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Was lange währt ... : Wie ich einen Aphorismus ins Blatt brachte

Manchmal kommen die Formulierungen vor den Texten, in denen sie wirken sollen. So war es bei unserem Autoren. Bild: dpa

Vor vielen Jahren fiel unserem Autor eine schöne Formulierung ein, nur der Text in dem sie vorkommen sollte, fehlte bislang. Nun hat er doch noch einen Weg gefunden.

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          Gelungene Formulierungen im Journalismus kommen im besten Fall spielerisch zustande: Man schreibt über irgendein Thema, Markus Söder oder so, und plötzlich purzelt der hübsche Satz, das schöne Wort aus einem heraus direkt hinein in den Artikel. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Erst ist die Formulierung da, dann kommt der Text. So ist es oft bei Glossen. Aber selbst ganze Bücher sind so schon entstanden. Die Meisterschaft besteht dann darin, den Leser nicht merken zu lassen, dass man das ganze Brimborium nur aufführt, um die eine gute Idee unterzubekommen.

          Timo Frasch
          (tifr.), Politik

          Auch uns fiel vor vielen Jahren eine schöne Formulierung ein, zumindest eine, von der wir damals, um die Mitte des vergangenen Jahrzehnts, dachten, sie gehöre zum Schönsten, was uns je zugelaufen ist. Allzu viel soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden, aber es handelt sich um eine Art Aphorismus, der sich sogar reimt. Er spielt mit der allseits bekannten Wendung „Zum Lachen in den Keller gehen“, man könnte vielleicht sagen, er führt sie auf nicht ganz unelegante Weise ad absurdum.

          Zu Seehofer passte der Aphorismus nicht

          Nun hätten wir natürlich warten können, bis wir irgendwann so viele Aphorismen zusammen haben, dass es reicht für ein Buch oder wenigstens ein Büchlein. Aber abgesehen davon, dass Buchschreiben ein bisschen 20. Jahrhundert ist und uns zwischenzeitlich nicht mehr viele Aphorismen einfielen, birgt ein solches Vorgehen natürlich das Risiko, dass jemand anderer unterdessen auf denselben Aphorismus kommt, ihn veröffentlicht und man selbst dann der Gelackmeierte ist; bei einem Zweizeiler, der aus lediglich 14 Wörtern besteht, ist das nicht so unwahrscheinlich. Vielleicht hat den Aphorismus auch längst schon jemand ersonnen und veröffentlicht; er liegt auch irgendwie auf der Hand. Doch in die Google-Suche wollten wir ihn nicht eingeben, aus Angst vor dem Algorithmus.

          Bleibt also die Zeitung. Das Problem: Es gibt dort keinen richtigen Platz für Aphorismen. Außer vielleicht in der Rhein-Main-Zeitung auf der ersten Seite. Aber die „Miniglosse“ scheint uns doch immer auf einer realen Begebenheit zu beruhen; bei unserem Aphorismus ist das nicht der Fall, er ist eine reine Kopfgeburt. Sowieso würde man den Aphorismus nur ungern isoliert veröffentlichen, auf die Art würde er allzu sehr ausgestellt und beäugt – ein Druck, dem er literarisch wahrscheinlich nicht standhielte.

          Also haben wir 15 Jahre lang anderweitig versucht, unseren Zweizeiler zu platzieren. In einem Text über Seehofer waren wir mal ganz nah dran, der CSU-Mann ist ja nun ein Politiker, der bekanntermaßen auch immer wieder in den Keller geht; aber eben nicht zum Lachen – Seehofer lacht gern in aller Öffentlichkeit –, sondern zu seiner Modelleisenbahn.

          Lady-Gaga-Sätze in der Zeitung

          Vor ein paar Jahren hörten wir dann von einem türkischen Journalisten, der in einem Artikel die Anfangsbuchstaben jedes Absatzes so anordnete, dass sie eine Beschimpfung des türkischen Präsidenten ergaben. Dass er deswegen im Gefängnis landete, ist natürlich kein gutes Omen. Trotzdem hätten wir so unseren Aphorismus ins Blatt schmuggeln können. Es hätte allerdings viel Stress und Unsicherheit bedeutet – permanent hätte man den Kollegen in Frankfurt auf die Finger schauen müssen, dass sie nicht durch eine unbedachte Kürzung bei der Redigatur den ganzen Plan zunichtemachen. Und wäre der Aphorismus denn überhaupt jemandem aufgefallen? Ein Kollege, der jüngst den Twitter-Account des F.A.Z.-Magazins betreute, schrieb danach desillusioniert: „Ich prangere an, dass es offenbar niemand genauso witzig findet wie ich, dass die Anfangsbuchstaben aller meiner Tweets für das @fazmagazin den Chorus von ,Never gonna give you up' ergeben.“

          Der Lösung näher kamen wir, als wir auf den „Wahrheit-Unterbring-Wettbewerb“ der „taz“ stießen. Geehrt wird der Journalist, dem es gelingt, möglichst originell einen Gaga-Satz in seiner Zeitung unterzubringen. In diesem Jahr: „Was Ananas für Piña Colada, ist der Ahornsirup für Kanada.“ Auch F.A.Z.-Journalisten haben den Preis schon gewonnen; es scheint bei der „taz“ also keine generellen Vorbehalte zu geben. Leider war der Einsendeschluss der 12. Oktober, weshalb dieser Text nicht mehr als Wettbewerbsbeitrag gelten kann. Er kann aber dem eigentlichen Ziel dienen, den Aphorismus, der übrigens bei Weitem nicht so gaga ist wie der Ananas-Satz, endlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

          Hinzu kam noch eine weitere Erkenntnis. Wenn im Journalismus etwas schiefgeht, zum Beispiel ein Interview oder eine Recherche, dann kann man das Ganze dadurch retten, dass man darüber schreibt, wie und warum es schief gegangen ist. Der oben erwähnte Kollege vom Account @fazmagazin war auch hier Vorreiter: Er versuchte vergeblich, die Geschichte des Logos auf den Döner-Tüten zu recherchieren, scheiterte, und triumphierte dann mit der Geschichte seines Scheiterns. Warum sollte das mit einem kleinen, aber feinen Aphorismus nicht auch möglich sein?

          Jetzt, wo Sie so lange auf die Folter gespannt wurden, sollte man den Zweizeiler wahrscheinlich gar nicht mehr bringen. Eine solche Hinleitung kann eigentlich nur mit einer Hinrichtung enden, zumindest einer großen Enttäuschung. Aber dies hier ist der Zehn-Meter-Turm des Lebens, wer einmal oben ist, kommt nur noch durch den Sprung ins kalte Wasser wieder runter. Also, eins, zwei, drei: „Die in den Keller zum Lachen gehn / hat dort erst noch keiner lachen sehn.“

          Wer jetzt nicht wenigstens schmunzelt, beweist, dass der Aphorismus stimmt.

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