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Schauspieler Jonas Nay : Er war einmal

Schauspieler, Musiker, Komponist: Jonas Nay liebt die Abwechslung und will sich nicht auf ein Genre festlegen. Nur Filme zu drehen ist ihm nicht genug. Bild: Lucas Wahl

Weltkriegssoldat, DDR-Spion, Rechtsradikaler: Jonas Nay brilliert in historischen Rollen, die in einer Zeit spielen, die er selbst meist nur vom Hörensagen oder aus dem Geschichtsbuch kennt.

          9 Min.

          Noch 36 Stunden bis zum Mauerfall. Martin Rauch, Tarnname „Kolibri“, erfährt von Frau Korowkina aus Moskau von seinem letzten Auftrag: „Operation Sicherheitsventil“. Details nennt sie dem DDR-Spion am roten Telefon allerdings nicht. Er könne sich aber an die sowjetische Botschaft in Berlin wenden – an Genosse Kochemasow oder Genosse Maximytschew. Eigentlich wollte Rauch am Telefon mit der Mutter seines Sohns sprechen. „Das muss jawohl möglich sein“, sagt Rauch. „Ist notiert“, antwortet Frau Korowkina und legt auf. Wutentbrannt klatscht Rauch das Telefon an die Wand.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wenig später bekommt er ein Papier in die Hand, das er zum Genossen Egon Krenz bringen soll. Ein einfacher Kurierdienst, heißt es. Die Regierung plant ein neues Reisegesetz, das die Staatssicherheit aber unbedingt verhindern will. „Bleib nah dran an Krenz“, lautet Rauchs Auftrag, „stell sicher, dass er keinen Mist baut.“ Den Mist baut dann jedoch Martin Rauch, der seinen Augen kaum traut, als er den Entwurf liest: „ab sofort“, „ohne vorliegende Voraussetzungen“, „Genehmigungen werden kurzfristig erteilt“. Unter keinen Umständen dürfe Krenz die radikalen Vorschläge zur Reisefreizügigkeit in die Hände bekommen, lautet die Anweisung. Notfalls solle Rauch den Staatsratsvorsitzenden einfach vergiften. „Sieht aus wie ein Herzinfarkt“, versichert man ihm.

          Rauch aber übergibt das Dokument. Es sei von Moskau auch genehmigt, behauptet er dreist. „Von wem?“ – „Von Genosse Kochemasow und Genosse Maximytschew!“ Kurz darauf fällt die Mauer, noch im ersten Teil der Fernsehserie „Deutschland 89“.

          „Deutschland 89“: Jonas Nay als DDR-Spion Martin Rauch, Tarnname „Kolibri“.
          „Deutschland 89“: Jonas Nay als DDR-Spion Martin Rauch, Tarnname „Kolibri“. : Bild: „Deutschland 89“ Screenshot

          Jonas Nay ist Martin Rauch. Das heißt, er war es, ziemlich lange. „Es fällt mir schon schwer, ihn nach so langer Zeit gehen zu lassen“, sagt Jonas Nay, der vor allem durch diese eine Rolle auch international zum Star wurde. Drei Staffeln und alles in allem anderthalb Jahre Drehzeit lang war er Martin Rauch, avancierte vom einfachen DDR-Grenzsoldaten zum berüchtigten Superspion, der im Wendejahr 1989 getarnt als Robotron-Angestellter und alleinerziehender Vater eines Sohns ein vermeintlich ruhiges Leben in Ost-Berlin führt. In der letzten Staffel „Deutschland 89“, die jetzt auf Amazon Prime zu sehen ist, kommt „Kolibri“ aber nicht einmal nach dem von ihm mit herbeigeführten Mauerfall zur Ruhe. Im Gegenteil: Martin Rauch gerät noch mehr zwischen die anscheinend bröckelnden Fronten von Ost und West und deren Geheimdienste.

          Rauchs Geschichte, die 1983 begann, endet 1990. Es ist das Jahr, in dem Jonas Nay in Lübeck geboren wurde. Nay ist an diesem Spätsommertag von Lübeck nach Hamburg gekommen, weil abends in den Zeise-Kinos in Ottensen sein Film „Nur ein Augenblick“ von Regisseurin Randa Chahoud Premiere hat. Er trägt schwarze Hose, schwarzes Poloshirt, hellblauen Mund-Nasen-Schutz. Schmächtig wirkt er, fast unscheinbar, doch das Gesicht des 1,76 Meter großen Schauspielers ist bekannt, egal ob er eine Wehrmachtsuniform trägt oder, wie zu Beginn von „Deutschland 89“, Anzug und Krawatte. Ernst und melancholisch wirkt er oft, tieftraurig sogar – wie geschaffen für „zerrissene“ und „gebrochene“ Charaktere. Sie stellt er auch meistens dar. Zumindest scheint es so.

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