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Wer ist die neue Miss Germany? : „Ich brauche kein Kleid, um meine Femininität auszudrücken“

  • -Aktualisiert am

Leonie Charlotte von Hase ist die neue Miss Germany Bild: dpa

Nicht nach Maßen, sondern nach Persönlichkeit sollten die Frauen bei der Miss-Germany-Wahl in diesem Jahr bewertet werden. Bei der Veranstaltung wird trotzdem deutlich: Nicht jeder kann sich an selbstbestimmte Frauen gewöhnen.

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          „Ich wurde oft gefragt, wieso die Miss Germany fast immer blond ist”, erzählt Horst Klemmer. „Und ich weiß es einfach nicht!” Dabei ist Klemmer schon seit 60 Jahren im Miss-Wahl-Geschäft. Inzwischen ist er 83 Jahre alt und im Ruhestand, die Miss Germany wird unter Regie seines Sohnes und seines Enkels weiter geführt. Hildegard Kwandt, die 1927 zur ersten Miss Germany in Berlin gekürt wurde, war jedenfalls blond, und Leonie von Hase, die am Samstagabend im Europapark zur Miss Germany 2020 gekürt wurde, ist es ebenfalls, genau wie ihre Vorgängerin Nadine Berneis und viele Missen davor.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Trotzdem soll die Wahl von Hases nach 93 Jahren eine Wende in der deutschen Miss-Wahl-Geschichte markieren. Bis 2018 durften die Bewerberinnen höchstens 29 Jahre alt sein, weder Kinder haben noch einen Ehemann. Von Hase ist 35 Jahre alt und Mutter eines kleinen Sohnes. Und: Statt der perfekten Maße soll die Miss Germany seit diesem Jahr nun etwas zu sagen haben. Die Jury soll nicht länger das Aussehen der Kandidatinnen bewerten, sondern ihre „Botschaft”.

          An einem klassischen Schönheitswettbewerb hätte sie nie teilgenommen, sagt von Hase. Sie will eine unkonventionelle Miss Germany sein. „Ich glaube, dass es nicht mehr relevant ist, einen Schönheitsstandard für Frauen zu haben”, sagt sie. Das bisherige Ideal schließe Frauen über 30 aus. „Es ist Zeit, das Frauen in ihrer ganzen Vielfalt und über die Generationen hinweg abgebildet werden.”

          Der sogenannte Female Shift ist genau die Kerbe, in die Klemmers Enkel Max und Geschäftsführer der Miss Germany Cooperation aus Oldenburg unter dem Motto „Empowering Authentic Women” künftig schlagen möchte. Vier Jahre lang hat der Vierundzwanzigjährige am „Re-Branding” des Familienunternehmens gearbeitet. Das Ergebnis bezeichnet er in schönstem Denglisch als „crossmedialen Personality-Contest“ mit feministischem Anstrich.

          Früher mussten die Missen kinderlos sein, heute zeigt sich Miss Bremen schwanger bei der Wahl zur Miss Germany.

          In der Praxis sah das Ganze so aus: Eine Vorjury lud 16 Bewerberinnen aus jedem Bundesland ein und vergab den jeweiligen Miss-Titel im Dezember in Hamburg, die Finalistinnen bekamen ihre Schärpen kurz darauf ohne jeden Glamour an der Haustür überreicht.

          Bei der Wahl der Finalistinnen bemühte man sich um Diversität: Unter ihnen waren Frauen mit Wurzeln in Griechenland und Polen, in Senegal und Südsudan, Gründerinnen, eine Pflegerin, eine Influencerin und eine alleinerziehende Mutter. Nur bei den Kleidergrößen, die bei der Bewerbung nicht mehr angegeben werden müssen, herrschte wenig Varianz, die Finalistinnen waren alle schlank: „Es kamen leider nur wenige andere Bewerbungen in diesem Jahr”, sagt Max Klemmer. „Und ich kann ja auch keine mitnehmen, nur weil sie eine Plus-Size-Größe hat.“

          Im dreiwöchigen Vorbereitungscamp bekamen die Finalistinnen dann Persönlichkeitscoaches an die Seite gestellt. Fotos wurden ohne Make-up gemacht und sollen auch nicht retuschiert worden sein. Am Finaltag durften sie selbst über ihren Auftritt, Haare und Make-up entscheiden, die Jury bestand erstmals ausschließlich aus Frauen. Über den Laufsteg mussten sie trotzdem, nur mit Einspielern und Live-Interviews lässt sich schließlich keine Show für knapp 2000 Gäste sowie die Zuschauer im Live-Stream machen.

          „Zeitgemäß“, lautet dennoch das Urteil, das man am Ende des Abends vielfach zu hören bekommt. Die Kandidatinnen schwärmen, die Jury schwärmt, die Gäste schwärmen, der Choreograph schwärmt. Damit hat er manch anderem Mann einiges voraus: An selbstbestimmte Frauen kann sich scheinbar nicht jeder gewöhnen. So kommt Moderator Thore Schölermann nicht umhin zu bemerken, dass die Miss Mecklenburg-Vorpommern Wirtschaftsrecht studiert, obwohl „man es ihr gar nicht ansieht“. Und als die Miss Thüringen sich backstage an der Buffetschokolade bedient, wird sie scherzhaft gefragt, ob sie das überhaupt dürfe. Und ein Fernsehmoderator bedrängt die Frauen vor der Kamera so lange, bis sie mit ihm einen Schnaps trinken.

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