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Sänger Muhabbet : Musik für jeden, der es fühlt

Auftritt in der Shisha-Bar: Muhabbet singt für seine Fans in Frankfurt. Bild: Maximilian von Lachner

Für viele Deutschtürken ist er ein Star, doch im deutschen Mainstream ist der Sänger Muhabbet nie angekommen. Heute ist er froh darüber – denn Stereotypen will er nicht bedienen.

          5 Min.

          Es riecht süßlich nach Wasserpfeife, Gläser klingen, und orientalische Klänge ertönen aus den Lautsprechern. Das Publikum fängt nach den ersten Akkorden an zu kreischen. Auf diesen Moment haben sie ge­wartet: Der Sänger Muhabbet läutet seinen Auftritt mit dem Lied ein, das 2005 zur Hymne der deutsch-türkischen Community wurde – und es in die Top 20 der deutschen Single-Charts schaffte. „Es war un­ser erster Streit. Ein Stich in mein Herz, dann war sie weg“, lauten die ersten Zeilen des Lieds, das Muhabbet singt, während er sich auf den Weg Richtung Bühne macht. Immer wieder halten ihn Fans auf, wollen seine Hand greifen – ihrem Idol von früher einen Augenblick lang nahe sein. „Sie liegt in meinen Armen, ich kann es nicht ertragen. Es war ihre letzte Chance, ich liebe dich, dann ging sie fort“, heißt es im Re­frain. Zum Mitsingen muss er seine Fans nicht animieren. Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher.

          Aylin Güler
          Redakteurin für Social Media.

          Der 38 Jahre alte Muhabbet, mit bürgerlichem Namen Murat Ersen, macht R ’n’ Besk – eine Symbiose aus türkischem Arabesk-Gesang, kombiniert mit kräftigen Beats und deutschen Texten. Ein Musikstil, der in den Neunzigerjahren von der türkisch-deutschen Musikszene entwickelt und von Muhabbet Anfang der Nullerjahre geprägt wurde. Zunächst kursierten seine Lieder ausschließlich im Internet, dort wuchs die Fangemeinde. „Meine Musik ist im Internet-Café berühmt geworden“, sagt der Sänger beim Gespräch im Anschluss an sein Konzert in Frankfurt.

          Sein „absoluter Lieblingssong“

          In seinen Liedern verarbeitet Muhabbet Herzschmerz und Enttäuschung – aber auch positive Gefühle finden Platz. So singt er in „Glück für dich“: „So, so, so, so ein schöner Tag, genau wie ich es mag.“

          Für Muhabbet ist das sein „absoluter Lieblingssong“. Er erinnert sich darin an ei­nen der schönsten Tage seines Lebens. „Ich hatte mein Fachabi bestanden, bin mit meinem Zeugnis nach Hause und habe diesen Song geschrieben. Da war ich 17 Jahre alt.“ Die Fans spüren seine positive Energie. Vor der kleinen Bühne stehen sie eng beisammen, singen und tanzen. Die meisten Gäste sind junge Frauen, Anfang bis Mitte 20. Sie haben Muhabbets Musik durch ihre älteren Geschwister, Tanten und Onkel kennengelernt. Immer wieder wünschen sie sich ihre Lieblingslieder, wie das türkische Liebeslied „Seninle uyanmadan“, das Muhabbet seiner Frau widmete. Mit ihr ist er seit fünf Jahren verheiratet und lebt mit den zwei gemeinsamen Söhnen am Nie­derrhein.

          Zum Mitsingen muss Muhabbet seine Fans nicht animieren: Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher.
          Zum Mitsingen muss Muhabbet seine Fans nicht animieren: Die 200 Gäste in der Frankfurter Shisha-Bar „HypEast“ sind textsicher. : Bild: Maximilian von Lachner

          Aufgewachsen ist der Sänger als Sohn anatolischer Einwanderer im Kölner Stadtteil Bocklemünd/Mengenich, einem sozialen Brennpunkt. „So groß zu werden macht einen aggressiv, misstrauisch und depressiv“, sagt er. Die Musik hat ihn von diesem Trauma befreit. Für die musikalische Früherziehung hat vor allem sein Vater gesorgt. „Er war einer der Ersten in unserer Siedlung, der nicht nur türkische Musik, sondern auch arabische, afrikanische und kurdische Musik konsumierte.“

          Mit seinem älteren Bruder schrieb er schon mit elf Jahren Rapsongs auf Türkisch. Er gab sich den Künstlernamen „Muhabbet“. Im Türkischen heißt das „Konversation“, er aber dachte dabei an die arabische Bedeutung: Dann steht „muhabbet“ für „reich, berühmt und schön“. Drei Adjektive, mit denen er sich eines Tages schmücken wollte. Wenig später entstanden erste Lieder auf Deutsch. Die deutschen Texte mit orientalischen Klängen zu kombinieren war die Idee seines Bruders.

          Es vergingen einige Jahre, in denen Mu­habbet ausschließlich auf Deutsch sang. „Irgendwann kam der Wunsch aus meiner Community, mehr türkische Songs zu produzieren. Wenn ich’s gefühlt habe, habe ich also auf Türkisch gesungen“, erzählt er und ergänzt: „Wenn ich Deutsch singe oder rappe, komme ich mir cooler vor. Wenn ich auf Türkisch singe, fühle ich mich emotionaler und offener.“ Heute produziert Muhabbet seine deutsch-türkischen Lieder zum Großteil in seinem Heimstudio. Das habe Vorteile: „Ich kann meine Frau bei der Erziehung unserer Kinder unterstützen und bin nie länger weg von zu Hause. Das will ich nicht missen.“

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