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Sprayer in der Corona-Krise : Ein Bild von einem Virus

  • -Aktualisiert am

Der Künstler Nello Petrucci wollte den Menschen in Pompeji mit diesem Bild Hoffnung geben. Bild: Nello Petrucci

Die Corona-Krise hat auch die Graffiti-Szene zu neuen Ideen angeregt. Verschiedene Künstler reagieren auf den gesellschaftlichen Wandel – auch ohne Sprühdose.

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          Auch der Graffiti-Szene, die meist im Verborgenen arbeitet, macht die Corona-Krise zu schaffen. Aber auf eine spezielle Weise, denn die Graffiti-Kunst lässt sich nichts vorschreiben. Es wird weiter gesprüht, gezeichnet und gemalt. Manchmal aus Leidenschaft, manchmal aus Langeweile – oder auf der Suche nach dem nächsten Kick. Noch bevor die Pandemie Deutschland richtig erreichte, hatten italienische Künstler sie schon zum Anlass genommen, ihre Gedanken zu Covid-19 an Fassaden zu bringen.

          In Italien werden Graffitis Sgraffiti genannt, sie sind seit der Antike bekannt. Wer die ersten Sgraffiti etwa in Pompeji gesprüht hat, weiß man nicht. Die Arbeiten des Street-Art-Künstlers Nello Petrucci sind allerdings sehr bekannt: Für sein erstes Corona-Kunstwerk suchte er sich die Zeichentrickfamilie Simpson aus, die bei ihm mit Schutzmasken vor dem Fernseher sitzt. „Ich wollte den Menschen auf positive Weise sagen, dass sie zu Hause bleiben sollen. Die Situation in Italien war schon pessimistisch genug“, sagt der Neununddreißigjährige, der auch schon am World Trade Center in New York gesprüht hat. „Ich hoffe, dass die Menschen die Pandemie dazu nutzen, sich selbst und ihre Umwelt zu hinterfragen. Wir müssen die Zeit nutzen, um einiges besser zu machen.“

          Auch in Wien finden sich Nachrichten zur Corona-Krise an der Wand – etwa Einkaufstüten, ein rauchender Schlot und die Aufforderung, „Dir selbst der Nächste“ zu sein. Der Graffiti-Künstler Ruin hat das Bild als Reaktion auf den „gesellschaftlichen Verfall“ gesprüht. Bevor die Corona-Krise in Österreich ihren Höhepunkt erreichte, war er in Südostasien unterwegs gewesen. In vielen abgelegenen Dörfern dort waren die Menschen Selbstversorger. „Es war sehr merkwürdig für mich, nach Wien zurückzukehren“, sagt Ruin. Menschen kauften in Massen ein, Mundschutz war zur Normalität geworden. „Irgendwie hat es mich bedrückt, mit Hunderten Leuten in einem Supermarkt an einer Kasse zu stehen, nur um Sachen zu kaufen, die ich schon habe.“

          Wem gehört die Stadt?

          Er ging lieber malen. Während er sein Bild an die Wand sprühte, liefen Menschen mit vollen Einkaufstüten an ihm vorbei. Es war der letzte Tag, an dem er entspannt sprühen konnte. Danach wurden die Ausgangsbeschränkungen verschärft, die Polizeipräsenz nahm zu.

          Auch in Stuttgart tauchte ein Corona-Graffito auf, das sich kritisch mit der Lage auseinandersetzt. Urheber ist das Graffiti-Kollektiv Made-plus, das auf die Absage des Stuttgarter Volksfests, des Cannstatter Wasens, mit der Frage reagierte: „Wassn?“ („Was denn?“) Über den bunten Buchstaben und einem Gesicht mit Mundschutz steht „Danke“ und „Habt ihr Angst?“ Wie Matu, der Manager des Kollektivs, sagt, richte sich das an die Polizei, die sie während des Volksfests bei ihren Sprühereien gestört haben soll. Deswegen seien sie auch dankbar, dass das Volksfest diesmal nicht stattfinde.

           Über den bunten Buchstaben und einem Gesicht mit Mundschutz steht „Danke“ und „Habt ihr Angst?“

          Eine Aussage sei ursprünglich gar nicht geplant gewesen, erzählt der 21 Jahre alte Graffiti-Künstler Nilsnektraine21. „Wir haben uns getroffen und aufgeräumt, als uns auffiel, dass wir noch Dosen haben. Auf dem Weg haben wir vermummt eine alte Frau getroffen, mit der wir ein paar Witze über Corona gemacht haben. Die Frau hatte keine Angst – wir auch nicht.“ Es liege in der Natur der Sprayer-Szene, sich von staatlicher Gewalt nicht einschränken zu lassen. Hinter jedem der Bilder, die meist spontan entstünden, stecke die grundlegende Frage: Wem gehört die Stadt? „Gerade in Zeiten von Mieterhöhungen, verstärkter Polizeipräsenz und Corona sollte man sich diese Frage stellen.“

          Der Graffiti-Künstler Ruin hat das Bild in Wien als Reaktion auf den „gesellschaftlichen Verfall“ gesprüht.

          Doch was machen Sprayer, wenn es ihnen durch Polizeikontrollen unmöglich ist zu arbeiten? Auch darauf hat Matu eine Antwort: Eigentlich arbeitet er in der Kulturinsel, einem gemeinnützigen Verein für subkulturelle Kunst. „Wir hatten Ausstellungen und andere Aktionen geplant – doch das fiel nun flach.“ Weil auch andere Künstler durch Corona eingeschränkt sind, lädt Matu sie in seine Werkstatt ein: Dort entstehen nun Siebdrucke und T-Shirts. „Die Künstler sehen die Situation als eine Chance, zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Sie nehmen sich die Zeit, um mit Tinte und Bleistift zu malen.“ Dass Sprüher nicht immer mit der Dose arbeiten können, weiß Matu selbst – aber auch, dass man immer einen Weg finden kann, kreativ zu sein.

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