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Steampunk-Bewegung : Willkommen bei der Menschmaschine

  • -Aktualisiert am

Der Steampunk Alexander Schlesier sitzt in seiner Küche an einem ehemaligen OP-Tisch. Bild: Kathrin Harms

Früher war auch die Zukunft besser: Die Steampunk-Szene lässt die phantastischen Welten eines Jules Verne lebendig werden. Im Zentrum der Geschichte stehen oft verrückte Wissenschaftler mit hochtechnologischen Erfindungen.

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          In dem Ort, in dem Alexander Schlesier lebt, steht ein Maibaum vor der Sparkasse, hängt ein vergoldeter Jesus an der Kirche, und an einem Schaufenster prangt: „DSL jetzt verfügbar“. In den Einfahrten der Häuser und Höfe parken teure Autos, einige Menschen haben ihre Gärten in Steinlandschaften verwandelt. In diesem Straßendorf, das seit 1972 zu Ingolstadt gehört, hat sich Schlesier einen Blumenladen zur Wohnung umgebaut. Man könnte auch sagen: zum Gruselkabinett.

          Schlesier ist ein glattrasierter Mann in Schwarz mit langen dunklen Haaren, der sein Geld mit Interior Design bei Audi verdient. Seinen Kaffee trinkt er auf einem Zahnarztstuhl aus den 1930er Jahren. Auf seinem Küchentisch wurden einst Beine amputiert. Und im Arzneischrank, in dem er Gewürze in braunen Apothekerfläschchen aufbewahrt, ruht auch das zierliche Skelett einer Fledermaus. Ein bisschen mulmig kann einem in Schlesiers Zuhause schon werden, das er selbst – verbindlich lächelnd – als „Wunderkammer“ bezeichnet. Inmitten seiner morbiden Einrichtung beruhigt es zwar, ihn als Protagonisten der Steampunk-Szene zu wissen, einer Subkultur, die auf die Zukunftsromane des 19. Jahrhunderts anspielt. Trotzdem stellen sich plötzlich Fragen. War es klug, allein herzukommen? Warum umgibt man sich mit so einem Zeug? Und wieso zieht jemand wie Schlesier in so ein Dorf?

          Wo niemand sich erklären muss

          Zum Glück ist der Hausbesuch nicht das erste Treffen zwischen uns. Das war zu Pfingsten 2018 auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Das Festival, kurz WGT genannt, fand 1992 zum ersten Mal statt und hat sich zum weltweit größten Treffpunkt der Schwarzen Szene mit mehr als 20 000 Besuchern entwickelt. Wenn WGT ist, gibt es überall in der Stadt – sogar in Kirchen und in der Oper – Konzerte und Partys von Dark Wave, Gothic und Post Punk über Mittelalter und Folk bis hin zu Metal, Industrial und Klassik. Auch Motto-Picknicks, Aufführungen, Ausstellungen, Rollenspiele und Mittelaltermärkte gehören zum Programm. Dieses und vergangenes Jahr haben es die Veranstalter wegen Corona in vorletzter Minute abgesagt.

          Nur zum Privatgebrauch, nicht zum Stürmen des Kapitols gedacht: die Helmsammlung von Alexander Schlesier.
          Nur zum Privatgebrauch, nicht zum Stürmen des Kapitols gedacht: die Helmsammlung von Alexander Schlesier. : Bild: Kathrin Harms

          Alexander Schlesier hat kaum ein WGT verpasst. Mittlerweile ist es wie ein Familientreffen für ihn. Ein Ort, an dem er viele Menschen trifft, die ähnlich ticken wie er, und wo niemand sich erklären muss. Der Drang, möglichst viel aufzunehmen wie bei seinen ersten WGT-Besuchen, ist verflogen. „Ich war total geflasht und nur mit Schauen beschäftigt“, erzählt Schlesier. „Das sind so viele Eindrücke, die du gar nicht gleich verarbeiten kannst.“

          Ein Laufsteg für schwarze Paradiesvögel

          Wer schon mal am Freitag vor Pfingsten durch den Clara-Zetkin-Park in Leipzig geschlendert ist, weiß genau, was er meint. In pandemiefreien Zeiten verwandelt sich der weitläufige Park mit seinen alten Bäumen und großen Wiesen, den geschwungenen Wegen und idyllischen Teichen an diesem Tag zu einer Art Laufsteg für schwarze Paradiesvögel. Hunderte von Gothic-Anhängern strömen dann zum Viktorianischen Picknick: Gesellschaften in ausladenden Barockkleidern, die an Tischen mit Kandelabern tafeln, Cyberpunks mit neonfarbenen Kunstlocken, Military Goths in beklemmend anmutenden Uniformen, Goth Punks, oft weiß geschminkt mit Irokesenschnitt und Dutzenden Piercings, und seit etwa zehn Jahren auch immer mehr Steampunks: aristokratisch gekleidete Menschmaschinen, die oft Schweißerbrillen am Zylinderhut tragen.

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