, die auf Initiative von Häbel und anderen Dorfbewohnern zu einem Ort der Begegnung für alle Generationen des Dorfes werden soll: mit Tagespflege für die Alten, einem Dorfladen und einer Werkstatt, in der Handwerker im Ruhestand mit den Kindergartenkindern bauen, basteln und werken sollen. Die Somalier wiederum sind Asylsuchende aus dem nahen Flüchtlingsheim, die gemeinsam mit den Dorfbewohnern auf dem Bau anpacken. „Wir machen viel in Eigenleistung, und die Flüchtlinge helfen lieber mit, als dass sie herumsitzen“, sagt Häbel.

Individualisierung auch im ländlichen Raum

Der ehemalige Pfarrer ist Dorfbewohner aus Überzeugung: „Die Stadt bietet Komfort, das Dorf lebt von Beteiligung. Hier kann man sich noch selbst einbringen und seinen Lebensraum gestalten“, sagt er. Seine eigenen Biographie ist dafür ein Beweis. Als er vor 26 Jahren mit seinem fünf Kindern in den Ort zog, sank die Bevölkerung, die Schule hatte geschlossen. „Gerade die Schule ist ein wichtiges Rückgrat für den ländlichen Raum“, ist Häbel überzeugt. Also gründete er mit Gleichgesinnten selbst eine, mit der evangelischen Kirche als Träger. Ein Waldkindergarten kam hinzu. Nun die Dorfschmiede.

Mittlerweile gibt es wieder Menschen, die bewusst nach Freienseen ziehen, weil sie Teil dieses engagierten Dorfes werden wollen. Die Schrumpfung wurde aufgehalten. „Die vom freiwilligen Engagement getragene Infrastrukturentwicklung ist ein Zuzugsmotiv“, steht in einer Langzeitstudie des Thünen-Instituts, die den Wandel der ländlichen Lebensverhältnisse seit 1952 in zehn westdeutschen und seit der Wiedervereinigung auch vier ostdeutschen Dörfern untersucht - unter anderem in Freienseen.

Eine Allgemeingültigkeit will Heinrich Becker, Koordinator der Studie, aus dem Beispiel im Vogelbergkreis nicht ableiten: „Dorfbewohner sind nicht engagierter, nur weil sie auf dem Land leben.“ Die Individualisierung macht auch vor dem ländlichen Raum nicht halt. Stadt und Land - sind nicht nur Gegensatz, sondern in vielem ähnlicher, als man denkt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Forscher des Australian Institute of Marine Science vermisst am Clerke Reef Korallenschäden.

Wende in der Klimakrise? : Noch ist nichts verloren

Der Klimaforscher Mojib Latif glaubt an die Wende in der Klimakrise – gerade nach dem Corona-Schock. In seinem neuen Buch „Heißzeit“ erklärt er, was auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zukommt.
Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.