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Überschätzt/Unterschätzt : „Der ist aber nicht selbstgebacken“

Lecker, die Kollegin hat Kuchen mitgebracht! Nur: „Leider nicht selbstgebacken.“ Bild: Nerea Lakuntza

Früher gingen Menschen beichten, weil sie gesündigt hatten. Heute bitten sie um Vergebung, weil sie gekauften Kuchen auftischen. Schluss mit dem Kuchen-Shaming, fordert unsere Autorin – die Kolumne Überschätzt/Unterschätzt.

          3 Min.

          Kuchen ist der Beweis, dass es einen Gott gibt. Oder zumindest so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Egal, ob man die Bahn verpasst, bei einem Date versetzt wird oder die Gehaltserhöhung nicht bekommt, ein Stück Kuchen stellt die göttliche Ordnung wieder her. Dabei ist es egal, ob er selbstgebacken oder gekauft ist, Hauptsache, er ist lecker. Zumindest sehe ich das so.

          Anna-Lena Ripperger
          Redakteurin in der Politik.

          Kuchen muss buttrig, nussig, schokoladig oder fruchtig sein. Aber niemand muss selbst an der Rührschüssel gestanden haben, um mich damit glücklich zu machen. Deshalb bin ich immer wieder überrascht, wenn ich Zeugin einer „Kuchen-Beichte“ werde.

          Was das sein soll? Ich bin mir sicher, Sie kennen die Situation, die ich gleich beschreiben werde, aus eigener Anschauung. Sie spielt sich unter Kollegen genauso ab wie unter Freundinnen oder beim Familientreffen. Meistens verläuft sie in etwa so:

          Die Anwesenden zeigen sich hocherfreut über den Kuchen, der vor ihnen steht – eine Abwechslung vom (Arbeits-)Alltag, ein unerwarteter Nachtisch, eine Gelegenheit zum Naschen und Plauschen. Doch der Stifter oder die Stifterin kann sich nicht entspannen. Zumindest nicht, bevor der eine Satz gefallen ist: „Der ist aber nicht selbstgebacken.“ Mal klingt dieses Bekenntnis eher warnend („Erwartet nicht zu viel“), mal eher zerknirscht („Sorry, ich hatte keine Zeit zum Backen“), mal richtig schuldbewusst („Ich weiß, gekaufter Kuchen ist so stillos wie Blumen von der Tankstelle“).

          Gekauftem Kuchen haftet der Makel der Lieblosigkeit an

          Manchmal werden die Kuchen-Beichten auch getriggert. Es reicht dann ein Wort des Dankes oder Lobes, damit sich die Nicht-Bäcker in den Staub werfen. Manchmal werden die Bekenntnisse aber auch abgepresst, durch die nur vordergründig harmlose Frage: „Ist der selbstgebacken?“

          Doch egal, wie die Kuchen-Beichten zustande kommen – sie beruhen immer auf demselben kulinarischen Wertesystem. Und in dem ist gekaufter Kuchen gleichbedeutend mit Lieblosigkeit, mit Geringschätzung gegenüber dem Nächsten, wenn nicht gar gegenüber allen guten Sitten. Da wird auch kein Unterschied mehr gemacht, ob es sich um Käsekuchen vom Konditor, Gugelhupf vom Bäcker oder Kirschstreusel aus dem Supermarkt handelt. Ihnen allen haftet der Makel des Mammons an, des kapitalistisch vermittelten Genusses.

          Kuchen muss selbst gebacken werden, das ist der moralische Imperativ in uns. Dabei hat doch – Hand aufs Herz – jeder von uns schon mal richtig schlimmen selbstgebackenen Kuchen gegessen. Ich jedenfalls kann mich gut an Momente erinnern, in denen ich das angebissene Stück am liebsten direkt im nächsten Mülleimer entsorgt hätte. Und kaum jemand würde auf die Idee kommen, seinen Gästen selbstgebrautes Bier oder Ziegencamembert aus eigener Herstellung zu servieren. Warum sollte man in einer hochspezialisierten Welt nicht auch das Kuchenbacken Profis überlassen?

          Dass der Maßstab bei Kuchen ein ganz anderer ist, hat wahrscheinlich auch mit der weit verbreiteten Annahme zu tun, dass es – im Gegensatz zum Umgang mit Braugerste oder Lab – leicht sei, ihn zu backen. Dabei spielen auch beim Kuchenbacken Chemie und Physik eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das wissen alle, denen ein Kuchen nach dem Backen schon einmal komplett zusammengefallen ist.

          Auch Kuchenkaufen ist Arbeit

          Der Kauf von gutem Kuchen ist außerdem alles andere als trivial. Das fängt schon mit der Suche nach einer Bäckerei oder Konditorei an, deren Produkte so gut sind, dass man sie gerne mit anderen teilen möchte. In einer Großstadt kann man damit problemlos mehrere Wochen verbringen – selbst wenn man sich dabei an einschlägigen Internet-Guides entlanghangelt („Top 10 Patisserien – Berlins feinste Tartes, Törtchen & Co.“ oder „About Frankfurt – Brutal leckerer Kuchen“).

          Und wenn man den Konditor des Vertrauens dann endlich gefunden hat, muss man auch noch bereit sein, eine nicht unerhebliche Summe zu investieren – Kuchenkaufen geht nämlich richtig ins Geld, gerade bei größeren Gruppen. Für sechs Stücke Rüblikuchen zahlt man schon mal 20 Euro, für einen ganzen gedeckten Apfelkuchen auch mal über 50. Bestellt und abgeholt werden muss der Kuchen schließlich auch noch.

          Dass ein solcher Einsatz von Zeit und Geld weniger wertgeschätzt wird als Zehn-Minuten-Muffins oder Becherkuchen, ist ungerecht. Wenn dieses Kuchen-Shaming womöglich noch auf irgendeinem alten Ideal von „der guten Hausfrau“ beruht, umso mehr. Deshalb ist es höchste Zeit, gekauften Kuchen von seinem Stigma zu befreien. Und beim nächsten Familientreffen ganz selbstbewusst zu sagen: „Ja, der ist gekauft.“

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