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Hype um „Queen’s Gambit“ : Schach ist das neue Klopapier

Den Einfluss, den die Serie auf das echte Leben hat, sieht man auch daran, was für Schachbedarf gekauft wird. Händler Kamp sagt, er biete eigentlich alles an, was mit Schach zu tun habe. Gestiegen sei die Nachfrage aber vor allem bei Brettern, Figuren und Anfängerliteratur. Ein Kuriosum lasse sich auch beobachten: „Die Serie spielt ja in den sechziger Jahren. Da benutzte man noch mechanische Schachuhren. Genau die sind also gefragt.“ Dabei würden heute fast ausschließlich digitale Uhren verwendet, weil die einfach genauer seien. Dementsprechend wenig analoge Uhren gebe es auf dem Markt. „Aber die Kunden wollen unbedingt die aus der Serie“, sagt Kamp. Die seien auch sehr detailgenau ausgewählt worden, allerdings eben für die sechziger Jahre. Dass die Uhren damals schicker aussahen als ihre modernen Pendants, mag passionierte Schachspieler allerdings weniger interessieren als Zuschauer, die sich ein hübsches Serienaccessoire nach Hause holen wollen.

Eine Inspiration für Frauen

Nicht nur modetechnisch soll Beth Harmon, das merkt man der Serie an, mit Klischees vom Schach aufräumen. Sie ist eben nicht der klassische Nerd und vor allem – nicht männlich. Dabei sind berühmte Frauen in der Schachwelt bisher eine Seltenheit. Eine Schachweltmeisterin gab es, außer in der Frauenweltmeisterschaft, noch nie, und bisher schaffte es überhaupt nur eine Frau, die Ungarin Judith Polgar, Anfang der neunziger Jahre unter die zehn besten Spieler der Welt. Das liegt aber daran, dass deutlich weniger Frauen Schach spielen als Männer: Von mehr als 91000 Mitgliedern im Deutschen Schachbund sind nur 8000 Frauen. „Ich glaube, sogar im Boxen ist das Verhältnis ausgeglichener“, sagt Melanie Lubbe, eine der besten deutschen Schachspielerinnen. Warum das trotz großer Bemühungen der Vereine so sei, könne sie nicht sagen, so Lubbe. Vielleicht komme es auch daher, dass die männerdominierte Schachwelt abschreckend wirken könne: „Ich will es nicht Diskriminierung nennen, aber man hat schon einen schweren Stand.“ Kommentare, dass man „gut – für ein Mädchen“ spiele, gebe es durchaus. Lubbe, die sich seit Jahren für Mädchen im Schach einsetzt, hofft, dass die Serie dem Frauenanteil ein wenig Auftrieb verschafft.

In den Vereinen ist davon noch nichts zu spüren, was aber nicht am fehlenden Interesse, sondern daran liegt, dass der Spielbetrieb wegen Corona eingestellt ist. Christian Kamp sagt, er finde es bedauerlich, dass der Hype ausgerechnet jetzt komme, da die Vereine ihn kaum nutzen könnten. Dabei ist zu vermuten, dass die Pandemie die Begeisterung sogar beflügelt: Wenn viele Leute viel zu Hause sitzen, wird Schach zum idealen Zeitvertreib. Und online spielen kann man es auch.

Schachbundpräsident Krause ist optimistisch, dass sich die Euphorie auch in die Zeit nach der Krise wird retten können: „Ich bin mir sicher, dass wir einen Zuwachs an Mitgliedern haben werden, wenn der Vereinsbetrieb wieder läuft.“ Es sei ja auch relativ einfach, mit dem Schachspielen anzufangen, denn die Basis sei in den meisten Fällen schon da: „Sehr viele Leute kennen die Regeln. Und wenn nicht, sind sie schnell erklärt.“ Es brauche keinerlei Voraussetzungen, um mit dem Schachspielen anzufangen: „Man kann acht sein oder 80, das ist völlig egal.“ Würde das Alter der Netflix-Zuschauer durchschlagen – für die Zukunft der Vereine jedenfalls wäre das ein Traum.

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