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Gesellschaftliche Großevents : Das unschlagbar gute Gefühl, mit dabei und unter sich zu sein

Bei der Ordensverleihung des Aachener Karnevalsvereins: Ursula Heinen-Esser (von links), nordrhein-westfälische Umweltministerin, Schauspielerin Marie-Luise Marjan, Ralph Grieser mit Ehefrau Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin, die Schauspielerin Ornella Muti und „Printen-König“ Hermann Bühlbecker Bild: dpa

Jedes gesellschaftliche Großereignis prägt seine Teilnehmer – egal ob Politiker, Filmstar oder Sportler. Eine Typologie von den Oscars bis zur Münchner Sicherheitskonferenz.

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          Der Februar hat im Allgemeinen nicht viel zu bieten. Aber eines doch: eine geballte Ladung gesellschaftlicher Großanlässe – Oscar-Verleihung, Berlinale, AVN-Awards (der Filmpreis der amerikanischen Erotikbranche wird Ende Januar verliehen, aber das gilt noch), Ball des Sports, Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst, Münchner Sicherheitskonferenz. In gewisser Hinsicht sind die Anlässe alle gleich: Es gibt gut zu essen und zu trinken, überall hat man Angst, dass der Tischnachbar, wenn man ihn fragt, was er denn so beruflich mache, weltberühmt ist, was aber aufgewogen wird durch das unschlagbar gute Gefühl, mit dabei und unter sich zu sein. Dennoch gibt es fundamentale Unterschiede in Stil und Habitus, die man als Teilnehmer wie als teilnehmender Beobachter unbedingt kennen sollte.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Beginnen wir mit dem Orden wider den tierischen Ernst. Man meint ja, da ist es lustig, da ist Karneval. Nicht ganz! Wenn man da als Marienkäfer oder Chinese mit Mundschutz auftaucht, wissen alle gleich, dass man aus Köln kommt. Aber hier ist man ja in Aachen, wo im Lachen der Leute selbst nach fünf Weißweinchen noch mitschwingt, dass dies die Stadt Karls des Großen und eines vornehmen Reitturniers ist. Andererseits ist Aachen auch die Stadt von Armin Laschet. Und natürlich von Hermann Bühlbecker, dem „Printen-König“. Während auf den meisten gesellschaftlichen Events Wein- oder Kartoffelköniginnen das höchste der Gefühle sind, lässt der seine Schokolade noch gerne von leibhaftigen Schokohäschen präsentieren.

          Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (CDU), steht im „Narrenkäfig“ und hält seine Ritterrede.

          Am Gesäß ein großes Herz

          Das rückt Aachen dann doch ein kleines bisschen in Richtung der AVN-Awards, deren kleine deutsche Schwester in Berlin die Venus-Awards sind. Obwohl sehr karnevalesk, hat diese Leistungsschau der etwas anderen Art mit Karneval nichts zu tun. Es geht nicht so sehr ums Verkleiden, sondern ums Entkleiden, jedenfalls was die Frauen betrifft. Für die Männer gilt, was Fritz J. Raddatz einst über die Wohnungen selbst des kleinsten Lektors beim französischen Verlag Gallimard gesagt hat: „Der ist nicht reich, der kann sich nicht die ganze Wohnung mit Jugendstil einrichten, aber ein, zwei anständige Sachen, eine kleine bezaubernde Skulptur, irgend so etwas hat der.“ Übertragen auf die Männer bei den AVN-Awards kann das zum Beispiel bedeuten, dass sie in ihren Anzug von der Stange am Gesäß ein großes Herz ausgeschnitten haben.

          Auf dem Ball des Sports war derlei lange ausgeschlossen, ist es immer noch, aber nicht mehr so ganz. Früher sollte alles auf diesem Ball den Eindruck vermitteln, dass selbst der Moderne Fünfkampf eine ernstzunehmende und mithin förderungswürdige Sportart ist. Heute, da jede vernünftige Youtuberin gestählt ist wie eine Siebenkämpferin, haben sich die Welten auf einander zubewegt, sodass man nicht einmal mehr sicher sein kann, ob zum Beispiel die Bräune von Profisurfern nicht doch aus dem Sonnenstudio kommt.

          Während man sich bei den bisher genannten Anlässen relativ normal unterhalten kann, das heißt über das Wetter, Diäten oder maximal den „Hundertjährigen, der aus dem Fenster sprang“, muss man bei Filmevents sehr aufpassen. Zum Film gehören Drehbuchautoren, und wo die sind, sind die richtigen Autoren nicht weit. Außerdem Theaterschauspieler, die natürlich auch schreiben, sowie Philosophen. Da wird nochmal in ganz anderer Münze gezahlt als zum Beispiel in Aachen. Ungepflegte Zähne können durchaus noch als Hommage an den Film Noir gelesen werden, und mit schlecht sitzenden Sakkos hat man besonders auf der Berlinale beste Chancen, die Aufmerksamkeit von Fashion-Bloggern zu erregen. Flache Schuhe sind kein Verstoß gegen den Dresscode, sondern ein politisches Statement, wobei in der Hinsicht auch die AVN-Awards längst nicht mehr unschuldig sind, man erinnere sich an die gegen George W. Bush gerichtete Kampagne „No more bush“.

          Botox und straffe Pobacken

          Damit wären wir bei der ganz großen Politik und also bei der Sicherheitskonferenz, die derzeit in München stattfindet. Auf deren unzähligen Empfängen und Banketten mit allerlei „keynote speeches“ ist nicht nur die Bodyguarddichte sehr hoch, sondern auch die der Promovierten und der Adligen, deren Vorfahren im Zweifel alle im Widerstand waren. Die amerikanischen oder amerikanisch wirkenden Männer haben alle Kiefer, die auf Testosteron-Konsum in ihrer Zeit als College-Footballspieler schließen lassen. Sie sind allerdings nicht die einzigen, deren straffe Pobacken so sehr unter Spannung stehen, als hielten diese ein Atomwaffenarsenal im Klammergriff.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht am ersten Tag der 56. Münchner Sicherheitskonferenz.

          Leute, die abseits stehen, sind entweder von der SPD oder den Grünen, vor allem Frauen von der SPD oder den Grünen. Die anderen Frauen, aber auch viele Männer sehen alle so gestresst aus, als spielten sie eine tragende Rolle in der Serie „24“ und hätten mithin schon aus dramaturgischen Gründen die Nacht durchgearbeitet. Das verbindet die Sicherheitskonferenz mit den Oscars. Der Link zu den AVN-Awards ist der zunehmende Einsatz von Botox, wobei man davon ausgehen darf, dass unter einem Präsidenten Donald Trump die Annäherung der Milieus noch längst nicht an ihr Ende gelangt ist.

          Für Journalisten ist das Begleiten der Sicherheitskonferenz wahrscheinlich dankbarer als das aller anderen Events. Ihr natürliches Selbstverständnis, am ganz großen Rad zu drehen, wird am ehesten bestätigt. Das gilt auch für die Fotografen. An der Seite der Damen und Herren, die über Krieg und Frieden nicht nur schreiben, sondern entscheiden, können sie sich ein bisschen wie Kriegsfotografen fühlen. Auch wenn sie nie im Krieg waren, sondern bloß am Roten Teppich auf der Berlinale vom Kollegen im Kampf um den besten Schuss k.o. geschlagen wurden.

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