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Taylor Swifts neues Album : Ein Soundtrack für die Ewigkeit

„Folklore“ heißt Taylor Swifts achtes Album Bild: Beth Garrabrant/Universal

Einst war sie die Königin des Break-Up-Songs, heute singt sie die schönsten Liebeslieder überhaupt: Taylor Swift hat überraschend ein neues Album veröffentlicht – und beweist, dass sie die vielleicht größte Songwriterin unserer Zeit ist.

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          In einem Sommer, in dem sowieso alles anders und weniger sommerlich ist, können noch Wunder geschehen. Musik kann wiederauferstehen. Aus der Isolation heraus wurden wir bisher eher mit kläglichen Versuchen, alles mal zu verarbeiten, genervt – wir erinnern an Mark Forsters bizarren Achtziger-Jahre-Song oder überproduzierte Popsongs á la „Savage Love” von Jason Derulo, die so tun, als sei alles wie immer –; es ist bislang kaum jemandem gelungen, diese merkwürdigsten aller Monate in Musik zu übersetzen. Taylor Swift wiederum musste gar nicht viel machen, um genau das zu schaffen, was sicherlich auch daran liegt, dass in ihrem kleinen Finger so viel Talent steckt, dass sie damit nur zwei, dreimal an der Gitarre zupfen muss, um Indie-Folk wieder zu einem relevanten Genre zu machen.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Dabei ist ihr Rezept simpel: Wenn alles anders ist, brauchen die Menschen Konstanten. Sie sehnen sich nach Wurzeln, nach dem, was eigentlich wichtig ist. Als wir alle plötzlich Zeit hatten, uns anzuschauen, wie die Bäume grüner wurden, wie der Frühling zum Sommer wurde, da erwachte in den Menschen ein nostalgisches Gefühl: Zurück zum Ursprung. Es ist dieser Ursprung, für den sie einen Soundtrack suchten, nicht für die Pandemie. Und Swift hat gleich einen Soundtrack für die Ewigkeit gemacht.

          Es ist also ein ganzes Album, das Taylor Swift am Freitag Morgen veröffentlicht hat, „Folklore“, und der Name ist Programm. Es ist ein vergleichsweise ruhiges Werk, das ganz ohne die Pop-Hymnen auskommt, mit denen Swift, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich auf einem „Lover Fest“ die Massen begeistern wollte, in den vergangenen Jahren immer wieder an der Spitze der Charts war.

          Was ein Liebeslied ausmacht

          Mit ihren 16 Songs trifft die Sängerin nicht nur das Gefühl eines Zeitgeists. Auch andere Popstars setzen derzeit wieder auf handgemachte Musik, man denke nur an Katy Perrys Song „Daisies“, dessen Folklore-Elemente sich neben der Akustikgitarre allerdings vor allem auf wehende weiße Kleidung beliefen. Auch bei Taylor Swift hört man ab und zu noch deutlich den einst so geschliffenen Popstar heraus, doch Swift ist Songwriterin, Country-Sängerin und – genial. Sie geht in die Tiefe: Ihre Fähigkeit, kleine Geschichten im Großen zu erzählen und Großes im Kleinen, wird von Album zu Album beeindruckender, auf „Folklore“ sogar von Song zu Song. Aus der Queen of Break-Up-Songs ist längst die Königin der Lovesongs geworden. Und gibt es etwas Schöneres und Herzzerreißenderes als ein Liebeslied, das gut ausgeht?

          Schon auf ihrem im vergangenen Jahr erschienen Album „Lover“ zeigte Swift, was ein Liebeslied ausmacht. Doch „Folklore“ geht in seiner geschlossenen Konzeption noch weiter, die Lyrics sind noch tiefer und universeller, Swift weiß es selbst: „Our coming-of-age has come and gone/Suddenly this summer, it's clear“, singt sie in „Peace“. Die Erinnerung an das, was sie als heißgeliebter und noch heißer gehasster Popstar des zurückliegenden Jahrzehnts mitgemacht hat, ist dabei immer ganz nah. „You knew it still hurts underneath my scars/From when they pulled me apart“, heißt es in „Hoax“. Auf „Exile” gelingt es Swift sogar, die alte Indie-Heulboje Bon Iver modern klingen zu lassen. Und mit „Cardigan“ hat Swift wieder ein Liebeslied geschrieben, das traurig ist und gleichsam glücklich macht, das berührt, tief rührt, und zugleich ein Popsong sondergleichen ist, hochglanzpoliertes Folklore-Video in verwunschenem Wald inklusive – und noch dazu eines, in dem Swift, anders als sonst, ohne unzählige Outfit-Wechsel auskommt.

          Ohne Inszenierung

          „Folklore“ ist ein Album, das pur daherkommt, was aber nicht bedeutet, dass Swift in jedem Song ihre Seele offen legt. Wie die 30-Jährige erklärte, habe sie nicht nur über ihre eigene Geschichte in ihren Songs geschrieben, sondern auch aus der Perspektive von „Menschen, die ich nie getroffen habe, Menschen die ich gekannt habe, und von solchen, die ich am liebsten nie getroffen hätte“. Aufzudröseln, was wo der Fall ist, um wen es geht und wo die Perspektiven ineinander fließen, obliegt den Fans, die der Aufgabe nur Stunden nach Erscheinen des Albums mit Hingabe nachkommen. Die schönste Entdeckung bisher: „The last great american dynasty“ – eines der Stücke, die zu Swifts Country-Wurzeln zurückkehren – soll die Geschichte von Rebekah West Harkness erzählen, der Gründerin des Harkness Balletts. Harkness ist inzwischen verstorben – und die Vorbesitzerin von Swifts Haus auf Rhode Island.

          Anders als sonst hat Swift auch bei der Ankündigung von „Folklore“ auf jede Inszenierung verzichtet. Hatte sie doch sonst vorher Hinweise für ihre Fans gestreut, vor der Veröffentlichung von „Reputation“ 2017 gar ihren Instagram-Account gelöscht und sich im vergangenen Jahr mit dem Video zur ihrer ersten Single-Auskopplung von „Lover“ nicht nur durch ihre Musik, sondern auch durch die Versöhnung mit Katy Perry ins Gespräch gebracht. „Folklore“ hingegen kündigte sie nur wenige Stunden vor seinem Erscheinen an. „Überraschung!“, schrieb sie auf Instagram. „Vor diesem Jahr hätte ich mir wahrscheinlich unendliche viele Gedanken über den ‚perfekten' Zeitpunkt gemacht, doch die Zeiten, in denen wir leben, haben mich daran erinnert, dass es keine Garantien gibt.“ Zumindest ein „Folklore“-Instagramfilter musste dann aber doch sein, außerdem bietet Swift acht verschiedene Deluxe-Editionen an – es ist ihr achtes Studio-Album – die ihr einen extra Schub in den Charts geben dürfen, zumal sie nur eine Woche verfügbar sein sollen.

          Zumindest ein kleines Drama gab es am aber Ende doch noch: Swift veröffentlichte „Folklore“ nun am dem Tag, für den auch Kanye West sein Album „Donda“ angekündigt hatte. Das Verhältnis zwischen den beiden Künstlern ist, gelinde gesagt, angespannt, seit West Swift 2009 bei der Verleihung der MTV Music Awards das Mikro entriss und erklärte, anstelle von Swift hätte Beyoncé den Preis verdient. Das Album am gleichen Tag zu veröffentlichen sei böse Absicht, murren West-Fans – in diesem Fall wäre die Sängerin aber wirklich sehr schnell gewesen: Denn dass „Donda“ ebenfalls am Freitag erscheinen würde, steht erst seit Beginn der Woche fest. (Swift-Fans wiederum meinen ausgemacht zu haben, dass die Quersumme des Veröffentlichungsdatums Swifts Glückszahl 13 ergibt.) So oder so: Das Album ist da, und es füllt die in den vergangenen Monaten entstandene Lücke. Ein Soundtrack für diese merkwürdige Zeit, ein Soundtrack für die Ewigkeit.

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