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Master KG : Wie „Jerusalema“ zum Lied des Sommers wurde

Der Südafrikaner Master KG (links) und Nomcebo Zikode Bild: dpa

„Jerusalema“, der Hit des südafrikanischen Musikers KG Master, bringt Menschen auf der ganzen Welt zum Tanzen – wenn auch auf Abstand.

          3 Min.

          Ein junger südafrikanischer Musiker veröffentlichte vor einem Jahr ein 30 Sekunden langes Video auf Instagram. Es enthielt die ersten Takte eines Musikstücks. „Bald kommt ein neuer Song“, lautete die Nachricht dazu. Seitdem hat das Lied „Jerusalema“ die Welt erobert. Auf allen Kontinenten versetzt es Menschen zurzeit in Tanzlaune – trotz oder auch gerade wegen der Corona-Pandemie.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Gruppen, die sich spontan zusammengefunden haben, tanzen zu dem eingängigen Rhythmus den Lockdown-Koller weg, befreien sich von den Alltagssorgen mit sozialem Abstand. Zahlreiche Videos füllen die sozialen Medien, aufgenommen wurden sie in Hinterhöfen, auf Hausdächern, an Stränden oder in Krankenhausfluren. Die Begeisterung, die an „Macarena“ in den neunziger Jahren erinnert, zieht sich durch alle Alters- und Bevölkerungsgruppen. Selbst ein Video von einem guten Dutzend tanzender Mönche und Nonnen vor einer Kirche in Italien findet sich im Netz. Pflegekräfte des False-Bay-Krankenhauses in Kapstadt tanzten auf der Hubschrauberlandefläche. Und auch Südafrikas Finanzminister Tito Mboweni probte die Schritte mit seinen Söhnen in der Küche, neben dem Herd mit dampfenden Töpfen.

          Der Komponist und Produzent Master KG – mit bürgerlichem Namen Kgaogelo Moagi – steckt wegen der Corona-Reisebeschränkungen in Johannesburg fest. Von dort aus verfolgt er täglich die Resonanz auf sein Lied in aller Welt. „Jerusalema“ lag in einer Chartliste schon in zehn Ländern auf Platz eins, darunter Südafrika, Frankreich, Rumänien, Portugal und Italien. Das offizielle Musikvideo wurde auf Youtube mehr als 97 Millionen Mal aufgerufen.

          „Eish, ich weiß nicht, was ich sagen soll“, sagt der Vierundzwanzigjährige über Zoom. In seinen Musikvideos tritt er als cooler Typ mit dunkler Sonnenbrille auf. Privat auf dem Bildschirm hingegen sieht er aus wie der nette Junge von nebenan, mit normaler Brille und blauer Mütze. „Die Liebe, die mir überall auf der Welt entgegenschlägt, ist unglaublich. Es macht mich so glücklich, dass die Menschen diese Pandemie kurzzeitig vergessen und einfach Spaß haben.“

          Moagi stammt aus einem Dorf in der armen Provinz Limpopo. Dort habe es ein paar Jungs gegeben, die auf dem Computer Beats produzierten, erzählt er. Schon als Zwölfjähriger habe er ihnen stundenlang dabei zugesehen. „Ich wollte auch mitmachen, denn ich liebe Musik von ganzem Herzen.“ Als ein mittlerweile verstorbener Onkel nach langem Drängen einen Computer auftrieb, legte er los. Es habe Jahre gedauert, bis er mit den anderen mithalten konnte, auch nachts habe er mit Melodien und Rhythmen experimentiert, sagt Moagi. Seine Eltern seien davon wenig begeistert gewesen. „Sie sagten, dass ich für die Schule lernen soll. Aber mich hat die Musik mehr interessiert.“

          Im Jahr 2018 dann war es so weit: Master KG, wie ihn seine Freunde nannten, brachte seine erste Single heraus: „Skeleton Move“. Sie wurde sofort ein Hit, er trat in Konzertarenen auf, bekam sogar in der amerikanischen Stadt Dallas einen Preis dafür.

          „Jerusalema“ entstand im vergangenen Jahr auf ähnliche Weise wie „Skeleton Move“. „Ich hatte diese wunderschöne Melodie gefunden und habe sie immer und immer wieder gespielt. Sie war spirituell, ich konnte nicht genug davon bekommen.“ Er rief Nomcebo Zikode an, eine Background-Sängerin, die er vorher nicht persönlich getroffen hatte, deren Stimme er aber kannte. „Sister“, sagte Moagi zu ihr, „ich habe diese Melodie und will mit dir daran arbeiten.“ Einen Tag später trafen sie sich im Studio. „Sie fing an zu singen, und ich wusste sofort, sie war die Richtige.“ Beide hätten damals mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt. Die Südafrikanerin, Mutter von zwei Kindern, hatte schon seit Jahren vergeblich versucht, aus dem Dasein als Hintergrund-Sängerin herauszutreten. „In diesem Lied sind unsere beiden Stimmungen zusammengekommen“, sagt er. „Vielleicht ist das ein Grund, weshalb es so viele Menschen in dieser Krise anspricht.“

          Immer mehr Tanzbegeisterte machten mit

          Die ersten Videoclips des Liedes, dessen Text in Zulu verfasst ist, der in Südafrika am meisten gesprochenen Sprache, verbreitete sich schnell auch außerhalb Südafrikas. Als ein paar junge Angolaner in einem Hinterhof einen Tanz dazu erfanden, wetteiferten immer mehr Tanzbegeisterte mit Videos im Netz. Künstler in Chile und Italien produzierten Coverversionen, Übersetzungen des Liedtextes wurden millionenfach im Netz aufgerufen.

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          In Südafrika ist das Bedürfnis nach einem Mut- und Muntermacher nach fünf Monaten Ausgangssperre besonders groß. Zwar wurde „Jerusalema“ aus unerfindlichen Gründen nicht für die nationalen Musikpreise in diesem Jahr nominiert. Doch der Minister für Kunst, Sport und Kultur ernannte Master KG und Zikode zu Kulturbotschaftern des Landes. Diesen Auftrag nehme er sehr ernst, sagt Moagi. „Dieses Lied öffnet so viele Türen. Es ist eine große Chance nicht nur für mich, sondern für mein Land.“

          Er selbst hat in seinem Johannesburger Haus viele Pläne. Die amerikanische Warner Music Group hat ihn unter Vertrag genommen, er nahm eine neue Version mit dem nigerianischen Reggae-Musiker Burna Boy auf. Vor allem aber will er reisen, sobald Südafrikas Flughäfen für internationale Flüge geöffnet werden, zuerst nach Italien, denn dort sei er noch nie gewesen, dann nach Großbritannien. Auch in Indien gebe es „Jerusalema“-Fans. Und er habe eine Einladung nach Jerusalem bekommen. Es sei höchste Zeit, dass er seinem Song in die Welt da draußen folge, sagt er in die Bildschirmkamera. „Ich will endlich die Begeisterung der Menschen fühlen, und ich will endlich auch mit ihnen tanzen.“

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