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Reizvolle Mitfahrgelegenheiten : „Ich glaube, dass es die Mondlandung nie gegeben hat“

Oft kann es vorkommen, dass eine Mitfahrgelegenheit zu einem Beichtstuhl wird. Bild: Illustration Thomas Fuchs

Verschwörungstheorien, familiäre Konflikte und Schicksalsschläge: Klingt wie eine Telenovela, ist bei Mitfahrgelegenheiten Gang und Gäbe. Unsere Autorin hat diese eigenartige Zweisamkeit auf Zeit erlebt.

          7 Min.

          Jana, 20, und ihr Freund Benedikt, 22, haben große Rucksäcke dabei. Sie sind auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen und wollen nach Thailand. Am verabredeten Treffpunkt steigen sie in mein Auto, wir haben uns über die Mitfahrzentrale Blablacar gefunden. Drei Stunden Fahrt liegen vor uns. Wir reden über Erziehungsstile, denn Jana ist Erzieherin. Ich frage sie, ob es wirklich nicht gut ist, wenn man seine Kinder viel lobt – das geistert seit einiger Zeit als neues Mantra durch die Presse. Wenn ein Kind zum Beispiel auf eine Kletterspinne geklettert ist und von ganz oben ruft: „Guck mal, Mama!“, dann soll man nicht rufen: „Toll!“, sondern: „Ich seh dich!“ Jana nimmt dazu ausführlich Stellung, wägt Für und Wider ab. Irgendwann frage ich sie: „Wie hat deine Mutter das denn bei dir gemacht?“ Eine kleine Pause entsteht. Dann sagt sie: „Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht, als ich sechs war. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vorsichtig frage ich nach, was geschehen ist, und Jana hat keinerlei Probleme, mir alles zu erzählen: Ihr Vater habe eines Abends auf dem Sofa gelegen, und ihre Mutter habe ihn mit einer vollen Schnapsflasche erschlagen. Sie habe stets viel getrunken, es sei wohl eher aus Versehen und im Suff geschehen. Sie selbst wisse das noch gar nicht so lange und nur aus den Gerichtsakten, die man ihr bis zu ihrem 18. Geburtstag vorenthalten habe. Sie sei nach der Tat im Heim aufgewachsen. Zu ihrer Mutter habe sie keinen Kontakt mehr, sie wisse aber, dass sie demnächst aus der Haft entlassen werde. „Ich will sie dann besuchen“, erklärt sie, „aber für mich ist sie inzwischen eine Fremde.“

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