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Hype um „Queen’s Gambit“ : Schach ist das neue Klopapier

Eine typische Szene in „Das Damengambit“: Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) und ihr Freund und Gegner Benny (Thomas Brodie-Sangster) spielen eine Partie. Bild: dpa

Heiß begehrt und plötzlich schwer zu bekommen: Die Netflix-Serie „Das Damengambit“ und Corona machen einen Brettspiel-Klassiker zum Trend – gerade für junge Frauen.

          4 Min.

          Vor gut zwei Monaten eröffnete das Brooklyn Museum auf seiner Internetseite die virtuelle Ausstellung „The Queen and the Crown“. In einer computersimulierten großen Halle können Besucher die Kostüme zweier Netflix-Produktionen anschauen: „The Crown“ über die britische Königsfamilie – und „The Queen’s Gambit“, auf Deutsch „Das Damengambit“, in der es um das Schach-Wunderkind Beth Harmon geht. Das Museum, das mit Netflix zusammenarbeitete, wollte damit vielleicht auf einen Hype aufspringen, den besonders „Das Damengambit“ kurz zuvor ausgelöst hatte. Allein im ersten Monat nach Beginn der Ausstrahlung EndeOktober schauten 62 Millionen Haushalte weltweit die Serie. Auch wenn darunter alle fallen, die mehr als zwei Minuten durchgehalten haben, ist das eine riesige Zahl, die „Das Damengambit“ zur erfolgreichsten Miniserie macht, die je auf Netflix gelaufen ist.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass ausgerechnet eine Serie über Schach diesen Rekord aufstellt, mag überraschen. Schach ist zwar ein Klassiker unter den Brettspielen, der Klischeefan gilt jedoch oft als Nerd. Dank Netflix könnte es nun zu einem Trendspiel werden, denn der Erfolg der Serie zeigt sich nicht nur an den Zuschauerzahlen. Von einem regelrechten Schach-Hype war in den Vereinigten Staaten die Rede, Schachbretter, so hieß es in einer Radiosendung des National Public Radio, seien das neue Klopapier: heiß begehrt und schwer zu bekommen. In einer Pressemitteilung brüstete sich Netflix, dass die Ebay-Suchanfragen nach Schachbrettern seit Ausstrahlung der Serie um 250 Prozent gestiegen seien. Die Frage „how to play chess“, wie spielt man Schach, sei so häufig bei Google eingegeben worden wie seit neun Jahren nicht mehr. Auf Internetplattformen wie Chess.com oder Lichess.org haben sich die Neuregistrierungen in den vergangenen Wochen verfünffacht.

          Schachspiele sind kaum mehr zu kriegen

          Fragt man Christoph Kamp, Inhaber von Schach Niggemann, dem größten Anbieter von Spezial-Schachbedarf in Europa, ob es den Boom auch in Deutschland gebe, sagt er lachend: „Ja, allerdings. Ohne jeden Zweifel.“ Seit November, also gleich nach Serienstart, habe er zehnmal so viele Spiele verkauft wie sonst um diese Jahreszeit. Die Produkte aller Hersteller seien praktisch alle ausverkauft, es könnte also in den nächsten Monaten schwierig werden, an Schachbretter zu kommen: „Das ist natürlich eine vollkommen ungewöhnliche Situation.“ Vereinzelt habe er sogar Anfragen von Vertriebspartnern aus Amerika, die versuchten, ihren Bedarf mit Schachbrettern aus Europa zu decken.

          Sucht man nach einer Erklärung für die plötzliche Schachbegeisterung, geht es wahrscheinlich nicht nur um das Spiel selbst. Zwar ist die Serie auch deshalb besonders, weil sie, wie viele Schachgroßmeister bestätigen, die Schachpartien realistisch darstelle. „Das Damengambit“, sagt Ullrich Krause, Präsident des Deutschen Schachbunds, sei einfach gut gemacht: „Ich habe noch von niemandem gehört, dem die Serie nicht gefallen hat, egal, ob die Leute Schach spielen oder nicht.“ Letztere mögen aber vielleicht nicht nur auf die Spielzüge, sondern auch auf die ein oder andere Tapete geachtet haben. Zwar wurde die Serie auch dafür gelobt, die profane Welt kleinerer Schachturniere realistisch wiederzugeben – Beth spielt zu Anfang in schnöden Schulturnhallen. Doch diese Profanität hat rasch ein Ende. Die Leidenschaft der Protagonistin für schicke Kleider und teure Inneneinrichtung treibt sie fast in den Ruin, und schon zu Beginn der Serie wird klar: Sowohl Beth selbst als auch ihre Stiefmutter sehen Beths Schachtalent als einen Weg zum finanziellen Aufstieg.

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