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Programmiererin im Gespräch : Brauchen wir eine Tech-for-Future-Bewegung?

  • -Aktualisiert am

Die Erde bei Nacht: Kann die Digitalisierung die Klimakrise eindämmen – oder verschärft sie diese eher? Bild: AFP

Aya Jaff gilt als eine der bekanntesten Programmiererinnen der Republik. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen im Silicon Valley, die Chancen der Digitalisierung in der Klimakrise - und warum sie kein Fairphone nutzt.

          5 Min.

          Kann die Digitalisierung die Klimakrise eindämmen – oder verschärft sie diese eher?

          Das Thema nachhaltige Digitalisierung bekommt mehr Bedeutung, aber es müsste natürlich noch sehr viel stärker darum gehen. Die Digitalisierung eröffnet viele Chancen für nachhaltige Ansätze, um das vorwegzuschicken: Wir können durch sie eine echte Kreislaufwirtschaft umsetzen. So können gebrauchte Materialien weitgehend wiederverwertet werden. Aber die Digitalisierung darf zugleich nicht die Klimakrise ausweiten. Wenn man sich nun meine Branche der Coder ansieht, steht für viele aber immer noch die Frage im Vordergrund: Wie kann ich eine Seite performanter machen, sprich: die Ladezeit verringern?

          Während die Rechenzentren, über die das Internet weltweit läuft, inzwischen so viele Emissionen erzeugen wie der internationale Flugverkehr.

          Hinzu kommt, dass sich durch die Weiterentwicklung und den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz und das Internet der Dinge die Menge an gespeicherten Daten in den kommenden Jahren drastisch vervielfachen wird. Das heißt: Die Bemühungen um Reduzierung in der Gegenwart bringen uns längerfristig keine nachhaltige Lösung. Denn diese Entwicklungen lassen sich ja nicht aufhalten. Die Welt wird 2025 eine Datenmenge von schätzungsweise 160 Zettabytes erzeugen.

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          Wo sehen Sie Lösungsansätze?

          Der Kern des Problems liegt beim Speichermedium. Den Firmen, mit denen ich zusammenarbeite, rate ich, den Blick auf andere Medien für die Datenspeicherung zu richten – zum Beispiel auf DNA.

          Wie kann man sich das vorstellen?

          Die Struktur einer DNA wird nachgebaut, das heißt, die vier Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin werden dafür genutzt, den digitalen Code aus Nullen und Einsen zu übersetzen. Nur ein Gramm DNA kann 215 Petabyte, das sind 215 Millionen Gigabyte, Daten speichern. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Festplatte eines Laptops kann nur ein Millionstel dieser Menge aufnehmen. Mit anderen Worten: DNA kann ungefähr eine Million Mal mehr Informationen speichern als die heutigen Flash-Laufwerke! So wird man künftig sehr viel mehr Daten mit sehr viel weniger Energieverbrauch speichern können. Um das Ganze noch etwas mehr zu veranschaulichen, einfach weil es faszinierend ist, sich die Möglichkeiten vorzustellen, die mich wirklich begeistern: Bei einem Treffen mit Mitarbeitern des amerikanischen Start-ups Catalog hatte einer der Mitarbeiter ein Glasbehältnis dabei, darin: 15 Gramm DNA.

          Und was war darauf gespeichert?

          Die gesamten englischsprachigen Wikipedia- Beiträge. Man kann rechnen: Ein Terabyte Daten entspricht einem Gramm.

          Sie wollen mehr Nachhaltigkeit durch Innovationen erreichen; warum nicht durch Reduzierung, wo sie möglich ist?

          Doch, das sollte natürlich ein Baustein sein. Aber zwei Gedanken dazu: Der wirklich schwierige Punkt ist ja, dass wir uns bei dem Versuch der Reduzierungen immer in dem Modell von Verhandlungslösungen bewegen. Wir müssen aber einer Krise begegnen, die immer weiter voranschreitet, während wir versuchen, in diesem alten Rahmen, wenn man es so nennen will, zu Antworten zu kommen. Aber uns läuft die Zeit davon. Wenn wir Innovationen schneller in den Markt bringen, können wir mehr erreichen.

          Und der zweite Punkt?

          Ich achte zum Beispiel sehr darauf, nachhaltig zu reisen und einzukaufen, um eben da, wo ich es als Einzelperson kann, die Klimakrise nicht zu vergrößern. Aber es ist rückständig zu denken, man könne etwa die Zeit begrenzen, die Menschen im Internet surfen. Die meisten meiner Generation würden das wohl als ein Grundrecht verstehen, freien Zugang zum Internet zu haben.

          Das muss ja nicht heißen, dass sie recht haben.

          Rückständig wäre eine Forderung nach weniger Internetverkehr. Unsere Arbeitswelt basiert darauf, dass Kommunikation schnell und vielfältig ist, dass man große Datenmengen schnell austauschen, dass man sich umfassend informieren kann. Natürlich kann jeder von uns dazu beitragen, indem er hinterfragt, wie viele Facebook-Posts er schreibt und ob es sie wirklich braucht. Ich finde ganz grundsätzlich, dass wir durchaus eine Bewegung wie Tech-for-Future brauchen, aber weniger ausgerichtet auf Verzicht oder den Ansatz, dass die Verantwortung auf den Schultern des Konsumenten liegt.

          Sie denken an eine Initiative, die an die Verantwortung der Tech-Unternehmen appelliert?

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