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Die Social Media Sprechstunde : Wieso wir mit Ben Affleck fühlen

Ben Affleck in seinen Flitterwochen mit Jennifer Lopez im Juli in Paris Bild: Picture Alliance

Weil er auf Paparazzi-Fotos so traurig schaut, wird der 50 Jahre alte Schauspieler in den sozialen Medien gefeiert. Wie es ihm wirklich geht ist dabei unerheblich – denn „Sad Affleck“ verkörpert ein allumfassendes Gefühl.

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          Komisch, dass das, was Ben Affleck fürs Internet verkörpert, noch kein feststehender Begriff ist. Anders als „toxische Männlichkeit“ oder „Female Empowerment“ gibt es zu „male misery“ fast nichts. Keine mäandernden Zeitungsartikel, keine wütenden Posts. Nur Ben Affleck.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Wie er in einer ausgebeulten Hose allein am Straßenrand steht und eine Kippe raucht, ohne seine Hände zu benutzen. Wie eine Kippe zwischen seinen Lippen brennt, eine ausgeleierte Corona-Maske über die Nase gespannt. Wie er mit Bergen von Fast Food in den Armen versucht seine Haustür zu öffnen, und dabei Iced Latte über alles schüttet. Wie er während seiner Flitterwochen auf einem Boot auf der Seine schläft, den Mund weit geöffnet, scheinbar vollkommen erschöpft.

          Da läuft, steht, liegt und sitzt er, der mittelalte weiße Mann, der sich sicher all seiner Privilegien bewusst ist, auf dessen Schultern aber trotzdem eine Last liegt, die er nicht abschütteln kann. Die schwedische Autorin Katrine Marcal nennt es „The Deep Inner Misery of Men“ und schreibt: „Hier liegt ein Paradoxon, das bei vielen Feministinnen für großes Unbehagen sorgt.“

          Überall auf der Welt verdienten Männer mehr, hätten größere politische und wirtschaftliche Macht – und trotzdem seien sie unglücklicher als Frauen. Männer, so erklärt es sich Marcal, pendelten permanent zwischen dem Gefühl der Ungenügsamkeit und der Scham.

          Es geht nicht um Affleck selbst

          Scham ist ein großes Thema für den 50 Jahre alten Schauspieler, aber darum soll es hier nicht gehen. Denn bei den Bildern Afflecks geht es nicht um Affleck selbst. Er ist nicht Lady Di, deren Porträts die Menschen noch heute anstarren, weil sie nach Spuren der Verzweiflung in ihrem verhaltenen Lächeln suchen.

          Wenn Affleck mit einer Kippe in der Hand vor einer Haustür steht, die Gesichtszüge in sich zusammengefallen, nach ein bisschen Erholung in einem tiefen Atemzug voller Nikotin suchend – dann wird er zu einem Spiegel. Denn man braucht nicht zu rauchen, um zu wissen, wie sich so ein Moment der vollkommenen Erschöpfung anfühlt. Man braucht nicht mal etwas Traumatisches erlebt zu haben – eine stressige Arbeitswoche, ein Streit voller gebrüllter Beleidigungen oder drei kleine Kinder reichen schon. Die Situationen, in denen Affleck eingefangen wird, sind banal – und genau deswegen im Netz so groß.

          Auf Instagram, Twitter, Facebook und Reddit erntet Affleck massenweise Sympathiebekundungen, fürs traurig Dreinschauen auf verwackelten Paparazzi-Fotos. „Ben Affleck ist ein Geschenk“, „Ich liebe ihn“, „Er gibt mir das Gefühl gesehen zu werden“, schreiben die Nutzerinnen und Nutzer.

          „Er ist wie der Onkel, den du sehr gern hast, aber um den du dir heimlich Sorgen machst“

          Diese Bilder amüsieren, würden aber auch „eindringlich wirken“, sie können „ein wenig Schadenfreude, genauso wie Sympathie“ auslösen – so versucht eine Autorin im New Yorker den Effekt von Afflecks unfreiwilligen Aufnahmen zu beschreiben. Sie sieht in dem 50-Jährigen, wie er mit einem Handtuch um die Hüften und den Zehen im nassen Sand auf das graue Meer starrt, etwas Episches: „Das Bild verweist nicht nur auf den Niedergang Afflecks, sondern auf den Niedergang der Menschheit selbst.“

          Doch näher dran an dem eigentlichen Narrativ sind oft die anonymen Internetnutzer. Einer (Twitter-Bio: „BBQ, Beer, Freedom“) sieht auf den Fotos einen Menschen, der damit zu kämpfen hat, dass Realität und Vision auseinanderklaffen. Ein anderer schreibt: „Er ist wie der Onkel, den du sehr gern hast, aber um den du dir heimlich Sorgen machst.“ Ein weiterer twittert: „Ich betrachte die Bilder und fühle sofort, was Affleck durchmacht.“

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