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Wenigstens virtuell: Küsschen in der Corona-Zeit Bild: AP

Beobachtungen auf Whatsapp : Auch Emojis – und ihre Nutzer – werden immer älter

Der Familien-Chat auf Whatsapp ist der Ort für schlechten Humor und überholte Internetwitze – dicht gefolgt vom Büro-Gruppen-Chat. In der Corona-Zeit hat sich ein Phänomen ganz besonders breitgemacht.

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          Uff! Was haben wir uns gewunden in den letzten Wochen, als die Nachrichten in den Familien-Whatsapp-Chats heiß liefen, die Memes gestreut und die Emojis abgefeuert wurden! Gute Wünsche noch und nöcher, Videos von Babys, die das ABC rülpsen können, dazu weise Ratschläge, Bilder von Spaziergängen (mit Abstand!) und natürlich unzählige Artikel darüber, was man wo wann wie darf. Doch nichts, wirklich nichts wurde in diesen Gruppen so brühwarm serviert wie Gags, Corona-Gags, versteht sich.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Denn der Familien-Chat ist der Ort für schlechten Humor und überholte Internetwitze. Dicht gefolgt übrigens vom Büro-Gruppen-Chat.

          In der Corona-Zeit hat sich ein Phänomen ganz besonders breitgemacht. Der Witz, den wir schon vor mindestens zwei Wochen auf Instagram oder TikTok oder Twitter oder sonstwo gesehen haben und da schon nicht witzig fanden, erscheint, meist in nachgemacht, wieder im Familienchat, etwa als schlecht inszeniertes Video. Die Reaktionen darauf sind immer gleich: dröhnendes Gelächter, bis man heult, also Kaputtlach-Emojis mit den Krokodilslachtränen, die zu beiden Seiten nur so hervorspritzen.

          Was ist nur in unsere Eltern gefahren?

          Ein Beispiel. Eine Frau, offensichtlich zu Hause vor einer trostlosen Tapete gefilmt, wird gefragt: „Sie müssen jetzt zwei Wochen in Quarantäne, da gibt es zwei Möglichkeiten. A: Sie gehen mit ihrem Mann und ihren Kindern in Quarantäne. Oder B: ...“ Und schon ruft die Frau: „B!, B!“. Muahahahaha, Kaputtlach-Smiley, Hände-vor-die-Augen-halt-Smiley, Grinse-Smiley-mit-Sailor-Moon-Tröpfchen-oben-rechts, Heul-Smiley, Lachtränen-Smiley. Okay, beim ersten Mal haben wir auch gelacht. Nur: Den Gag gibt's schon seit Jahren in ähnlicher Version. Und man wird in dieser Zeit mit diesen Witzen von allen Seiten so zugeballert, dass man sich nur noch verkriechen möchte in einen witz- und luftleeren Raum – immerhin das geht in der Isolation übrigens ganz gut.

          Krokodils-Tränen-Lach, Herzchen-Augen-Grins, Cry-me-a-river-Traurig: Diese Form des Ausdrucks versteht heute fast jeder.
          Krokodils-Tränen-Lach, Herzchen-Augen-Grins, Cry-me-a-river-Traurig: Diese Form des Ausdrucks versteht heute fast jeder. : Bild: Emoji Island

          Es ist ein bisschen so wie damals, als unsere Eltern plötzlich Whatsapp entdeckten und uns mit Kuss-Smileys, Herzchenaugen-Emojis und digitalem Glitzerstaub nur so zuspammten – und das zu einer Zeit, in der wir selbst es für den Gipfel intellektueller Gelassenheit hielten, uns komplett emoji-frei durch Facebook-Timeline und StudiVZ-Nachrichten zu kämpfen. Peinlich fanden wir das! Unanständig!

          Was war nur in unsere lieben, klugen Eltern gefahren, dass sie sich plötzlich derart gebärdeten? Inzwischen hat sich der Emojigebrauch sozusagen demokratisiert, genau wie die sozialen Netzwerke. Soll heißen: Sie sind älter geworden, für die Masse zugänglich. Und auch wir gestehen uns einen gewissen Emojiverschleiß zu, so jung sind wir ja sowieso nicht mehr, Zwinkersmiley!

          Wt?f!?! Heaven help!

          Immerhin: Noch haben wir Food-Bilder für uns. Die ältere Generation findet es komisch, dass wir vor dem Verzehr unserer selbstredend wunderhübsch drapierten Nudeln mit Fertigpesto erst einmal das Smartphone zücken, um diesen Moment kulinarischer Höchstleistung festzuhalten, auch für Whatsapp-Gruppen, ohne Eltern oder Tanten darin, versteht sich. Doch auch das wird sich ändern.

          So wie auf Instagram nicht mehr nur artsy Typen analoge Fotografie aus entlegenen Orten präsentieren, so wird auch die Foodie-Fotografie-Leidenschaft bald in den Familien-Chats grassieren. Bald werden unsere Eltern im Messenger uns womöglich im selben Stil schreiben wie es sonst die aufstrebenden Jungjournalisten (Journos!) auf Twitter tun. Wie sähe wohl eine Nachricht, sagen wir: der Mutter aus, nach ein, zwei Jahren coronaerprobter Dauerdigitalisierung? „LOL ich hab deinem Papa gerade selbst das Haupthair gecuttet und imho das sieht so n1 aus lmao. ok ist ein ziemlicher alman-move aber tbh: friseur voll overrated!“ Wt?f!?! Heaven help!

          Das klingt jetzt alles nach ziemlich viel Meckerei (Kotzsmiley). Und die Umweltsau-Aktivisten (Schweineschnauzen-Smiley) lauern vermutlich schon hinter der nächsten digitalen Ecke. Doch bei all der Jammerei: Ein bisschen freuen wir uns auch über die gemütlichen Witze in den Familiengruppen. Inzwischen sammeln wir sogar in anderen Gruppen für die jeweiligen Familiengruppen harmlose Gags.

          Guter Osterwitz für die Familiengruppe zum Beispiel: „Wo wohnen Hasen? In der Hoppelhaushälfte!“ Eine Freundin bekam ihn von einer Mutter, wir schickten ihn weiter in entsprechende Familienchats, und siehe da: LOL, ROFL, LMAO, Kaputtlachsmiley! Und bei uns? Machte sich ein echter, dicker, lebensgroßer Smiley breit, im analogen Gesicht – hatten wir doch gerade unsere Familie zum Lachen gebracht. Schön, oder? Wenn man sich sonst schon wenig sieht und das gemeinsame Lachen vermisst, ist ein virtuelles Lachträn-Kaputtlachen der direkte Weg ins rot pulsierende Herz-Emoji.

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