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Was uns Horoskope sagen : Versessen auf Sternzeichen

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Ob die beiden auch an Horoskope glauben? Ein junges Paar betrachtet auf dem Großen Feldberg bei Frankfurt am Main den Sternenhimmel. Bild: dpa

Horoskope?! Unser Autor hat sich als Kind mit Tierkreiszeichen beschäftigt. Was haben Migrationshintergrund, Corona-Krise und digitale Trash-Esoterik damit zu tun?

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          Sind deine Eltern auch so versessen auf Sternzeichen?“, fragte mich eine Freundin bei einem Glas Wein auf meinem Offenbacher Balkon. An diesem Sommerabend sprachen wir über die Corona-Krise, über Jobs und über die Zukunft. Wir blickten in den Himmel. Über dem Offenbacher Hochhaus thronte ein Stern. Wir fragten uns, zu welchem Sternbild er gehören könnte. Im August müsste es ein Teil des Löwen sein – oder? Pustekuchen. In Offenbach sieht man keine Sterne: Es war ein Polizeihubschrauber, der in der Nacht nach einem entflohenen Häftling suchte. Dem Häftling schienen die Sterne günstig zu stehen. Doch etwas wurde mir klar: Unser Leben wird von echten und falschen Sternen bestimmt. Woher kommt nur dieser Sternzeichen-Fetischismus bei meiner Freundin und mir?

          Wir beide sind postsowjetische Migranten. Unsere Eltern, so wie viele andere, wurden, seit sie denken können, von Sternzeichen geprägt. Im zentralasiatischen Teil der ehemaligen Sowjetunion wurden sogar Hochzeiten und Geburten nach den Sternen geplant. Also haben die Sterne vielleicht Einfluss auf das Leben gehabt, bevor man geboren wurde? Das muss es sein. Heute glauben sie daran wie an eine Art Ersatzreligion.

          Und wir? Statt uns Projektionen hinzugeben, schossen wir lieber Sektkorken in den Himmel und blickten auf unsere Smartphones: Instagram. Dort war sie. Die digitale Verkörperung der Astrologie. Seiten wie Glossy Zodiacs, Zodiacbear und Astrolody, in denen Charaktere aus Sex & the City und anderen popkulturellen Trash-Filmproduktionen uns die Eigenschaften der Sternzeichen erklären.

          Heute entscheiden sie nur noch über Tinder-Dates

          Horoskope sind so alt wie die Menschheit selbst. Im alten Ägypten und im antiken Griechenland waren sie noch Dreh- und Angelpunkt für ganze Staaten, entschieden über Krieg und Frieden, Länder und Völker. Es war so verführerisch: Ein Blick in die Sterne, und ein ganzes Volk glaubte zu wissen, ob es sich lohnte, in den Krieg zu ziehen. Heute entscheiden sie nur noch, welches Tinder-Date man trifft. „Welches Sternzeichen bist du?“, fragte mich mal ein Match. „Löwe.“ Sie schrieb: „Ich bin Wassermann.“ Warum? Das ist doch klar: Beide Sternzeichen sind ziemlich unterschiedlich, auch wenn sie ihre Freiheitsliebe teilen. Um dauerhaft eine Einheit zu bilden, müssen sie an sich und ihrer Toleranz arbeiten. All right, unmatch: Für mich absolut okay. Nächster Swipe. Andere glauben an Gott. Ich bin ganz den Sternen ergeben.

          Seien wir mal ehrlich. In der Sowjetunion blickten Menschen in die Sterne statt auf Hungersnöte. Sie blickten auf die Raumfahrt statt auf systematisches Regierungsversagen. Sie blickten auf den roten Stern am Kreml statt auf die Diktatur, die jeden Einzelnen in warme Watte packte, ohne dass die Bürger merkten, in welcher Gefahr sie schwebten. Sie blickten auf die europäischen Sterne auf dem EU-Banner, als die Sowjetunion zusammenbrach. Die Sterne zeigten uns den Weg. Und sie machten Hoffnung.

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