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Batik wieder im Trend : Ein Rien-ne-va-plus der Farben

  • -Aktualisiert am

Wie damals auf Sommerfreizeit: Gigi Hadid mit Batik-T-Shirt und Tasche. Bild: Getty

So zufällig, wie Batik entsteht, ist es in diesem Sommer auch wieder da. An Thesen für den Trend mangelt es trotzdem nicht. Wer hätte das gedacht?

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          In einem Buch über Motive und Techniken der klassischen Batik – es heißt „Classical Batik“ und ist 1981 in Jakarta erschienen – findet sich eine Definition, die an Klarheit nichts zu wünschen übriglässt. Batik, das ist ein Malen, ein Zeichnen oder Schreiben mit Wachs. Eine Autorenschaft, die sich einer strengen Überlieferung verpflichtet. Jede Vereinfachung, jedes Hilfsmittel gilt der klassischen Definition als unzulässig; schon der kleinste Motiv-Stempel scheidet aus. Sonst könne man nur noch von Batik-Optik sprechen, nicht von Batik selbst.

          Dafür muss der erfahrene Handwerker und Künstler ein spezielles Kännchen benutzen und die Poren des Stoffes für die anschließende Färbung mit kochend heißem Wachs versiegeln. Mehrere Arbeitsgänge sind nötig, bis das ganze Bild sich erschließt: Rautenmuster. Pflanzen. Mit Blumen reich geschmückte Gärten. Die abstrakten und figürlichen Darstellungen sind äußerst filigran und oft sehr poetisch, und hoffentlich hilft es, sich das kurz einmal vorzustellen, wenn man die Überschrift eines der 207 ausgewählten traditionellen Motive liest: „Vogel, der traurig und gesund ist. Traurigkeit, die auf Sehnsucht beruht.“

          An einen Bindfaden war also bestimmt nicht gedacht. Nicht an T-Shirt-Packungen aus dem Großmarkt. Nicht an einen Lehrer, der einer Gruppe von Kindern auf Schulfreizeit „Wir batiken heute“ sagt und damit im Ernst meint, dass die Kinder mit Zwirn wulstige Knoten in den Stoff binden und die geschnürten Pakete anschließend in Farbtöpfen umrühren. Nach Hause zurückgekehrt, liefen die Kinder mit ihren T-Shirts durchs Dorf und sahen aus wie Abgesandte des Hippie-Gottes, seltsam fremd und fröhlich in einer Umgebung, die jede Abweichung vom Mainstream und seinen „ordentlichen“ T-Shirts misstrauisch beäugt.

          Kein Tie-Dye ohne passende These

          Ein Geschenk des Zufalls, ein Rien-ne-va-plus der Farben. Es ging nicht um Leistung. Nicht um Erwartungen, die man erfüllt oder enttäuscht. Darin lag für viele Kinder der Zauber. Wer mag, soll sich darüber lustig machen und sagen, dass die T-Shirt-Provinz nun wirklich nicht zählt.

          Aber wer weiß, vielleicht geht einem in diesen Zeiten der Appetit auf Geringschätzung allmählich verloren, und man nutzt die Gelegenheit, an die eigene Batik-Erfahrung zu denken. Die Mode lädt jedenfalls herzlich dazu ein. Mehr noch, sie räumt dem alten Shirt, das den Batik-Titel wie gesagt völlig zu Unrecht trägt, wieder eine echte Chance ein. Obwohl es natürlich im Vergleich zu dem hellblau-mäandernden Shirt aus der aktuellen Sommerkollektion von Stella McCartney ein bisschen ungestüm und längst nicht so sophisticated daherkäme. Dafür aber in einem Blau, das an einigen Stellen an das Blau der tiefsten Stellen einer Meeresbucht erinnert.

          Wer hätte das gedacht? „Tie-Dye ist zurück“; so nennt der angloamerikanische Sprachraum das. Die meisten Beobachter haben nicht damit gerechnet und geben sich völlig überrascht. Tot wie ein Türnagel sei die Batik-Optik, sei das Tie-Dye doch bis neulich noch gewesen. Warum jetzt diese Renaissance?

          Kaum ist die Frage gestellt, geht es schon los mit dem Gedankenspiel, das dieses Mal sehr aufs Grundsätzliche zielt. Als würde man sich in einem Pulli von R13 oder einem von Maria Grazia Chiruri für Dior wunderbar kolorierten Seiden-Sommerkleid am Rande der Erklärungsnot befinden. Kein Tie-Dye ohne passende These.

          „Weißt du noch, wie früher alle gebatikt haben?“

          Tie-Dye drücke eine Sehnsucht aus, heißt es, ein Art von Heimweh nach dem Offline. Mit seinen unscharfen Farbverläufen nehme es Abstand zum digitalen Gebot der Perfektion und sei in Zeiten von Trump als Zeichen des Nonkonformismus zu lesen, als Bekenntnis zu Vielfalt und Freiheit. Außerdem sei es für die MeToo-Bewegung relevant und zeige deutlich, dass dort eine neue, optimistischere Phase beginnt. Und tatsächlich: Das leuchtende Tie-Dye eines Prabal Gurung könne ermutigender und kraftvoller nicht sein.

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