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Rapperin Sookee im Gespräch : „Ich habe Türen aufgetreten – jetzt sind andere da“

Die Rapperin Sookee, geboren 1983 als Nora Hantzsch in Pasewalk, engagiert sich gegen Homophobie und Sexismus im Hiphop. Bild: Edgar Schoepal

Sookee hat sich als Rapperin aus der Szene verabschiedet – der Kampf gegen Sexismus im Hiphop geht weiter. Ein Gespräch über große Egos im Musikbusiness und die neue Rapperinnen-Generation.

          5 Min.

          Sookee, 2018 haben wir Sie als feministische Hoffnung im deutschen Hiphop vorgestellt. Dann haben Sie sich Ende 2019 aus der Rapszene verabschiedet. Wieso?

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ich nehme seit 2002 Musik auf. Wenn mich jemand jetzt, wo ich gehe, noch als Newcomer sieht, ist das nicht mein Problem. Mein Ziel war immer, gemeinsam mit anderen Strukturen zu verändern. Die gute Nachricht: Das hat geklappt. Ich bin jetzt nicht mehr „die“ queerfeministische Rapperin, sondern „eine“, und das ist eine große Erleichterung. Ich fühlte mich mit der Musikindustrie nicht mehr wohl. Ich wurde zu sehr großen Festivals eingeladen, bekam dann aber schlechte Slots. Ich will nicht aus bloßer Dankbarkeit, endlich dabei sein zu dürfen, als Feigenblatt dienen. Ich habe Türen aufgetreten und gesagt, was ich sagen musste. Jetzt sind andere da.

          Wie unangenehm wurde es konkret?

          Die Musikindustrie ist ein Ort für große Egos. Wenn du nicht die Person bist, die mit dem größten Selbstbewusstsein auf die Bühne läuft, ist das nicht immer einfach. Die Person mit den meisten Verkäufen hat den besten Raum im Backstage und natürlich die größte Klappe. Das ist unangenehm, weil man dort ja eigentlich einen Rückzugsort haben soll. Wenn ich also ans Salatbuffet will, muss ich mir die Frage stellen: Gehe ich einen Umweg oder mittendurch? Da will dich keiner umbringen, aber du spürst die Blicke und hörst die Kommentare – besonders, wenn du unbequem bist. Es geht immer um Macht. Das habe ich schon in der Slam Poetry gemerkt. Damals dachte ich dann irgendwann: Da kann ich auch im Hiphop bleiben, da halten sich wenigstens nicht alle für Goethe.

          In Ihrem Lied „Vorläufiger Abschiedsbrief“ haben Sie schon 2004 mit dem Gedanken gespielt aufzuhören. Was war damals anders?

          Damals interessierte sich der Mainstream nicht für mich. Ich habe mich an männlichen Rappern abgearbeitet. Später hat sich dann noch eine andere Ebene aufgetan: Die PR-Agenturen, die Labels, die Festivalbooker – alle, die mitverdienen, aber keinen Ärger abbekommen, weil sie weniger sichtbar sind. Niemand kennt die Manager dieser Großverdiener. Wer nickt die Musik und die Texte die ganze Zeit ab? Wir müssen den Echo nicht wegen Kollegah abschaffen, sondern wegen allen, die daran beteiligt sind. Dieses Strukturbewusstsein ist bei mir noch mal gewachsen.

          Und dann kam die feministische Verwertungslogik?

          Feminismus ist dem Kapitalismus ausgeliefert wie unser ganzes Leben. Wenn ich am 8. März sehe, wie jeder Klamottenladen sich Starke-Frauen-Slogans zu eigen macht, kann ich diese Monetarisierung einer herrschaftskritischen Weltsicht weder als Antifaschistin noch als Kapitalismuskritikerin ertragen. Die Musikindustrie springt auf das Thema auf, weil es läuft. Das ist wie bei Autotune. Mir ging das alles ein bisschen zu schnell. Ich habe mir nicht die ganzen Jahre den Stress gegeben, damit jetzt einfach alle sagen können, sie sind dabei. Ich möchte, dass diese Gemeinschaft wächst. Aber sie soll nicht zu Staub zerfallen, wenn ich einmal dran piekse.

          Muss denn jede Feministin ein fundamentales Wissen über feministische Theorie vorweisen?

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