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Stilwille kann modern sein, wenn er nicht allein eine Form ist, sondern eine Haltung. Bild: Getty

Lebensweisen : Ist heutzutage noch jemand kultiviert? Und was ist das überhaupt?

  • -Aktualisiert am

In einer Welt, in der sich Vulgarität nicht nur in digital geführten Debatten entlädt, mutet der Begriff altmodisch an. Hat er eine Zukunft?

          7 Min.

          Zunächst ist Navid Kermani skeptisch: „Wie kommen Sie bei dem Thema ausgerechnet auf mich?“ Eine verhaltene Reaktion auf die Anfrage für ein Gespräch darüber, was „Kultiviertheit“ heute bedeutet. Die ehrliche, aber anbiedernd klingende Antwort wäre, dass man ihn, den unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Autor und habilitierten Orientalisten, für einen äußerst kultivierten Menschen hält. Einen, der mit Büchern, Reportagen, Kommentaren und Reden sein Publikum kultiviert, der sich mit leisen Tönen in einer lauten Welt Gehör verschafft.

          Damit sticht er heraus in einer Zeit, in der, wie er selbst vor einigen Jahren in „Zwischen Koran und Kafka“ festhielt, sich der Bildungsdünkel in sein Gegenteil verkehrt hat: „den Stolz auf die eigene Ignoranz“. In dieser Zeit werden Manieren gerne mit Manieriertheit verwechselt, werden Vulgarität und Grenzüberschreitung zur Währung; man denke nur an soziale Medien, an Reality-TV oder Trump. Kultiviertheit steht da unter Verdacht: als elitär und von oben herab, als unecht und gekünstelt.

          Dass andererseits zumindest Teile des Publikums geistreiche Töne vermissen, lassen nicht nur wehmütig-begeisterte Kommentare vermuten, die sich etwa auf Youtube unter Interviews von Roger Willemsen oder Anne-Sophie Mutter ansammeln. Als eine breitere Öffentlichkeit einst erste Bekanntschaft mit Robert Habeck machte, war eine intellektuell grundierte Kultiviertheit womöglich Teil des Appeals dieses Schriftstellers, studierten Philosophen und Philologen, der mit einer Arbeit „zur gattungstheoretischen Begründung literarischer Ästhetizität“ promoviert wurde – wenngleich eine Kultiviertheit, die durch den Dreitagebart und den Habitus des „Authentischen“ als entspannt und damit auch heutzutage zulässig gelten konnte. Oder man höre nur zu, wenn bestimmte Freunde über ihre jüngsten Entdeckungen in der Markthalle oder beim Weinhändler sprechen: Wenn dahinter nicht der Wunsch steckt, „durch Übung, Ausbildung, Behandlung o. Ä. gepflegt, verfeinert“ zu sein – wie der Duden „kultiviert“ definiert. Womöglich braucht der Begriff der Kultiviertheit nur ein Up­date.



          Bürgerliche und aristokratische Maßstäbe sind passé

          Ob jemand kultiviert ist, ließ sich noch nie daran messen, wie viele Opern oder Bücher ein Mensch kennt (wenngleich Bildung sehr hilfreich bei der Selbst-Kultivierung ist) oder ob er beim Besteck nach der richtigen Gabel greift. Kultiviert zu sein ist nichts Messbares. Sobald es jemandem attestiert wird, hat es aber etwas Wertendes; wird es jemandem nicht zuerkannt, und das nur implizit, gewinnt es etwas Anmaßendes, Ausschließendes. Das erklärt vermutlich auch, warum gerade in Deutschland, wo Gleichheit ein zentraler Wert ist, eine markante Fremdheit zumindest gegenüber einer traditionell geprägten Kultiviertheit herrscht: weil viele finden, sie sei lange von bestimmten Milieus, den angeblich „besseren Leuten“, benutzt worden, um sich von anderen als angeblich überlegen abzugrenzen, und erschöpfe sich ohnehin in einer leeren Form.

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