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Timothée Chalamet im Interview : „Ich liebe unsympathische Rollen“

  • -Aktualisiert am

Beim Filmfestival in Venedig im September: Timothée Chalamets neuer Film „Bones and All“ läuft seit Donnerstag im Kino. Der 26 Jahre alte Schauspieler war schon als Teenager in der Serie „Homeland“ und im Film „Interstellar“ zu sehen. 2017 gelang dem heute 26 Jahre alten Chalamet mit der Hauptrolle in Luca Guadagninos Film „Call Me By Your Name“ der Durchbruch. Mit dem italienischen Regisseur arbeitete er auch bei „Bones and All“ wieder zusammen. Bild: AFP

Ein Gespräch mit dem Schauspieler Timothée Chalamet über feinsinnige Töne in Gruselszenen, Tipps von Meryl Streep und den Individualismus in der amerikanischen Provinz.

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          Herr Chalamet, in Ihrem neuen Film „Bones and All“ spielen Sie einen Kannibalen. Danach haben Sie vermutlich erst einmal keine blutigen Steaks mehr bestellt, oder?

          Nein, nur noch medium! Wobei ich tatsächlich ohnehin kein großer Fleisch­esser bin. Ich fand eine Interpretation spannend, die ich zu unserem Film gehört habe: Womöglich handelt er davon, dass allein die Tatsache, dass wir Menschen sind, es uns unmöglich macht, uns wirklich ethisch korrekt zu ernähren oder ökologisch korrekt zu leben. Das ist ein bisschen wie mit den Träumereien, die ich früher manchmal hatte von Orten in der Karibik oder in den Tropen, die vollkommen unberührt sind von Menschenhand. Sobald ich dort auftauchen würde, hätte ja meine Anwesenheit diese Unberührtheit korrumpiert. In „Bones and All“ fühlen sich unsere Figuren von ihrem Dasein verflucht, eben weil sie das Gefühl haben, dass es kein Entkommen gibt aus ihrem Zustand. Doch als Maren und Lee sich dann begegnen und erkennen, dass sie beide in der gleichen Position sind, flammt zumindest vorüber­gehend eine Hoffnung auf Liebe und Menschlichkeit auf.

          Den Regisseur Luca Guadagnino kennen Sie bereits von Ihrem Film „Call Me By Your Name“. Er sagt, er hätte „Bones and All“ nicht ohne Sie gedreht. Wie eng war die Zusammenarbeit?

          Die Erfahrung bei diesem Film war wirklich einmalig. Mir gefiel es ganz gut, dass ich – anders als bei „Call Me By Your Name“ – nicht im Zentrum der Geschichte stehe und es jemand anderes ist, mit dem sich das Publikum identifiziert. Außerdem hatte ich noch nie zuvor als Schauspieler so viel Einfluss auf die Ausgestaltung meiner Figur wie hier. Das war großartig, auch weil die Rolle, so wie sie ursprünglich im Drehbuch angelegt war, mich gar nicht so sehr interessierte. Denn da war Lee noch eine Art selbstbewusster Highschool-Sportler, großspurig und mutig, der Maren ohne zu zögern unter seine Fittiche nimmt. Dafür wäre ich nicht der Richtige gewesen.

          Was interessierte Sie stattdessen?

          Mir gefiel die Vorstellung, dass das jemand ist, der am Rand der Gesellschaft existiert. Der – weil er seinen Kannibalismus verstecken will – unauffällig im Schatten bleibt, ein bisschen verwahrlost und sich keine Gedanken darüber macht, wie er aussieht. Lees Zerbrechlichkeit und das Chaos seines Lebens haben mich sehr gereizt, und ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie man das auch optisch transportieren kann. Seine Haarfarbe zum Beispiel, das war meine Idee!

          „Bones and All“ ist einerseits eine zarte Liebesgeschichte, andererseits eine Art blutiger Horrorfilm mit mörderischen Protagonisten. Hatten Sie keine Bedenken, dass sich diese beiden Elemente im Weg stehen könnten?

          Ich hoffe einfach, dass alle, die in den Film gehen, weil sie eine gruselige Kannibalengeschichte erwarten, am Ende erkennen werden, dass es eigentlich um etwas ganz anderes, sehr viel Feinsinnigeres geht. Schockmomente und Blutvergießen stehen gar nicht unbedingt auf der Tagesordnung. Natürlich ist es unbestritten: Dieses junge Paar tut schreckliche Dinge und bringt andere Menschen um. Aber Filme wie „Bonnie und Clyde“ oder „Badlands“ oder natürlich auch Serien wie „Breaking Bad“ haben ja gezeigt, dass man als Zuschauer auch mit Figuren mitfiebern kann, die alles andere als gute Menschen sind. Und als Schauspieler finde ich solche Rollen natürlich erst recht spannend. Meryl Streep hat mal gesagt, dass die Seiten, die man an seiner Figur am wenigsten mag, eigentlich die wichtigsten sind. Denn erst wenn man auch die akzeptiert hat, kann man sie wirklich als dreidimensionalen Menschen verkörpern. Deswegen bin ich immer besonders interessiert, wenn eine Rolle auch fragwürdige und unangenehme Aspekte hat.

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